Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 92 (22.11.1897)
- Date
- 1897-11-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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UWH.!... WMU» l l'l'. J'JH1,! T~7 1749 stand Dr. Reiß sofort auf, eilte ihr entgegen und führte sie seiner Braut zu. „Hier Alice," sprach er, „bringe ich Dir meine liebste Freundin. Ich hoffe, Ihr findet Gefallen an einander. Hier Fräulein Selma ist mein liebes Bräutchen, die sich schon lange danach sehnte, Sie näher kennen zu lernen." Die Damen reichten einander die Hände und begrüßten sich. Sie waren sich ja gegenseitig nicht fremd und bald waren sie in einer lebhaften Unterhaltung begriffen. „Seien Sie unser Schiedsrichter," sagte plötzlich Alice zu Selma. „Mein Verlobter und ich, wir sind in einer wichtigen Sache zweierlei Ansicht und ich möchte wohl auch Ihr Urtheil hören." „Da wenden Sie sich an die falsche Adresse," entgegnete Selma lächelnd „Wieso denn?" fragte Alice erstaunt. „Nun, ich bin nicht unparteiisch. Sie hörten, Herr Dr. Reiß stellte mich ols seine beste Freundin vor und die beste Freundin kann doch nur dem Freunde Recht geben." „Nein, nein." wehrte Alice lachend, „das wäre eine falsche Freundschaft. Ich habe so viel Vertrauen zu Ihrem Urtheil und halte Sie für so unparteiisch, daß Sie ohne Ansehen der Person in unserer Streitfrage entscheiden werden. Nicht wahr, Karl, dem Urtheilsspruch Deiner schönen Freundin unterwirfst Du Dich auch?" „Unter der Bedingung, daß das nicht die letzte Instanz ist und mir, wenn mir das Urtheil nicht gefällt, das Recht der Appellation an eine höhere Instanz gewahrt bleibt." „Meinetwegen," sagte Alice, „und nun hören Sie zu." Alice erzählte nun, was sie von ihrem Verlobten verlange; daß er sich von seinen Genossen und Gewohnheiten trennen und sich ihr widmen, den Gesetzen ihrer Religion gemäß leben solle. „Muß er das nicht, wenn er mich so recht lieb hat?" fuhr sie fort. „Ich habe ihm erklärt, daß ich in keinem Falle meine religiösen Ansichten und mein religiöses Leben ändern würde und habe ihn flehentlich gebeten, mir zu Liebe doch meinen Wunsch zu erfüllen. Ich kann Alles von ihm haben; was er mir an den Augen ablesen kann, thut er; nur in dieser Beziehung kann ich kein Versprechen von ihm erlangen. Immer wieder und immer wieder weicht er mir aus. Ist das recht? Soll die wahre Liebe ihn nicht gleichsam zwingen, auch die Harmonie herzustellen?" Selma blieb einige Augenblicke ruhig; sie überlegte, was sie sagen solle. Hätte sie nach ihrer Meinung reden dürfen, so wäre die Antwort wohl zu Gunsten des Freundes ausgefallen, denn sie selbst hätte seineihalben Vater und Mutter, Religion und Vaterland verlassen, um ihm^angehören, ihn glücklich machen zu dürfen. Run lagen aber die Dinge anders, und sie sprach: „Das ist eine heikle Frage, die zur Beantwortung niehr Zeit und Erfahrung voraussetzt, als mir zur Seite steht. Ich will mir die Sache überlegen und in acht Tagen meine Antwort geben." „Einverstanden," sagte der Arzt; „wir holen uns die Antwort im Hause meiner Freundin ab und ich habe dann zugleich das Vergnügen, Dich der Mutter derselben vorstellen zu dürfen." „So lade ich Sie auf heute in acht Tagen zum Mittagessen bei uns ein!" sagte Selma. „Siehst Du, mein Kind," wandte sich Dr. Reiß an seine Braut, „nun kommt das Unangenehme; was wirst Du also thun?" „Unangenehm? wieso? Frl.Wnk weiß wohl nicht, daß ich streng orthodox lebe; und deßhalb die freundliche Einladung ablehnen muß. Aber machen wir es umgekehrt. Frl. Fink ist heute in acht Tagen unser Gast und nach Tische gehen wir zu ihrer Mutter und verbringen den Nachmittag dort." „Du weißt Dir recht gut zu helfen," sprach Dr. Reiß; „nun, ich hoffe, meine Freundin acceptirt; ich werde Dr. Jordan auch bitten und dann kann ja diese große Rechtsfrage vor dem in Plenum versammelten Tribunal entschieden werden." „Du behandelst diese Angelegenheit im Scherz," sprach Alice schmollend, „aber ich kann Dir sagen, daß es mein heiliger Ernst ist." Ehe Dr. Reiß antworten konnte, kam Dr. Jordan und bat Alice um den nächsten Tanz , der ihm auch gerne bewilligt wurde. Selma blieb bei Dr. Reiß sitzen und die Unterhaltung, die sie pflegten, betraf gewiß keinen scherzhaften Gegenstand, denn tiefer Ernst lagerte auf ihren Mienen. Da trat Dr. Reif zu Selma heran und bat um einen Tanz. „Setzen Sie sich lieber ein Weilchen zu mir," bat das schöne Mädchen, „und nehmen theil an unserer Unterhaltung. Ich bin faktisch zu müde, um zu tanzen." Obfchon die beiden Herren nicht auf dem besten Fuße mit einander standen, gebot es doch die gute Sitte, in Gegenwart der Dame dieses zu vergessen und Dr. Reiß fragte den Collegen, wie es ihm gehe. „Mir geht es ganz gut," entgegnete dieser, „und ich freue mich ganz besonders, daß unser Fest einen so angenehmen Verlauf nimmt. Bietet unser Saal nicht gleichsam uns den Anblick unseres Vaterlandes im Kleinen? Hier wie^dort vereinigt der Friede und die Freude alle Parteien und alle Confefstonen. Jedes besondere Interesse tritt zurück vor dem der allgemeinen Freude." ,,Ja Herr Doktor," nickte Selma, „ich erinnere