Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1911)
- Date
- 1911-01-05
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Feuilleton-Beilage zu Nr. 1 des „Fsraelit". euilleton Der grüne Reinlich. Bon Judäus. (Fortsetzung.) Als der Redestrom Plötzlich innehielt, erwachte der Vater und gab das Signal zum Tischgebet. Auf der Straße hustete und pfiff bereits mein Rescrvefreund Gustavaber auf den mußte ich heute verzichten. Denn eine Stunde hält er die Fenster Promenade nicht aus und früher kann ich nicht kommen. Ich gab ihm das durch eine sauersüße Miene und diverse andere Gesten zu verstehen. Er wartete trotzdem noch eine Viertelstunde. Aber ich hatte "die erste Parsche der Sidra roch nicht zuende, als ich ihn abmarschieren hörte. Kurz nach eins war ich fertig. Ich gehe auf die Straße, sie ist leer. Gehe ich nach Stock- Heim, um meine Spielgenossen oufzusuchen, so sind sie gewiß die entgegengesetzte Richtung nach Strinbach gegangenverdrießlich und verbittert über mein Schicksal, lernen zu müffen, während die andern spazieren gehen können, gehe ich wieder zurück. Der Vater schläft. Unmittelbar vor dem Einschlafen konnte ihn das leiseste Geräusch stören, aber einmal im Schlafe konnte man wie gewöhnlich sprechen, ohne ihn damit zu wecken. Die Mutter saß an dem Himmelbett, hinter dessen Vorhängen sie an Wochentagen stand, wenn sie sich frisierte, damit nicht einmal die Zimmerwände ihr Haupthaar sahen. Die Füße hatte sie auf den Schemel gesetzt und auf dem Schoße hatte sie den Zeeno Urenno und las daraus meiner Schwester vor, die auf dem Schemel saß und mit den Augen an den Lippen der Mutter hing. Ich setzte mich auf die andere Ecke des Schemels und hörte ebenfalls zu. Es war der alte Zeeno Urenno mit seinen in den Text gestreuten plumpen Holzschnitten, die uns als Ausbund der vollendetsten Malerei galten. Wir lasen und hörten den ganzen Zeenno Urenno- Text nur um die Bilder richtig zu verstehen, und daß wir sie richtig verstanden, dafür sorgte schon der lebendige Kommentar von Vater und Mutter. Für emen Augenblick harte ich darüber Schmul Lauterbach und selbst die Spielgenossen vergeffen. Es war um die Zeit von Tische be Ab. Die Mutter las die Geschichte vom Churban vor. Wir sahen Jerusalem fallen das Bes- Hamikdosch in Flammen aufgehen, Titus mit seiner Fliege im Hirnschädel, Vesspasian, Rabbi Jochanan ben Sakai, alle waren sie abgebildet, über alles wußte die Mutter noch etwas mehr zu berichten als da im Texte stand. Das war schöner als gespielt und spazieren gegangen. Aber nach zwei Uhr war auch die Geschichte vom Churban zu Ende, und auch die Mutter war auf ihrem Platze eingeschlummert. Auf den Zehen schlichen wir beide uns zur Tür, öffneten und schloffen sie leise und gingen auf die Straße. Wir gingen in der Richtung nach Zell, das eine Stunde entfernt ist. So weit durfte man am Schabbos nicht gehendas große Eisen-Hammerwerk war die Schabbosgrenze. Dort setzten wir uns auf einen Haufen von Chauffeesteinen im Schatten einiger Kastanienbäume. Die heiße, staubige Straße war menschenleer. Eben hatte mich meine Schwester darüber interpelliert, wie ich eigentlich auf dem Wiestnmarkt Schmul Lauterbach geholfen habe, als wir am äußersten Ende der Chaussee einen Mann in der Richtung auf uns zukommen sahen. In wenigen Mmuten hatten unsere Augen in dem Wanderer den Papierhändler von Zell entdeckt. Wir glühten in freudigem Entzücken vor dem uns bevorstehenden Tot« ä tete mit dem Gegenstand unserer unbegrenzten Hochachtung. „Herz", sagte meine Schwester, mich mit diesem meinem Vornamen anredend, „wenn der Papierhändler bei uns stehen bliebe und gar mit uns zu sprechen anfi»ge!" Mich beschäftigte dieselbe Erwägungtrotzdem verdroß cs mich, daß meine Schwester die Bemerkung gemacht hatte. Denn der Papierhändler war uns schon so nahe gekommen, daß es nicht ausgeschloffen war, er habe diese Worte gehört. Das wäre nun an und für sich auch kein besonderes Unglück gewesen, aber was mir gegen den Strich ging, war mein jüdischer Name: Herz, den meine Schwester so unnötiger Weise betont hatte. .Ich hatte das Gefühl, daß mein jüdischer Name keineswegs geeignet sei, mich bei dem Papierhändler bester einzuführen. Es war die Feigheit, den Juden zu verheimlichen, den jeder Blick meiner Augen, jeder Zug meines Gesichts ohnedies verriet, ohne daß meine kindliche Einfalt davon eine Ahnung hatte. Wenn es mir nur gelang, den jüdischen Namen zu verheimlichen, so glaubte ich, kein Papierhändler der Welt werde das Geheimnis, daß ich ein Jüdenjunge sei, entdecken. Jetzt war er bei uns angelangt und blieb wirklich stehen. Unsere jungen Herzen schlugen höher, und nun fing er gar mit uns zu reden an: „Habt Ihr vielleicht noch ein wenig Platz, dann setz' ich mich ein bißchen zu Euch- Ihr habt Euch da ein schönes schattiges Plätzchen ausgesucht." Mic diesen Worten nahm er den Kasten mit den teuren Kleinodien vom Rücken, stellte ihn auf den Boden und setzte sich neben uns. Wir waren vor Verzückung ganz blöde, rückten fest zusammen, damit der Papierhändler ja recht gut sitzen könne und brachten kein Wort hervor. „Wie heißest du denn?" fragte er mich zutraulich. „Heinrich!" war die rasche, verhängnisvolle Antwort, denn ich hatte Angst, meine Schwester könne nur zuvorkommen und sagen, daß ich Herz heiße. Diese warf mir einen bitterbösen Blick zu, der mich als Heuchler, als Feigling und als Lügner erklärte. Aber der Papierhändler ließ um so gnädiger und herablassender seine Augen auf uns ruhen, er fragte mich dies und jenes, blieb fast eine volle Viertelstunde bei uns sitzen, und als er sich zum Weitermarsch erhob, holle er aus seiner Schatzkammer ein kleines Notizbuch, in dem ein Bleistift steckte, hervor, und wollte es uns schenken. Jetzt hieß es Farbe bekennen. Wir konnten am Schabbos doch kein Bleistift in die Hand nehmen, wir mußten also das Geheimnis unseres Judentums preisgeben und erklären, daß wir das fürstliche Geschenk nicht annehmen können, weil wir es wegen des Schabbos nicht nach Hause tragen, ja, nicht anfaffen dürfen. Meine Fahnenflucht fand aber noch einen Strohhalm, an den ich mich klammerte, indem ich erklärte: „Wir dürfen niemals von anderen Leuten Geschenke annehmen, unsere Eltern haben es uns streng verboten." Wieder hatte ich die Worte mit derselben Hast wie vorhin herausgepoltert aus Furcht, daß mir die Schwester mit der Wahrheit zuvorkommen werde. Aber meine Ausrede konnte der Liebenswürdigkeit des Papierhändlers nicht lange Stand halten. Er meinte, indem er mir das Büchelchen mit dem Bleistift direkt vor die Finger hielt: „Wenn's weiter nichts ist, ko könnt Ihr das ruhig hinnehmen. Ich komme ja oft genug vorbei, und wenn's Eure Eltern nicht erlauben, so könnt Jhr's mir zu jeder Zeit wieder zurückgeben." „Es ist aber heute Schabbos," platzte nun die Schwester heraus, „und da dürfen wir es nfcht nach Hause tragen, wir dürfen es nicht einmal anfaffen, auch wenn es uns nicht verboten wäre, Geschenke anzunehmen." „Das ist etwas anderes," erwiderte leutselig unser Gönner, „daran hatte ich nicht gedacht, obwohl ich es schon Euren schönen Sonntagskleidern hätte ansehen können. Na, wir kommen auch einmal am Wochentag zusammen, so lang heb' ich Euch Euer Präsent ans." Mit diesen Worten nahm er seine teuere Last wieder aus den Rücken und ging seines Wegs. Ich aber, kirschrot vor Wut, fiel meine Schwester, als der Papierhändler außer Sicht war, mit zornigen Worten an: „Wie kannst du nur so dumm sein und so einem Mann etwas vom Schabbos sagen?" Meine Schwester sah mich einen Augenblick groß an, und sagte weiter nichts als: „Seit wann heißt du denn Heinrich?" Wie ich eigentlich dazu kam, feiger Weise meinen jüdischen Namen zu verleugnen, das ist mir heute noch ein psychologisches und pädagogisches Rätsel, obwohl ich inzwischen dieselbe Feigheit bei vielen Erwachsenen angetroffen habe. Die Niedrigkeit der Gesinnung, aus welcher diese Feigheit in hundert Fällen neunundneunzig Mal fließt, war mir damals ganz fremd. Ich schämte mich meines Judentums nicht nur nicht, sondern ich hatte gar keine Ahnung davon, daß es dabei etwas sich zu schämen gebe. Wohl wurde mir von anderen Schulknaben oft genug Jud! Jud! nachgerufen, aber ich faßte das immer als einen Ausruf des Neids von ungebildeten Gaffenjungen auf, die uns nicht gönnten, daß uns vor allen Völkern Gott auserwählte. Die erklärten deshalb die Trauben für sauer, die für sie zu hoch hingen. — Ich machte aus meinem Judentum sonst nicht nur kein Hehl, sondern sogar noch einige Jahre später hielt ich es für meine Pflicht, besonders befreundete christliche Schulkameraden auf jüdische Neligionsvorschristen, die meinem kindlichen Sinn besonders wichtig erschienen, recht angelegentlichst aufmerksam zu machen, damit auch sie dieselben beobachteten. Es ist das ein sehr intereffantes Kapitel, das eine besondere Darstellung verdiente. Ich streife es hier nur, zum Beweis dafür, daß ich mich meines Judentums nicht schämte und trotzdem so angelegentlich meinen jüdischen Namen verleugnen wollte. Als meine Schwester mir so unvermittelt meinen Namenswechsel vorhielt, fühlte ich das Unehrenhafte der ihm zu Grur de liegenden Motive, aber ich gestand mein Unrecht nicht ein, sondern suchte meine Handlungsweise noch als einen Ausfluß höherer Staatsraison zu rechtfertigen, indem ich antwortete: „Auf deutsch heiße ich Heinrichder Papierhändler hätte mich ja gar nicht verstanden, wenn ich Herz gesagt hätte, bei den Christen kennt man ja den Namen gar nicht." „So?" entgegnete meine Schwester, „du hast ja auf deinem Schreibhefte auch deinen jüdischen Namen geschrieben und die Lehrer verstehen es ganz gut." „Das ist etwas anderes," wandte ich ein, „die Lehrer wiffen es aus meinem Geburtsschein und Impfschein, daß ich Herz heiße, da kann ich meinn Namen doch nicht anders schreiben.^ „So gut wie's die Lehrer verstehen, hätte es der Papierhänder auch verstanden," gab meine Schwester hartnäckig zurück. (Schluß folgt.) -.—.--LUS