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Der Israelit · 1897-11-22 · Heft 92 (22.11.1897) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 92 (22.11.1897)
Date
1897-11-22
Page
– (sequence 11)
Language
German
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1753 formen, bewaffnet mit Stich-, Hieb- und Schußwaffen. Samstag Früh begann im Nachbarorte Wirballen eine fieberhafte Thätigkeit. Alle Kellerräume des Bahnhofes, der nahen fiscalischen und Privatzebäuve wurden nochmals besichtigt, die meisten Thüren wurden verschloffen oder durch Posten unter Beobachtung genommen. Jeder Zugang, jeder Wegübergang, jedes Loch am Weg wurde nochmals scharf besichtigt. Um 2 Uhr mußten die gewaltigen Zollräume Wirballens von allen Beamten verlassen und geschlossen werden, die Gebäude, sowie der Bahnhof wurden von Posten umgeben. Der Letztere durste nur noch gegen Legitimationskarten, die sehr spärlich ausgetheill wurden, betreten werden. Sodann fand die gänzliche Absperrung aller Zugänge und Zufahrten zum Bahnhof statt, die Haupt- und Seitenstraßen Wirballens wurden in Ausdehnung des circa 2 Kilometer langen Bahnhofes für jeden Wagen- und Personenverkehr abgeschloffen. Beim Einlaufen des Kaiserzuges in Wirballen läuteten die Glocken der griechischen Kapelle. Die kaiserliche Familie wurde durch die Geistlichkeit empfangen und nach den kaiserlichen Gemächern geleitet, wo die Darreichung von Brod und Salz stattfand. Dann wurden in Kürze die hohen Militärs und Beamten, die den russischen Zug nach Petersburg zu begleiten halten, vorgeftellt Durch das Hofmarschallamt war bereits von Darmstadt aus ein armer Mischer Bäcker namens Hirsch vor den Kaiser befohlen worden. Man hatte den braven Bäcker, so gut es seine Figur zuließ, in schwarze Beinkleider, Frack u. s. w gesteckt, ihn mit weißen Glaces, reiner Wäsche, Cravatte und Cylinder ausgestattet und den Zitternden vor den mächtigen Selbstherrscher geschleppt. Hier wurde er gnädig empfangen, erhielt ein Geschenk und den Titel eines „Kaiserlich russischen Hofbäckers." Hirsch hatte seit langen Jahren die Gebäcks für die ourchpafsirendcn kaiserlichen Züge gelieferl. Oesterr.- Ungar. Monarchie. ** Wien, 10. Nov. Am Schluffe der Abgeordnetenhausfitzung ergriff der antisemitische Abgeordnete Mittermayer gegen den antisemitischen Abgeordneten Wolf das Wort und sagte: „Wenn man einen Jugendfehler, den ich vor Jahrzenten begangen haben soll, immer wieder gebraucht, um einen Menschen zu beschimpfen, so ist das nicht ehrenhaft, nicht eines deutschen Mannes würdig." Mittermayer verlas hierauf ein Dankschreiben, das er vor drei Jahren von Wolf erhalten hat und versicherte, er habe niemals eine Sekunde im Zuchthause geseffen; er erzählte dann, daß, als er noch der antisemitifch-deutsch-nationalen Bewegung angehörte, die Anhänger der Partei belehrt wurden, zur Verhöhnung des Monarchen Brief- ' inarken umgekehrt auf die Briefe zu kleben und wenn sie den Monarchen verspotten wollten: „Hoch ProchaSka!" zurufen (Unruhe). Er habe sich von dieser Partei losgesagt, „sonst wären wir alle im Kriminal." Mittermayer erklärte schließlich, er habe niemals dem christlich-sozialen Verbände angehört. Wäre er satissnktionsfähig, so würde er Wolf bester zu treffen im Stande sein, als der Ministerpräsident. (Gelächter.) ** Wien. (Prüg elfz enen.) Dieser Tage fanden in der Universität Prügelszenen zwischen dem jüdisch-nationalen „Kadimah" und den akademischen Verbindungen „Hedone" und „Fidelitas" statt, da letztere, obwohl sie Juden zu Mitgliedern haben, sich an der jüngsten Demonstration der Deutschnationalen vor dem Parlament betheiligten. Bei den Prügeleien erlitten mehrere Studenten durch Stockhiebe Verletzungen an den Köpfen. Die einschreitende Polizei wurde von den Studenten mit lärmenden Abzugrufen empfangen, als sie den akademischen Boden betrat. Siebzehn Studenten wurden verhaftet. England.? London. In dieser Woche fand eine Versammlung des Board of Guardians statt. In derselben wurde die ungemeine finanzielle Klemme dieser großen Armenkommission wieder und wieder beklagt, ohne daß man eine Abhilfe dafür fand. Der Präsident Mr. B. L. Cohen, MP., erklärte, daß die Einnahmen bedeutend im Rückgänge seien, und da die Ausgaben nicht eingeschränkt werden können und sollen, so muffen noch in diesem Jahre 110,000 M. zur Deckung der laufenden Ausgaben aufgebracht werden. Zunächst will man abwarten, welches Resultat die Sammlung in den Synagogen ergeben wird. Schließlich bleibt nur ein öffentlicher Aufruf übrig.? London. Eine neue wichtige Einrichtung ist zum Wohle der jüdischen Armen getroffen, eine Krippe. Freilich ist noch alles sehr primitiv und in kleinem Maßstabe, so daß zunächst nur 20 Kinder ausgenommen werden können, doch ist alles nur als Versuch gedacht und kann seinerzeit erweitert werden. Es finden hier Kinder von fünf Wochen und ältere Aufnahnie für den ganzen Tag, bis die Mütter sie abholen, wenn die Arbeitszeit zu Ende ist. Rußland. '< Petersburg. Endlich lasten sich einige kleine Anzeichen von Befferung berichten. An der Odeffaer Universität sind in diesem Semester 82 Juden zugelaffen worden, d. h. 6 Juden mehr, als eigentlich das Gesetz gestattet, und zwar ist dies mit Zustimmung des Unterrichtsministers geschehen. Derselbe Minister hat bestimmt, daß jüdische Kinder, die Privatunterricht erhalten, in derselben Weise wie nichtjüdische Kinder zum Examen zugelaffen wer-

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