Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 2 (12.1.1911)
- Date
- 1911-01-12
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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(Schluß,) Auf allen Punkten geschlagen, wurde ich daher, was auch die Großen oft tun, wenn ihnen die Gründe ausgehen, rechtausfahrend und grob, hielt ihr noch einmal ihre Dummheit vor, obwohl dieselbe ganz zweifellos auf meiner Seite war, wofür meine Gegnerin auch sofort wieder einen neuen Beweis lieferte. «Wir können ja bald sehen, wer von uns recht hat," meinte sie- „wir wollen zu Hause dem Bater die ganze Geschichte erzählen und er soll's sagen." Dieser Vorschlag genügte, um jeden Zweifel bei mir zu beseitigen, daß ich wirklich im Unrecht war. Denn auf die Entscheidung dieses Tribunals wollte ich es nicht ankommen lassen. Und dennoch wollte ich es nicht eingestehen, wie unangenehm es mir war, wenn der Vater etwas von der ganzen Sache erfährt. Um das dürftig zu markieren, mußte ich noch um einen Grad gröber werden. Ich nannte meine Schwester eine Schwätzerin, die alles brühwarm ausrichten müsse und nichts für sich behalten könne. Sie sah mich noch einmal groß an und meinte: „Wir werden doch zu Hause erzählen, was uns mit dem Papierhändler passiert ist, wie er uns angeredet hat, wie er uns etwas schenken wollte und die ganze Geschichte?" „Aber von dem Namen brauchst du doch nichts zu sagen?" bemerkte ich, aber noch immer in sehr hochmütigem Tone. „Warum nicht?" erwiderte die Schwester unbefangen, „wir wollen ja sehen, wer von uns recht hat." „Na, schon gut", sagte ich, die Diskussion abschneidend, „aber ich will es erzählen, wie die Geschichte war und nicht Duich bin doch der ältere." „Dagegen habe ich nichts", entgegnete die Schwester, „aber ich muß dabei seinist Dirs so recht?" „Meinetwegen", erwiderte ich mürrisch, und den ganzen Weg legte ich mir eine Darstellung des ganzen Vorgangs zurecht, um die Namen- Szene in möglichst harmlosem Lichte erscheinen zu lassen. Als wir nach Hause kamen, ging man gerade zu Mincha, nachher war die Stube voller Leute bis abends nach Hawdolo. Dann erzählte ich die Geschichte so wie sie sich zugetragenaber vomin«. sunt odiosa! Üeber die Frage des Papierhändlers nach meinem Namen und über metnr Antwort suchte ich schweigend hinwegzuhuschen. „Etwas hat er vergessen", fing dann meine Schwester an. „Der Papierhändler hat ihn gefragt, wie er heißt, und er hat gesagt: Heinrich!" Da ich sonst nicht an Vergeßlichkeit litt, so wußte mein Bater sofort, wie viel Uhr es war. Auch ein weniger scharfer Blick als der seinige hätte erkannt, daß ich nicht etwa aus kindlicher Einfalt, sondern im vollen Bewußtsein des Unrechts meinen jüdischen Namen verleugnet und einen anderen mir beigelegt habe. Und wie hatte ich jetzt wieder als ganz dummer Tropf gehandelt l Erstens hätte ich mir doch denken können, daß die Geschichte nicht verschwiegen bleibt und daß meine Verheimlichung sie nur noch schlimmer machte. Dann hätte ich sie um jeden Preis am Schabos selbst noch erzählen sollen, denn am Schabbos wurden alle körperlichen Züchtigungen nicht mit Strick und Farrenschwanz sondern mit der flachen Hand erledigt. Aber jetzt? Aus den Blicken, aus jeder Miene des Vaters glühte ein heftiger, schmerzlicher Zorn. „So, Heinrich heißt Du? Ich will Dich Heinrichen!" Er holte nicht den Farrenschwanz aus dem Gießfest-Schrank, sondern packle mich am Genick trug mich an die Richtstätte schwebend hin, und vollzog die Exekution mit einem flammenden Zorn, wie ich ihn noch nie vorher gesehen. Ich wimmerte und schrie und versprach, nie mehr meinen Namen verleugnen zu wollen. Aber es half alles nichts, die Strafe wurde regelrecht zu Ende geführt und schloß mit den Worten: „Das war für den Heinrich!" Fünfzig Jahre sind bald seit jener Strafe verflossenwie oft, wie oft habe ich seitdem mit heißen Dankesschwüren die strafende, väterliche Hand gesegnet, die mich gefeit hat gegen den Verrat, gegen die Feigheit und Fahnenflucht, mit weicher jüdische Männer und Frauen ihre jüdischen Namen verleugnen. Vor unseren jüdischen Namen habe ich seitdem einen heillosen Respekt. Kuriert, gründlich kuriert von dieser Niedrigkeit der Gesinnung, die sich so oft in dieser Verleugnung äußert, habe ich viel über die Bedeutsamkeit der jüdischen Namen nachgedacht und über die Treue, die an ihnen festhält, sowie über die Untreue, die sich ihrer schämt, aber das erfordert ein Kapitel für sich. Die neue Wahrheit war mir aber auch tief eingeprägt oder eingebläut worden, sie war teuer erkauft. Gegen meine Schwester hatte ich keinen Tropfen Bitterkeit mehr und sie ebensowenig gegen mich. Als sie mich nachts wimmern hörte, tröstete sie mich, und als ich morgens noch nicht beruhigt war, beruhigte sie mich so gut sie konnte, aber als sie ihre Schuhe anzog, hörte ich sie doch leise seufzen: „Ach, der grüne Heinrich!" H«5 einer verborgenen Ulelf. ChaM-ifche Geschichte«. Nach der Zusammenstellung eines galizischen Chassid bearbeitet von Sch. I. Die drei winke. Es war einst ein jüdischer Pächter in einem kleinen waldumgebenen Dorfe, der von der kleinen Wirtschaft, in welcher die Bauern und Holzknechte der Umgegend verkehrten, sich und seine Familie recht und schlecht ernährte. Da kam es infolge einer Mißernte, daß der Gutsbesitzer, von dem der Jude die kleine Wirtschaft in Pacht hatte, viele Arbeiter und Knechte entlassen mußte. Auch die Bauern, die Nahrungssorgen drückten, kamen nicht mehr so häufig ins Wirtshaus. Eine Zeit der schweren Sorge und bitteren Not kam für den armen Pächter heran. Er sah sich nicht mehr in der Lage, für seine Frau, die allezeit wacker mit ihm für das Haus sich mühte und für seine wohlgeratenen Kinder das tägliche Brod zu verdienen. Auch konnte er das Pachtgeld dem Gutsbesitzer nicht mehr entrichten. Da entschloß er sich, zum Wanderstabe zu greifen. Und in der Hoffnung, daß ihm Gott auf irgend eine Weise Hilfe schicken würde, ging er in die weite, weite Welt hinaus. Im fernen Süden fand der arme Pächter bet wohltättgen Glaubensgenossen freundliche Aufnahme. Und da er schristkundig und vertraut mit allen Gebieten der jüdischen Lehre war, stellten ihn die wohlhabenden Leute als Lehrer für ihre Kinder an. Sein kärgliches Gehalt reichte ihm kaum für sein Auskommen. Aber der bescheidene, anspruchslose Mann sparte sich jede Kopeke vom Munde ab. Er versah mit großem Eifer und ungewöhnlicher Pflichttreue sein Amt, sodaß die Leute, die ihm die Erziehung ihrer Kinder anvertraut hatten, voll des Lobes waren über seine Leistungen und ihn von Zeit zu Zeit mit Geldgeschenken bedachten. Der Mann freute sich darob ganz ungemein, denn er dachte an Frau und Kino in der fernen Heimat, die schutzlos dem harten Geschicke preisgegeben waren. Und er hoffte bald eine genügende Summe beisammen zu haben, um heimkehren zu können und seine frühere Arbeit im Kreise seiner Lieben wieder aufzunehmen. So arbeitete der arme Hauslehrer zwölf Jahre hindurch, in sieter Sehnsucht, in steter Hoffnung und ungebrochener Pflichttreue. Nun, da er neunhundert Rubel sich erspart hatte, trat er den Heimweg an, um seine vernichtete Existenz, so gut es ging, wieder aufzurichten. Er fuhr und fuhr bis er in der Stadt Berditschew angelangt war, in welcher damals ein weit gesuchter und allgemein gefeierter Rabbi wohnte. Fremd in dieser Stadt, nahm der Pächter seinen Weg zum „Stübel" d. h. zu dem Lehr- und Bethaus des Rabbi, in welchem alle feine Chaffidtm beim Gebete und Studium der Kabala zu wellen pflegten. Die tiefe Andacht und die glühende Begeisterung, mtt welchen in diesem Hause gebetet wurde, ergriff den Fremden, der schon lange fern von einem solchen gottgeweihten Kreise gelebt hatte, gar sehr, und er suchte nach beendigtem Gottesdienste den Rabbi auf, um von ihm den Segen zu empfangen. Der Rabbi begrüßte den Fremden mit sichtlichem Wohlwollen und mit allen Zeichen der Liebe. Er lud ihn auch zum Früstück ein, und der Pächter folgte voller Freude ob dieser ehrenvollen Auszeichnung, dem großen Rabbi ins Haus. Beim reichen Mahle, an dem noch viele andere Freunde und Verehrer des Meisters tellnahmen, fühlte sich der fremde Pächter von der Größe des Meisters gehoben und in hohe ferne Regionen getragen, von denen er weder in seiner einsamen Waldschenke noch, in seiner Schulstube im fernen Süden je etwas geahnt hatte. Und es war ihm in diesem Kreise so heimisch und so wohl zu Mute, daß er für eine Weile all die Leiden der Vergangenheit und all die Hoffnungen, die ihn heimwärts, einer besseren Zukunft entgegenzogen, vergaß und sich ganz im Banne des großen Mannes befand. Nach beendeten! Mahle bat nun der Pächter, der sich nun ganz allein beim Rabbi befand, diesen um den Segen und um einige Fingerzeigen für sein ferneres Leben. Da wurde des Rabbi Antlitz hart und mit einer Sttmme, die dem Pächter ganz fremd anmutete, sprach er: „Drei Merkworte will ich dir mit auf deinen Heimweg geben, deren jedes aber dreihundert Rubel kostet. Die Summe ist im voraus zu bezahlen. Erlege das Geld und ich werde dir die Worte nennen." Der Pächter wurde traurig. Hatte er wohl darum sich das Geld vom Munde abgespart und es in langjähriger rastloser Arbeit zusammengebracht, um es auf diese Weise zu vergeuden? Und was sollte er für die große schwer verdiente Summe einkaufen? Worte, nichts als Worte! (Fortsetzung folgt.)