Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 95 (2.12.1897)
- Date
- 1897-12-02
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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1820 sie öffentlich den Sabbat entweihten und verbotene Speisen genößen. (Allgemeine Erregung.) Auch bei den Predigten der letzten hohen Feiertage seien seitens einiger dieser jungen Herren in ihren Predigten Dinge vorgekommen, welche zu dem llrtheil berechtigten, daß dieselben irreligiösen Anschauungen huldigten und für ihr Amt nicht quilifizirt seien. Drei solche Spezialsälle führte der Redner an: Ein Kandidat habe vor einer Gebetsversammlung, die zum überwiegenden Theil aus konservativ denkenden Elementen zusammengesetzt sei, in vollständig pantheistischem Sinne sich ausgelassen. (Entrüstungsrufe.) Derselbe Herr sei jetzt Prediger an der Reformgemeinde und zwar auf Befürwortung des Herrn Dr. Maybaum. (Lärm, wiederholtes andauerndes Pfuirufen.) Ein anderer habe sich nicht gescheut, seinen Zuhörern Unredlichkeit in Maaß und Gewicht vorzuwerfen. Ein dritter habe in seiner Predigt wahrheilswidrig behauptet, unsere Synagogen seien selbst leer von Besuchern, wenn gepredigt würde. Die Herren Worms und Dr. Warschauer suchten den Ausführungen des Herrn Schayer entgegenzutreten, was zu scharfen Entgegnungen führte, die einzelnen angeführten und getadelten Vorgänge wurden nicht in Abrede gestellt. Die Diskussion zog sich bis gegen Mitternacht hin und besonders wurde noch mißfällig ausgenommen, daß von einzelnen Religionslehrern beim Unterricht irreligiöse Ansichten den Kindern beigebracht würden und daß die Kinder beim hebräischen Unterricht unbedeckten Hauptes sitzen müßten. Die bekannte Resolution gegen die Einführung des sonntäglichen Gottesdienstes wurde ohne weitere Diskussion angenommen. Oe st e rr.-Un gar. Monarchie. § Graz, 14. Rov. Der ungarische Geschäftsmann Leopold Geber machte vor etlichen Jahren sein ganzes Vermögen zu Geld, und übersiedelte dann hieher, wo er ein Modemaarengeschäft eröffnete. Seine Tochter Relli besuchte hier eine Nähschule, wo sie mit den Satzungen der katholischen Religion bekannt wurde; ihre Schulkolleginnen führten sie wiederholt in ein benachbartes Nonnenkloster, wo man dann dem Mädchen zurrdete, sich taufen zu lassen. Als die Eltern hievon Kenntniß erhielten, ließen sie ihre Tochter nicht mehr aus dem Haufe. Letztere wußte ' sich aber dennoch heimlich zu entfernen und ging immer wieder zum Religionsunterricht in das Nonnenkloster. Eines Abends wurde sie deßhalb von ihrer Mutter bestraft. Am andern Tag verließ dann das Mädchen zeitlich Morgens das Elternhaus und flüchtete sich in das erwähnte Kloster. Die Eltern forderten wohl ihre Tochter zurück, sie wurden aber von en Nonnen abgewiesen. Sie wandten sich nun an die Behörden, fanden aber bei ihnen kein Gehör. Bald darauf wurde es hier stadtbekannt, daß das Mädchen getauft sei. Man darf wohl neugierig sein, wie diese Sache enden wird. Frankreich.? Marseille. Hier exiftirt ein Verein, der in weiteren Kreisen gekannt zu werden verdient, die „Gesellschaft zum Schutze der israelitischen Jugend und zu ihrer Ermuth'rgung bei der Erlernung von Handwerken." Die Gesellschaft nimmt sich der Kinder armer jüdischer Eltern vom Alter von sieben Jahren an, versammelt sie zweimal wöchentlich m einem geeigneten Lokal, wo sie körperliche Erfrischungen, aber auch Unterricht, besonders in dem sonst so arg vernachlässigten Religigionsunterricht erhalten, versieht sie zweimal im Jahr mit Kleidung und Schuhwerk und bringt sie im Alter von 13 Jahren zu geeigneten Lehrmeistern. In solcher Weise sind schon mehr als 300 Kinder guten Handwerken zugeführt worden. Personalien. Bavenhausen, 23. Nov. Schweres Leid ist über die hiesige israelitische Gemeinde gekommen Der überall beliebte, allerseits verehrte Herr Moses Strauß weilt nicht mehr unter den Lebenden. Am Mittwoch Abend besuchte er noch — wie er es Tag für Tag zu thun pflegte — die Synagoge. In der darauffolgenden Nacht verschied er. Sein Name als Förderer guter Werke ist bekannt, indem er eine Reihe von Jahren Vorstand der hiesigen „Männerkippe" war und den Fonds derselben aus dem bescheidensten Anfänge zu einer beträchtlichen Höhe emporarbeitete. Gern hörte er Worte der Thora und war auch selbst bemüht, sich mit der h. Lehre zu befassen, trotzdem er in seinem Geschäfte vielfach thätig war. Der Gemeinde, wie jedem, war er ein treuer Freund und Vater. Darum empfindet auch ein jeder den Verlust des Dahingeschiedenen. Das bekundete sich bei seiner m>. Die hiesige Gemeinde, viele christliche Bürger und Leute aus der Umgegend erwiesen dem Verstorbenen die letzte Ehre. Am Grab sprach Herr Rabbiner Dr. Selver aus Darmstadt und gab dem Schmerze beredten Ausdruck. Möge der Schöpfer den trauernden Hinterbliebenen den lindernden Balsam des Trostes ins Herz legen, und der edle Charakter des Verstorbenen sei uns stets ein leuchtendes Vorbild. 4. X. Vermischtes. Amsterdam. David Simons, der hier lange Jahre als Anwalt funktionierte, erhielt einen Ruf als Professor der Rechte an die Universität von Utrecht, dem er Folge leistet. Dieser Tage überreichten ihm mehr als 100 Kollegen ein Album mit ihren Photographien als ein Zeichen ihrer Freundschaft und Verehrung. Marseille Der französischen Regierung wird selbst schon äugst und bange vor der Ueberhandnahme des Antisemitismus in Algerien und sie wagt es daher auch nicht mehr, einen Juden vor ein dortiges Schwurgericht zu stellen, aus Furcht, derselbe könnte aus Racenhaß unschuldig verurtheilt werden. So wird jetzt der Israelit Sarfetoli aus Mostagenem, der angeklagt ist, einen christlichen Bicyclisten gestochen zu haben und deshalb vor das Schwurgericht in Oran gestellt werden sollte, nach Frankreich überführt, um hier vor einem Schwurgerichte als Angeklagter zu erscheinen.