Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 95 (2.12.1897)
- Date
- 1897-12-02
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XUTD1. Jahrgang. Erste Beilage ju 95 des -Lsrarlil". Leiiender Artikel Cink Mrndebatlk im Slierreilhifchen Mltzsrrth. Wien, L!>. Rov. Der Schluß der General-Debatte des Abgeordnetenhanscs über die Nothftandsvorlage brachte unter den thatsäcklichen Berichtigungen eine scharfe Polemik des Abgeordneten Dr. Straucher gegen die christlich-sozialen Redner, welche selbst aus der Hochwasser-Katastrophe zu Ende des Monats Juli für den Antisemitismus Kapital geschlagen hatten. Abg. Dr. Straucher (deutsche Fortschrittspartei) bemerkt, daß sowohl bei der ersten Lesung der Nothftandsvorlage wie auch heute von mehreren Rednern Anschuldigungen gegen einen Volksstamm erhoben worden seien, welche er als Angehöriger dieses Volksstammes ans das Ihatsächliche Maß zurückführen müsse. Der Abg. Dr. Lueger habe seinerzeit behauptet, daß alle jene Spenden, welche zur Sanirung der Wasserschäden in Wien und Niederösterreich beigesteuert wurden, lediglich aus christlichem Gelbe herrühren. (Abg. Gregorig: In Wien ist es auch so?) Der Bürgermeister Dr. Lueger hat unter dem 7. August einen Aufruf an die geiammte Bevölkerung veröffentlicht, worin er allerdings einen sehr milden Ton angeschlagen bat. Im Laufe nicht voller drei Wochen liefen von Juden mehr als 32,000 fl. für diesen Humanitären Zweck ein. Man möge nur die Listen Nachlesen. Dabei sehe er selbstverständlich von den Beiträgen der sogenannten verjudeten Banken ab, mit denen er sich absolut nicht identiffcire. Alle antisemitischen Zungen und Federn werden nicht im Stande sein, zu widerlegen, daß die Juden, bte von Ihrer Partei stets mit Schmack, Qualen und Ungerechtigkeiten überhäuft worden sind, ein GZühl für das Unglück und den Schmerz Anderer haben und sich daher keiner Aclion, welche an dieHumanität oppellirt, entziehen. Jnsoserne die Juden Ausbeuter sind, haben wir gar nichts mit ihnen gemein Wir verurtheilen ebenso die jüdische wie die christliche Ausbeutung. Der Abg. Dr. Scheicher hat behauptet, daß an der EnlHolzung der Wälder in Niederösterreich nur die Juden schuld seien. Nus einer Devastation der Wälder ziehen doch bekanntlich die Gutseigenthümer den Vortheil. Es ist bisher nicht bekannt geworden, daß gerade in Niederösterreich Juden die Gutseigenthümer wären. Abg. Wolfs: In Bosnien! Abg. Dr, Straucher: Da fragen Sie den Kallap! Die Majorität der Grundbesitzer von Niederösterreich, fast alle, sind bekanntlich Nichtjuden. (Widerspruch bei den Christlich-Sozialen und Rufe: Rothschild! GutmannMunk!) Das ist doch nicht die Majorität! Wenn gesetzwidrig vorgegangen wird, so ziehen Sie die politischen Behörden zur Verantwortung. Der Abg. Steiner hat behauptet, daß oer Ruin des Bauernstandes in Galizien und in der Bukowina durch die Juden herbeigeführt wird. Das ist thatsächlich unrichtig. Ich appellire an sämmttiche Vertreter au« Galizien und der Bukowina. (Gelächter auf der äußersten Linken.) Der Abg. Wolf kennt vielleicht die Verhältniffe im deutschen Reiche, aber die Verhältnisse im Osten Oesterreichs kennt er nicht. Etz war die k. k. priv. Ruftical-Creditanstalt, ein Wucher- Institut schlimmster Art, welche Alle gleichmäßig ausgebeutet hat. Ich weiß es aus meiner Berufsbeschäftigung, daß Tausende und aber Tausende von Bauernwirthschasten executiv um Spottpreise feilgeboten worden sind und daß dadurch die Bauern zur Auswanderung getrieben wurden. Im Jahre 1877 ist in diesem Hause der sogenannte Wucherausschuß zusammengesetzt worden, deffen Berathungen das Wuchergesetz zur Folge hatten. Der Referent, der sich am meisten gegen die Auswucherung gestemmt hat, war ein Jude, Dr. Hönigsmann, und die Petitionen gegen die Auswucherung des Landvolkes gingen von der Bukowina, von Juden, aus. (Abg. Wohlmeper: Wer hat denn den Krach vom Jahre 1873 herbeigeführt?) Da berufe ich mich nur auf die Angaben Hausner's, gewiß einer Autorität in dieser Beziehung, welcher nachgewiesen hat, daß an der Spitze der Gründungen dieses sogenannten wtrthschaftlichen Aufschwunges eine Unsumme von Fürsten, Grafen und anderen gezackten Herren gestanden sind. Die Juden waren mit schuld, aber nicht ausschließlich. Wollen Sie also Ihre Beschuldigungen nicht immer gegen einen Votksstamm richten und die Bevölkerung aushetzen. Der Niedergang des Bauernstandes resultirt aus folgenden Ursachen: vor Allem aus der Freitheilbarkeit von Grund und Boden, dann aus der wachsenden Steuerlast, aus den coloffalen Militärlasten. Im vorigen Jahre mußte Oesterreich mehr als 130 Millionen zu den Militärlasten beitragen, und 165 Millionen werden an Zinsen für die Staatsschuld gezahlt, die hauptsächlich für Militärzwecke gemacht wurde. Das ist die Ausbeutung des Volkes, hier liegt der Krebsschaden! Ein weiterer Grund ist der Niedergang der Landwingschaft, der aber aus allgemeinen Gründen herrührt und nicht durch Einen Volksstamm hervorgerufen^ ist; weiters