Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 93 (25.11.1897)
- Date
- 1897-11-25
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1765 Fesseln, die mich drücken und'Dir keinen Vorlheil bringen würden." „Ich verstehe nicht, was Du meinst," erwiederte Alice traurig. „Ich kann keinen Unterschied finden zwischen der Frömmigkeit in und außer dem Hause." „Doch läßt fich der bei etwas gutem Willen finden," sprach Reiß. „Sich', ich bin ganz dafür, daß Du Dir einen koscheren Haushalt einrichteft und eine koschere Küche führst. Ich habe nichts dagegen, daß Du am Freitag Abend die Sabbatlichter anzündest, ja ich will mich verpflichten, wenn ich zu Hause bin. Kiddusch und Hawdoloh zu machen. Jedoch kann ich es in meinem Beruf mit den Religionsgefetzen nicht so genau nehmen. Ich kann meine Kranken, weil es gerade Sabbat ist, nicht hülflos liegen lasten. Ich kann nicht wegen eines jeden Recepts zur Apotheke laufen und es da diktieren. Kurz, dem Arzt kann man es nicht zur Sünde anrechnen, wenn er die Heiligung des Sabbats dem Gebot der Nächstenliebe hintansetzt." „Und doch giebt es Aerzte, tüchtige Aerzte, Aerzte mit großer Praxis, die das vierte der Zehngebote so strenge beobachten, wie unsere Rabbinen. Was jene hochachtbaren Männer fertig bringen, das sollte Dir unmöglich sein? Wie kann in unserem Hause die Sabbatruhe einkehren, wenn Du selbst ruhelos in Deinem Wagen in der Stadt einherfährst! Wie kann das Sabbatvergnügen in unserem Hause weilen, wenn Du selbst Dich an diesem Tage in Deinem eigenen Hause nicht gemüthlich fühlst? Nein, Karl, eine Ehe wie Du sie Dir denkst, möchte ich nicht führen'." „Und giebt es nicht tausende glücklicher Ehen nach meinem Recept, Ehen, denen oft sogar die erste sittliche Grundlage, die Liebe mangelt, Ehen —" „Sei mir stille von solchen Ehen!" rief Alice empört aus. „Ich sehe die Ehe als etwas Heiliges, als etwas so Hehres an, daß ich mir eine glückliche Ehe nur dann denken kann, wenn zwischen Mann und Frau in jeder Hinsicht die reinste Harmonie herrscht. Frage nur jene Gleichgültigen, ob sie glücklich find und wie lange ihr Glück währt. Freilich sind die Begriffe von Glück sehr verschieden, und die glücklichen Ehen — höchst selten. 'Nein, mein lieber Karl, eine Ehe nach solchem Recept möchte ich nicht eingehen und würde ich nicht eingehen, selbst —" Sie hielt ittne mb bliäte ipren Verlobten erregt an. Dieser faßte lächelnd ihre Hand und sprach: „Nun, mein Schatz, vollende Deine Rede. Selbst —" „Selbst wenn ich meine Liebe begraben müßte," "tönte.,es hohl von ihren bleichen Lippen. Das Wort^war gesprochen; beide schwiegen lange^Zeit. 7^Ein« solches Schweigen ist äußerst peinlich, und trotzdem sehr heilsam, denn es gestattet dem erregten Geiste, sich zu beruhigen, es zwingt zum Nachdenken über das Gesagte und Gehörte und gar oft schon hat eine solche Stille den bevorstehenden Bruch zwischen zwei erhitzten Naturen verhütet. Dr. Reiß war bei den letzten Worten seiner Braut todtenbleich geworden. Er hatte seither die Sache von der leichten Seite genommen und gedacht, daß diese Mädchenlaunen sich wohl geben würden. Die heutigen Worte seiner Braut ließen ihn endlich erkennen, wie falsch er sie beurtheilt hatte, und wie ernst sie jedes ihrer Worte, das Glaube und Religion betras, nahm. Er hatte nun gehört, daß fie eher mit ihm brechen, auf das Glück der Liebe verzichten, als die Gesetze ihrer Religion übertreten wolle. Hätte Reiß sie weniger geliebt, so wäre es jetzt sicher zum Bruch gekommen. Denn einen Augenblick lang stand ihm ein anderes Bild vor Augen, sah er sich an der Seite eines herrlichen Weibes, das ihm zu Liebe Religion und Herkommen getrotzt und sich ihm ganz geweiht hätte. Aber es war nur ein Augenblick, daß ihm dieses Bild vorschwebte. Als er Alice todtenbleich, an allen Gliedern bebend, ängstlich ans das erlösende Wort lauschend, vor sich stehen sah, quoll fern Herz über in heißer Liebe zu ihr. Er trat vor sie hin, nahm ihre schlaff herabhängende Hand, zog sie au seine Brust und sprach: „Ei, ei, welch' häßliches Wort hast Du da ausgesprochen; wie erregt Du überhaupt bist! Muß man denn gleich das Kind mit dem Bade ausschütten? Ist das die wahre Liebe, die bei der kleinsten Differenz gleich ein Ultimatum stellt '< Entweder — oder. Meinst Du, es gäbe im Leben keine Differenzen? Wohin würde es führen, wenn man sie alle so behandeln wollte? Man würde mit der ganzen Menschheit in Streit gerathen und zuletzt einsam, verlassen und auf sich selbst angewiesen dastehen. Der Weise sucht die Gegensätze auszugleichen, Schroffheiten zu mildern und findet in diesem Mühen den Werth des Lebens. Komm, laß' uns diesen häßlichen Disput vergesten. Kommt Zeit, kommt Rath und nichts wird so heiß gegeffen, wie es gekocht wird. Laß' uns einen Spaziergang machen, damit wir auf andere Gedanken kommen." „Nein, Karl, ich bin jetzt nicht, sin der Berfaffung, gleichgültige Dinge sehen und über fie plaudern zu können. Laß' mich mit meinen Gedanken allein, und denke selbst über das nach, worüber wir gesprochen." Alice wollte hinaus, ohne weiter ein Wort zu sprechen. Sie reichte ihrem Verlobten die^Hand zum Abschiede und als dieser sie um einen Kuß bat, sprach sie : -- „Heute nicht, Karl; ich würde damit heucheln und das will ich nicht."