Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 97 (9.12.1897)
- Date
- 1897-12-09
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2446951-2448705-2448796--45048-2494173- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
?p*l 7.:^r?'T-r7 >- ixrnn gahr«««. Iwnte fitilnge tu M 97 ües „Jatnelif*. Leitender Artikel. Arischer Thierschutz. Mainz,'8. Dezember. Wer da glaubt, es^sei unserer Zeit Vorbehalten gewesen, unter der Maske des Mitleids mit den Thieren eine Verfolgung der Menschen zu insceniern, der giebt sich einem gewaltigen Jrrthum hin; schon vor Tausenden von Jahren haben es die Menschen so gemacht und des Propheten Wort, das wir in der vorwöchentlichen Hastorah lasen: „Sie schlachten Menschen und küssen Kälber", wurde schon im Alterthum in Bezug auf diese menschliche Verirrung angewendet. Damals schon wie heute feierte die Heuchelei ihre Triumphe. Ist es doch so bequem, seinen bösen Trieben die Zügel schießen zu lasten, während ^man die Welt glauben machen kann, man gäbe einer eblen Regung Raum. Die braven Thierschützler in der Schweiz und in Sachsen geben sich dem Wahne hinIrnan beurtheile ihr Verbot des Schächtens ausschließlich vom Standpunkte des Thierschutzes, während doch heute schon jeder Knabe es weiß, daß der reine Antisemitismus die Triebfeder zu dem genannten Verbote gewesen ist. Um das zu erkennen, ist es nicht einmal nöthig, darauf hinzuweisen, daß heute noch nach wie vor in den königl. preuß. Conservenfabriken zu Spandau und Mainz das Vieh durch den Schächtschnitt, ohne vorherige Betäubung, vom Leben zum Tode befördert wird, man braucht sich nur darnach umzusehen, wie diejenigen, die nicht schlichten, ihr Vieh im Schlachthause zu behandeln pflegen. Eine hochgestellte Persönlichkeit, ein Mann mit scharfer Beobachtungsgabe, entwirft uns eine Schilderung, wie es in den Schlachthäusern, die nicht nach jüdischem Ritus schlachten, zugeht. In einem seiner Novellen*) erzählt uns Prinz Emil von Schönaich-Carolath von einem Knaben, der mit einer Kuh innige Freundschaft geschloffen. Die Beiden kannten sich und liebten sich, wie nur Mensch und Thier sich zu lieben vermögen. Die Kuh rettete dem Knaben hoch oben in der einsamen Sennhütte einmal das Leben, und der Knabe verstand die leiseste Regung des geliebten Thieres. Da wird die Kuh alt und vom Vater des Knaben zum Schlachthaus getrieben. Der Knabe erwacht des Morgens, nichts Gutes ahnend; die Kuh ist nicht mehr da und *) Der Freiherr, Regulus, der H. d. Thiere. Leipzig, Göschen. sein Jnstinct führt ihn hinunter Hin's Schlachthaus. Wir lasten nun den fürstlichen Autor weiter erzählen: „Drinnen wurde für den Wochenbedarf geschlachtet. Der Bedarf war groß, und die Arbeit wurde mit aller Macht abgethan. Hier endete ein geknebeltes Schwein, welches zwei Männer niederhielten, nach viertelstündiger Marter unter dem Messer, während sein markourchdringendes Geschrei, mit dem spärlichen siießenden Blut immer schwächer werdend — so verlangt es die ländliche Schlachtkunst —, stoßweise, in Absätzen verröchelte. Dort wurde ein kläglich blökendes Kalb unter Kniestößen über den Schrägen geworfen und festgeschnürt; dort hingen an der Lattenwand, den Kopf nach unten gekehrt, Schafe. Sie rangen ihren Todeskampf, denn sie waren bereits abgestochen und das Blut rann langsam aus der durchlöcherten Kehle in den niedergestellten Holzeimer. Ihre Qual währte lange, denn die hängende Lage hielt jeden rinnenden Tropfen im Hirn, dem Lebenssitze, zurück und verzögerte die erlösende Verblutung. Sie hingen geduloig, bis der letzte Lebenstrieb sich geltend machte und sie, wie von Entsetzen geschüttelt, noch einmal zu zucken begannen. Dann streckten sie sich, indeffen ihr großes, gequältes Auge zu Glas erstarrt. Ein Seitenschuppen war für das Großvieh eingerichtet, Winden und blutgetränkte Stricke hingen von der Decke herab, ein Beil diente zum Niederschlagen der Thiere. Eben war eines nach vielen schlecht und nachlässig geführten Hieben gefällt, daß es mit tiefem, dumpfen Aufröcheln seitlingS niedersank. Das Messer wühlte tief in seiner Kehle, und ein Blutstrom schoß gurgelnd über den Boden des Schlachthauses. Da that der sprachlos dastehende Knabe einen Schrei, wie ihn wohl niemals eine Kinderbrust ausgestoßen — angebunden an einem Querbalken, sah er die alte Helferin, die Bleß. Augenscheinlich sollte jetzt die Reihe an sie gelangen. Sie hatte stundenlang warten, stundenlang ansehen müssen, was mit ihren Vorgängern geschah, denn sie stand unbeweglich vor Entsetzen, die Füße auseinanderspreizend, ihr braunes Fell durchnäßt vom Schweiße lang verhaltener Todesangst. Als sie den Schrei hörte, wandte sie den Kopf; sie erkannte den kleinen Freund, und ihr angsterstorbenes Thierauge bekam ein Leuchten rührender Zuversicht. Sie stieß ein kurzes, jubelndes Brüllen aus, riß machtvoll an ihrem Stricke. — „Was will der Bub?" schrie einer der Männer mit zornheiserer Stimme, „wer heißt ihn gaffen, und wer hat ihn hereingelassen? Her mit der Kuh, der braunen, daß wir fertig werden vor Mittag. Vorwärts, zugefaßt! . . . Willst gar noch stoßen Kuhluder, du verhülltes?" * j