Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 101 (23.12.1897)
- Date
- 1897-12-23
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2448705-2448800--45122-2494251- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1925 NeuMeton. —Der!1lesckores. Von I. Potapenko. Attwrifiltc Uebersetzuag aus dem Russischen von 8. Murachina. 2) sAlle Rechte vorbchal>cn > Die Uhr hat schon sieben geschlagen. Ein prachtvoller Morgen heuteSo klar un) frisch. Nach einer Stunde wird es freilich heiß und schwül werden, denn man ist ja im Juli. Auf dem Markte ist ein fürchterliches Gedränge. Die ans den nächsten Dörfern mit ihren Produkten angekommenen Bauern haben schon etwas verkauft — Eier, Milch, Butter, Quark und Gemüse — sind auch schon in der Schenke gewesen und schreien nun einander aus vollem Halse an. Der reichlich genossene Fusel ist ihnen zu Kopse gestiegen und hat sie in eine so recht kriegerische Stimmung gebracht. Ohne Rauferei und Keilerei geht cs nicht ab. Eine Menge Juden huschen in ihren langen, schmutzigen Kaftanen zwischen den Fuhren herum und verrrchten ihre kleinen Geschäfte. Hausfrauell imb Köchinnen mit großen Körben machen Einkäufe und feilschen ingrimmig um jede Kopeke. Ihr durchdringendes Gekreische gellt nur so in den Ohren. Abgerissene Taugenichtse, die zu faul zum Arbeiten sind, und elende Krüppel betteln ihr Frühstück zusammen. All dieses macht einen ermuthigenden Eindruck auf Jzka. Er liebt es, wenn es um ihn herum so recht bewegt ist. Er hat sein ganzes Leben in unaufhörlicher Bewegung verbracht. Der Anblick des bunten Getriebes auf dem Markte, wo so viele Menschen ihr tägliches Brod verdienen, bringt sein Gemüth in angenehme Aufregung, begeistert ihn sogar. Er geht augenblicklich ins Gasthaus und denkt: „Möchte doch wissen, ob Boruch schon da ist; ob er schon auf dem höckerischen Kasten sitzt oder zu Hause geblieben ist, weil er Herrn Frankel fürchtet?" Boruch thut ihm eigentlich im Grund seines Herzens leid, denn Boruch ist ein unglücklicher Mensch. Unglücklich ist er darum, weil er etwas übernommen hat, was er nicht ordentlich aussühren kann. Was ist er für ein Meschores? Um Meschores zu sein, muß man vor Allem einen feinen Verstand besitzen. Dann muß ein Meschores alles wissen: wo etwas billig zu kaufen und wo etwas thcuer zu verkaufen ist. Er muß auch Menschenkenntniß haben, seine Menschenkenntniß, muß jeden Kunden auf den ersten Blick durch und durch sehen können. Deni Einen kann man alles anbieten, was man will — er. wird alles kaufen, wenn es nur billig ist, den Anderen kann man aber nur vorsichtig und schlau dazu bringen, etwas zu kaufen; bringst du ihm Tabak einfach in Zeitungspapier eingewickelt, so ist er im Stande damit auf der Stelle znm Polizeimeister zu lausen und dann sitzt du fest und kein Ach und Wehe hilft dir. Ein achter Meschores, so einer, der angeborene Fähigkeiten zu seinem Geschäft hat, wird nie in die Klemme gerathen. Er sieht sogleich mit wem er es zu thun hat imb wird demgemäß handeln. Boruch aber, der arme, dumme Boruch läuft jeden Augenblick übel an! Außer diesen Gedanken hatte Jzka noch viel mehr im Kopse. Es waren dies auch nicht seine Hauptgedanken an diesem Tage; er gab ihnen nur augenblicklich den Vorzug vor allen anderen, weil sie gleich befriedigt werben mußten, gleich Klärung und Lösung erheischten. Die Hauptgedanken waren sozusagen mehr intimen Charakters, da sie seine Familie betrafen. Um seine dritte Tochter (zwei waren schon verheirathet) bewarb sich ein Freier . . . Diesen Umstand wollte er erst nachher bedenken, nach der Abreise der Obrtstin, denn in dieser Frage hing viel von der Summe Geldes ab, die er diesmal bei der Dame verdienen würde. . . . Ja, der Freier ist ein theurer, sehr theurer Geselle — verlangt vierzig Rubel baar! Vierzig Rubel müssen noch verdient werden. Freilich was Jzka verspricht, braucht er ja nicht so genau zu halten; in feiner Macht liegt ja cigentliich nur das Versprechen, nicht aber das Erfüllen. Er kann ja wohl vierzig Rubel versprechen, denn sonst tritt der Freier ab, — und dann nur die Hälfte der Summe abgcben . . . oder, rund gerechnet — 25 dlubel. Der Freier darf nicht aus den Händen gelassen werden; Rebecca darf nicht mehr im Hause bleiben, bentt außer ihr sind noch zwei Töchter da, Susann« und Rachel, die auch schon nach Männern ausgucken. Der Freier ist nicht viel wcrth, sogar ein nichtsnutziger Kerl. Ist erst dreißig Jahre alt und hat schon vorne große Zahnlücken — wo hat er die Zähne gelassen? Jzka ist Über sechzig alt, hat aber Zähne, wie eine Katze. Ja, früher kamen die Leute haltbarer zur Welt. Was wird aus diesem Hilkis nach zehn bis fünfzehn Jahren? Er ist Klempner; vielleicht bringt das Geschäft die frühe Zahnlosigkeit mit sich. Alle Klempner sehen frühzeitig verlebt aus. Er verdient sehr wenig. Die vierzig Rubel verlangt er, um sich eine eigene Werkstatt zu gründen. Hm', eine Werkstatt! Das heißt: er miethet sich einen Schuppen, kauft etwas Blei, einige Geräthschaften, und wird ben Köchinnen Eimer und Theemaschinen lothen. Mehr als dreißig Kopeken verdient er damit nicht den Tag hindurch. . . . Ja, schlecht geht es auf dieser Welt dem armen Juden, ebenso.schlecht, wie es dem reichen gut geht. Dem Herrn Frankel, zum Beispiel, geht es gut, sehr gut. Fing auch damit an, daß er Meschores war in eben demselben Gasthaus, das nun sein Eigen-