Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 95 (2.12.1897)
- Date
- 1897-12-02
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Feuilleton. Die Stunde der Vergeltung. Von Paul Gotthels. 2l) sAlle Rechte voi bchalten.s Alice hatte schweigend zugehört und sich die Worte der jungen Frau zu Herzen genommen. Sie erkannte die Wahrheit derselben an und sollte dieselbe auch bald erfahren. Dankend entfernte sie sich. Sie ging dltrch das Gastzimmer nach dem Bordergarten, wo die Tischgesellschaft noch fröhlich beisammen war. Der Wein hatte die Stimmung der Tafelnden noch erhöht, und als Alice im Rahmen der Thüre stand, erblickte sic ihren Bräutigam an der Seite ihrer Freundin in lebhafter Unterhaltung mit derselben. Alice war nicht eifersüchtig, aber als sie sah, wie Selmas Antlitz sich röthete, als dieselbe sie erblickte, fühlte sie einen Stich im Herzen und das Glück und die Freude, die Seligkeit, die soeben noch darinnen wohnten, waren mit einem Male verschwunden. Der helle Tag war mr dunklen Nacht geworden und finster blickte ihr so treues Auge. Selma machte sich sofort frei und eilte auf Alice zu. Sie umarmte die Freundin und führte sie, da mau sie schon vermißi habe, ans ihren Platz. „Hier bringe ich den Flüchtling," sagte sie neckend zu Dr. Reiß. „Nun zeigen Sie mir einmal, wie liebenswürdig Sie sein können." „Das ist nicht nöthig," sagte Alice kurz; „ich weiß, wie liebenswürdig mein Bräutigam ist und sein kann, und andere haben nicht nöthig, es zu wissen." Selma biß ob dieser Antwort die Lippen fest aufeinander, während Karl, der ihre Schärfe nicht merkte, gutmüthtg erwiederte: „Oho, da bist Du im Irrthum. Vom Arzte kann jeder Liebenswürdigkeit erwarten. Sie ist ein nicht zu unterschätzender Heilfaktor, und der liebenswürdigste Arzt ist meiner Ansicht nach der beste." „Das sind Ansichte)!," entgegnete Alice gereizt. „Mir ist ein tüchtiger Grobian lieber, als der liebenswürdigste Charlatan " „Darin hast Du sicher Recht; damit ist jedoch nicht gesagt, daß die Grobheit ein Zeichen der Tüchtigkeit und die Liebenswürdigkeit ein solches der Unfähigkeit sei; mir scheint eher, daß die Grobheit oft dazu dient, die Unwissenheit zu verdecken." „Dasselbe könnte man mit noch größerem Rechte von der Liebenswürdigkeit sagen. Allzugroße Liebenswürdigkeit ist größtentheils der Mantel für irgend ein Desect." Selma hörte diesem Geplänkel ruhig zu. Sie 1809 bewunderte denAGleichmuth des"Mrztes und war froh, daß sie nicht in die Diskussion gezogen wurve. Sollte Alice eifersüchtig sein? Das wäre schrecklich. Jedenfalls nahm sie sich vor, im Verkehr mit dem Freunde recht vorsichtig zu sein. Das Mahl war zu Ende. Zwischen dem Brautpaar herrschte die größte Eintracht; Karl war es gelungen, die Wolken des Unmuths von der Stirne seiner Braut zu verscheuchen, und als man nun aufbrach, da störte kein Mißton die Harmonie in der ganzen Gesellschaft. Der Weg, den man nehmen wollte, führte längs des Gebigkamnles zu einem kleinen, reizend gelegenen, aber wenig besuchten Luftkurort. Von hier aus sollten Wagen die Gesellschaft zur Bahn bringen, mit der man gegen Mitternacht zur Vaterstadt zurückkehren wollte. Die Sonne brannte heiß, und trotz des schützenden Laubdaches des herrlichen Hochwaldes, trotz der Anfangs so gehobenen Stimmung, befiel die Gesellschaft nach dreistündiger Wanderung eine große Schlaffheit. Schon waren Einzelne zurückgeblieben; Andere fragten jeden Augenblick, ob man bald am Ziele sei, kurz, der Humor schien bald auf dem Nullpunkt angelangt zu sein. Karl war überall; er und Dr. Jordan munterten die Verdrießlichen ans, führten die Müden, trösteten die Muthlosen mit der herrlichsten Aussicht, die sic bald genießen würden und ihren gemeinsamen Bemühungen gelang es, den fliehenden Humor, wenn auch arr den Haren, zurückzuziehen. Endlich hatte man den Luftkurort erreicht. Die Sonne nahm schon Abschied volt der schönen Landschaft und ihre Strahlen vergoldeten jetzt die Spitzen der Berge. Rasch wurde ein kleiner Imbiß eingenommen: die kurze Rtthe ultd die Erquickung an Speise unb Trank ihaten Wunder. Als man die Wagen bestieg, herrschte allgemeine Fröhlichkeit, und mit dem Liede, wvmii man den Wald betreten, nahm man Abschied von demselben. „Lebe wohl," klang es durch die stille Nacht, lvährend die Pferde lustig dahintrabten, „lebe wohl, du schöner Wald!" Und von den Bergen klang das Echo zurück und in den Herzen hallte es wieder: „Lebe wohl. Du schöner Wald!"' XIV. Spät in der Nacht, oder eigenilich früh am Morgen, kam die Gesellschaft in die Heimaty zurück. Die beiden Fremden hatten sich angeschlossen und auch sie hatten an der allgemeinen Freude rheilgeltonrmen. Im Hause des Herrn Lazar fanden sie beide freundliche Aufnahme, und als sie am nächsten Tage erwachten, war es schon spät. Sie erhoben sich rasch, machten Toilette und wollten gerade das Zimmer verlassen, als es Zeise an die Thürezpochte.