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Der Israelit · 1911-01-19 · Heft 3 (19.1.1911) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 3 (19.1.1911)
Date
1911-01-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Der Israelit Ein Centralorgan iOr das orthodoxe Judentum Begrfindef oon Dr. Lehmann in Rlainz 52. Mrgans, Sranhturfa. M.. Sen 19. Januar 1911 19. Cebefh 5671 M- 3 «botmewewt pro Vierteljahr: Gewöhnliche Ausgabe Mk. 1.50, HestauSgabe (Kunstdruck) Mk. 3.—. Auslandspreise: Gewöhnliche Ausgabe: Oesterreich-Ungarn 2 Er., Rußland l Rub., England 2 «h., Amerika 50 et».. Mederlande 1.20 fl., Frankreich Fr». 2.50. 1 Abonnements bei allen Postanstalten, Buchhandlungen, sowie direkt bei dem Verlag. HestauSgabe nur direkt. 1 Der Israelitisch eint jeden Donnerstag. Inserate: 30 Pfennig für die sechsgespaltene [ Colonel-Zeile; Rabatt nach Tarif. Juserateuaunahme nur durch Haas enstein u. Vogler A.-G., Frankfurt a. M.. und deren Filialen. Zahlungen können außer dirett an den Verlag erfolgen per: Lonto bei der ft. ft. Postsparkasse Wie« Bo. 78 605. ftonto bei de« ft. Postsparkassena«t Budapest Slo. 18424. Conto bei der Nigaer Lo««erzbank in Mit und deren Filialen. Der YYadiörudi Ser Hrtihei .unS Correfpon9en?en öes „Israelit“ iff nur unter genauer Quellenangabe, und, soweit es fidi um gröbere flufffifce hanöeit, nur natfi norheriger Genehmigung geffattef IrrhaltsLvrrstchl. 1. Leitartikel: Liberaler Kultus (II). — 2- LL o chenrun d f cha u: Die neue ivürttrmbergische Kirchenoerfassung. — Die jüdische Einwanderung in England. — Aufsätze: Julius i>iahu: Zum Antrag Gröber. — 4. Homiletik : Warum wir Juden heißen. — 5. Kleines Feuilleton: Rabl'. Dr. Hirschfeld: Dir jüdische Gemeinde zu Glephantinr und ihr Tempel. — Die Juden in Uruguai. — 6 Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin (Repräsentantensitzung.) — Posen (Rabbinerversaminlunxp) — Straßburg (Indische Seminaristen.) — Die galizisttze Zudenenquete. Lemberg. — Dogromrrdr in der Duma. Petersburg. — Zur Drehung der RavbinrrstrUr. Kowno. — Kord Smaylyling London. — Der Regierungswechsel. Bukarest. — Konstantinopeler Drief. - Salonit (Der Jerusalemer ldhachanibaschi-Posten) — 7. Vermischtes. Frankfurt a. M. — Frankfurt a. M. — Berlin. — Berlin. — Mainz. — Hof. — Leipzig. — Kaiserslautern. — Wreschen. Bern. — 8. Vereins we se n: Berlin. — Mixstadt. — Hamburg. — Fleyingen. — Kopenhagen. — Wien. — Basel. — 9. Persvnalien: Jchenhaüsen. — Fulda. — Brückenau. — Marburg. — Aub. — Kronaeb. — Abterode. " zeniez. — 10. Briefkasten. — Familiennachrichten. — Bereinekalendcr. — 11. Beilagen.: Erziehung und Lehre: Lehrer Menberg, Oldenburg: Das Wirken des gesetzestrcuen Kehrers in neologen Gemeiudcir in und außerhalb der Schule. — PrstoksU der am 2<». Dezember 1910 stattgehabten 7. Konferenz des Zweigvereins „Rheinland" des Kundrs gesetzestreuer jüdischer Kehrer Deutschlands. - Die Penstonsversicherung der privat beamten. — Eorrespondenzen und Nachrichten. — Bücherschau. — Sprechsaal. — 12 Feuill.-Beilage: :Aus einer verborgenen Welt. Liberaler Kultur. n. Und nun erst das Vorlesen aus der Thora! Dieser' altbeliebte Angriffspunkt für die Neorm!- „Nein, sagt der Artikelschreiber entrüstet, fort mit^dieser herkömmlichen Art, die Thora ganz in hebräisch zu lesen. Ein einheitlich in sich gechlossener Absatz von wirklich religiösem Jntereffe ist hebräisch zu. lesen und dann sofort in )ie Landessprache zu übersetzen." Er hielte es auch für recht gut, wenn diese Auswahl nicht ein für allemal festgesetzt wird, sondern dem Rabbiner überlassen bleibt, damit er evtl, seine Predigt daran knüpfen kann.- Also muß sich nach dem liberalen Progranim nicht mehr wie bisher der jüdische Lehrer nach der Thora richten, sondern umgekehrt, die letztere darf und soll zu seinem Zwecke redigiert werden. Nicht nur, daß in das Gesetz der Thora ein fremder Geist hineingetragen und für die einzelnen Satzungen teilweise eine neue Bedeutung erfunden werden muß, der Rabbiner kann nun auch im Gegensatz zu seinem Vorgänger, der doch bekanntlich seine Predigt an den verlesenen Wochenabschnitt anknüpfte, umgekehrt den Wochenabschnttt an seine Predigt anknüpfen. Wer lacht da? Dieser Modus kann ja übrigens zu einem recht interessanten, abwechselungsreichen Synagogenleben führen. Wenn etwa ein Synagoge nb au in der Gemeinde auf der Tagesordnung steht, so wird der Rabbiner, obzwar der Kalender auf Hochsommer und den Abschnitt N"i2n zeigt, doch lieber einen Abschnitt aus ^np'l verlesen lassen, um seine Agitationspredigt für den neuen Tempel direkt an den Vau der Stifts- Hütte anknüpfen zu könnnen. Und würde es ihm einmal mitten im kalten Winter einfallen, von der Kanzel herab über den AntisemMmus zu sprechen — kein unbeliebtes Thema auf einer Refmmkanzel —, so wird er einfach statt nn^in oder die Bilcamsgeschichte aus p}S verlesen lassen. Es könnte aber trotzdem noch unzufriedene Elemente in der Gemeinde geben, Nörgler, die von den weisen Einrichtungen des liberalen Kultus nicht ganz erbaut sind und am Rabbiner und seinem Werke Kritik üben. Sie könnten z. B. eine Protestversammlung einberufen, zu einer Zeit, in der solche Versammlungen stattzufinden pflegten: im November- oder Dezembermonet. Da wird der praktische Rabbi, dem die Thora zur freien Verfügung sieht, am darauffolgenden Sabbat kurz entschlossen statt der völligen Josefsgeschichte aus oder einfach mp verlesen lassen, um so das Thema für die Festnagelung der Rebellen zu finden und gleich von der Kanzel gegen die Rotte Korahs losdonnern zu können. Er wird es umso leichter tun können, als auch die Hastara nach den Ausführungen des jungen Rabbiners ganz wegfallen muß und er somit nicht in Veilegenheit käme, einen anderen passenden Abschnitt aus den Propheten für den von ihm neu* eingesetzten Wochenabschnitt zu wählen. . . . Wir hatten hier keineswegs die Abficht, durch Zerrbilder unsere Leser zu belustigen. Aber es fällt schwer, bei der Wertung solcher vermessenen und hirnverbrannten Ideen und Versuche ernst zu bleiben. Aber eine bitterernste Seite VIV IfU UyUII <rv«f»*v^ wenn man bedenkt, daß die Reform nach den Erfahrungen von sechs Jahrzehnten, nach all den Früchten, die ihre Giftsaaien gezeitigt, bei der stetig überhandnehnienden Tauf- und und Mischchenepidemie, die sie hervoigerufen oder gefördert, beim Rückgang der jüdischen Zahl und Kraft, die sie durch Bei flachung der altjüdischen Begriffe von Religion und Familie verschuldet, daß die Reform bei dieser Kette von Enttäuschungen, die sie erlebt, und schweren Schäden, die sie angerichtet, noch immer nicht genug hat und heute nichts befferes zu tun weiß, als auf eine weitere religiöse Radikalisierung der indifferenten und opferschwachen Massen hinzuarbeiten, ja den religiösen Abfall, wie er durch die Reform lächelnd geduldet wurde, bewußt zu systematisieren, kodifizieren und ihn in einer allem jüdischen Empfinden hohnsprcchenden Weise zu einem Programm zu erheben — das Programm des liberalen Kultus. Es ist wahrlich nicht zum Lachen! Doch weiter: Unser junger Rabbiner meint, mit einigen Bräuchen — die doch im alten Judentum nur eine Ausstrahlung des tiefen religiösen Empfindens waren —, wie etwa das Kindersegnen am Freitagabend, das Lichtbenschen, die Jahrzeit-Institutionen usw. das Judentum wieder neu und kräftig aufbauen zu können, und er meint inbezug auf die Kinder, in deren Elternheim solche Bräuche geübt würden, entweder sehr, naiv oder in gewohnter Abkehr von der Lcbenswirklichkcit: „Ich kann mir nicht denken, daß jemand einer Religionsgemeinschaft je untreu wird, die er so lebendig erlebt hat." Er muß doch sehr jung und sehr unerfahren sein, unser junger Rabbiner, und am wenigsten vertraut mit den Gefühlssphären und Lebensbedingungen der Kreise, die er in erster Reihe für seine Ideen gewinnen möchte. Wir empfehlen ihm t ie neuen sehr naturgetreuen * Milieu-Romane von Schnitzler, Dessauer usw. zur Leklüre, in denen die Getauften und Halbgetausten mit photographischer Genauigkeit gezeichnet werden. Er wird dabei erfahren, laß diejenigen, die ganz oder zum Teile unserer Religionsgemeinschaft untreu geworden sind, wie sie zu Hunderten in der Leopold st adt zu Wien und auf dem Kur fürstendam m zu Berlin ein äußerlich glänzendes aber innerlich ach so armes und konfliktreiches Dasein führen, nicht nur

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