Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 94 (29.11.1897)
- Date
- 1897-11-29
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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^:^P»*T*nr.-W- - XXXTI11. Jahrgang. Beilage M M 94 -es Jtetntltt“. Leitender Artikel. Die Sekten iin Iudenthum. Frankfurt a. M., 24. Nov. Am verflossenen Montag sprach im Verein für jüdische Geschichte und Literatur Herr Rabbiner Werner aus München vor überfülltem Saal über das in der Ueberschrift bezeichnete Thema. In 1^/4-stündigcr Rede behandelte er das schwierige Thema in einer interessanten Weise. Die erste Sekte entstand aus dem Fehler der Juden, von den fremden Völkern, unter denen sie lebten, nicht blos das Gute, sondern auch das Irrige anzunehmen; es waren die Samaritaner, die mit der Verehrung des einzigen Gottes ein Stück assyrischen Heidenthums verbanden. Sie exrfliren heute noch und nennen sich die rvahren Söhne Israels. Sie kennen weder Psalmen noch Propheten; nicht ein Messias aus dem Hause Jsais, sondern Moses wirdzurückkommen und die Welt erlösen. Sie kennen nicht die Unsterblichkeitsidee, die Welt steht nach ihrer Anschauung 6333 Jahre. Selbst die fünf Bücher Moses, die sie besitzen, sind gefälscht; Samaria ist ihre heilige Stätte, Gerisim ihr heiliger Berg. Sie unterscheiden sich in den Ehegesetzen und selbst in den Speisegesetzen; auch ihr Kalender ist nicht der unsrige. Um ihrer Bibel in jüdischen Kreisen jeden Einfluß zu verschließen, änderte ESra das Alphabet, indem er die aus Babylonien stammende Schrift einführte. Als um 500 das größte Wunder der Weltgeschichte geschah, als die Juden von neuem ein Volk wurden, da wies Esra jene Mischreligion zurück und forderte die Scheidung von samaritanischen Weibern. Der Priester Manasse aber gab sein Weib nicht heraus, sondern baute einen Tempel auf Gerisim und erklärte sich zum Hohenpriester. Noch mehr sonderte sich die Sekte der Cuthäer ab, welche sogar das Bild der Taube als heilig annahmen. Die Nachkommen der Samaritaner, deren Heiligthunr von Johannes Hyrkanus zerstört worden ist, wohnten später in Alexandrien, Byzanz, Rom und besonders in Sichem, wo heute noch 150 Seelen derselben cxistiren. Noch heute opfern sie auf dem Berg Gerisim das Pesach-Opfer, noch heute besteigen sie am Sukkothfeste den Berg mit ihren Palmzweigen. Bald wird die Sekte ausgestorben sein. Wir lernen von ihr, daß eine Religion ohne Poesie keine Religion, eine Bibel ohne Psalmen und Propheten keine Bibel ist. — Es waren Jahunderte vergangen, da stand die zweite Sekte auf: die E s s ä e r. Die^Pharisäer waren keine Sekte, sie bildeten das Volk; sie vertraten den Standpunkt, daß diese Welt zur Lösung der Räthsel nicht ausreicht; sie wußten, daß eine Religion sich entwickelt von Jahrhundert zu Jahrhundert, deßhalb waren sie die Träger der Tradition. In der Gesamnltheit genommen, waren sie nicht scheinheilig und nicht werkheitig, sondern von reiner idealer Gesinnung. Die Sadduzäer waren mehr die Aristokraten; sie begnügten stch.'mit dem Diesseits. Dies waren zwei politische Parteien, die Essäer dagegen waren eine geheimnißvolle Sekte, die nur das Reich der andern Welt, der Weltentsremdung ins Auge faßte. Sie steht schon nicht mehr ganz am dem Boden des Judenthums. Entsagung, Armuth, Ehelosigkeit lehrend und bethütigend, besondere Orden bildend sehen wir ihre Anhänger am Tobten Meer. Sie bemühten sich, die Geheimnisse des Himmels zu erforschen, das Himmelreich herabzubringen, durch ewige Waschungen im Jordan sich zu läutern dafür. Ihnen gehörten Johannes der Täufer und der Stifter des Ehrrstenthums an. Die Essäer sind verschwunden, sie lehren UNS — H’tm jede Sekte ist eine Warnungstafel — daß es mit Weltschmerz kein Judenthum gibt, daß wir Gott tut Leben und nicht in der Wüste zu dienen haben. — Das Cbristenthum hat sich ganz von der Mutterreligion losgelöst; aber ehe es soweit kam, bestand die Sekte der I u d e n ch r i st e n, welche die Gesetze hielten, aber den Messias in dem Sohne Josephs und der Mirjam gekommen glaubten. Paulus schuf das Heidenchristenthum; in dieses mündeten schließlich alle vermittelnden Sekten, Nazarener, Sabbatuaner, Sabbatarier u. s. w. Diese Judenchristrn wurden unsere ärgsten Feinde; gegen sie richtete sich das Gebet, welches die Weisen gegen die Verleumder verfaßten, und das auch heute nach zeitgemäß ist. Von Babel ging dann der Talmud aus, der größte Fortschritt, den das Judenthum vollzogen; fein Geist ist der Geist der sittlichen That, entgegengesetzt dem Geist des bloßen kühlen Glaubens, der Geist der echten religiösen Freiheit, die sich nicht begnügt mit dem Dogma, sondern discutirt, bis die Wahrheit gefunden ist, entgegengesetzt dem Geist der Knechtschaft. Aber gegen alles Große entsteht eine Reaktion. Auch im Islam standen Sekten auf gegen die Tradition, und dem Judenthmn war Gleiches Vorbehalten. 761 war Salomo der Exilssürft gestorben, sein Sohn Anan von denGaonim von Sura und Pumbadita aber nicht zu dessen Nachfolger gewählt worden. Er lehnte sich aus