Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 89 (11.11.1897)
- Date
- 1897-11-11
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2448705-2448788--44888-2494004- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
I 1XXTIH Jahrgang. Iweite Beilage m M 88 Srs „Israelit". Leitender Artikel. Wer ist ein ^ude? Man würde die gelehrtesten und klügsten Rabbiner iti grausame Verlegenheit versetzen, wenn man von ihnen hierüber eine genaue Definition forderte. Ehemals war die Antwort eine leichte: Jude ist jeder, der die jüdischen Religionsgebräuche beobachtet, hieß er. Heute ist dem nicht mehr so. Wir haben unter unfern Glaubensgenosten solche, die einen völligen Jndifferentismus bekunden, Verachtung für unsere Mizwoth und Einrichtungen an den Tag legen und nichts destoweniger ihr Judenthum mit Heftigkeit und Eifer betonen, so die Zionisten. Dr. Herzl selbst dürfte unsere Betstätten nicht so häufig ausfuchen und vielleicht sogar ohne besondere Gewiffensbiste einige Sandwiches am Jom-Kippur verzehren, und dennoch wird niemand sich mehr rühmen ein Jude zu sein, ja selbst ein Orthodoxer wird nicht eifersüchtiger den Namen Jude führen, als er. Von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet, bilden die Begriffe „Beschnittener" und „Jude" keine Synonyme mehr, denn eine Kategorie von Individuen behauptet Juden zu sein und setzte sich über die Beschneidung und andere Ceremonialgesetze dennoch ohne Weiteres hinweg. Nun haben wir zweierlei Gattungen von Juden, die „religiösen und „nationalen Juden." Die ersten sehen im Judenthum nur eine Confession und betrachten sich als ungar., deutsche, französische, englische rc. Bürger. Die zweiten, begegnen sich mit den Antisemiten in einem Gedanken, und träumen von einer jüdischen Nation und von der geographischen und politischen Wiederherstellung derselben. Die Abart der religiösen Juden umfaßt eine Unendlichkeit von Unter-Abtheilungen von der Hyper- Orthodoxie bis zum Ultra - Nationalismus. Die Ultra-Nationalisten verlieren sich in der Ueberfluth der philosophischen Gewäffer und bewahren einen schwachen Reflex des Judenthums als positive Religion. Eine andere Claffe von Juden sind die ..Gefühlsjuden" jene, welche aus kindlicher Pietät, infolge der Erinnerungen der Kindheit und ihres Lebens im Vaterhause, aus Zärtlichkeit und Mitleid für die Raffe, welche soviel gelitten und noch leidet, infolge des Gefühls der Solidarität eine rührende Anhänglichkeit für den Glauben ihrer Väter und ihre Kampfgenossen bekunden. Eine andere Gattung Juden find blos Juden, insofern sie keine Christen sind. Diese Juden halten keinerlei jüdischen Ritus, aber sie bekennen sich zu den wichtigsten Dogmen des Judentums, zum Glauben an den einigeinzigen Gott, und das Christenlhum stößt sie wegen der Uebertreibungen, die es enthält, ab. Diese sollte man „Trutz-Juden" nennen, sie sind Juden aus Reaction gegen Alles, was ihnen in den andern Religionen unsinnig scheint. Sodann gibt es Juden, die es nur sind, um zu protestiren gegen die Intoleranz, deren Opfer jene Minorität ist, zu der sie durch Zufall gehören. Beseelt von dem Geiste der Gerechtigkeit und Freiheit, sind sie stolz darauf von Menschen abzustammen, die Jahrhundertelang für eine Jvee gekämpft und gelitten haben, die sich miteinander verbunden haben, um zu verhindern, daß Haß und Obscurantismus die Welt überfluthen. Mit je größerer Heftigkeit und Härte der Antisemitismus auftrittt, mit desto mehr Entschlossenheit bewaffenen sich diese Mäuner und auch von jenen, in deren Herzen noch ein jüdischer Funke lebt, kehren umsomehr zum Judenthum zurück. Endlich, unfern Feinden zu Gefallen, gibt es auch eine Gattung Juden, die Vater und Mutter verrathen würden, um nur keine Juden zu sein. Das ist die Gattung „verschämter Juden", Feiglinge, die sich Leib und Seele schminken, um nicht erkannt zu werden. Diese treten wir den Antisemiten gerne ab, denn es wird uns stets ein Vergnügen machen, diese Renegaten gestäupt zu sehen. (L. Lewy im „L’Uüivers.“) Zeitungsnachrichten und Correspondenzerr. Deutschland. ** Magdeburg, 8. 9lov. (E ntsche idun g en des Kammergeri ch ts.) Rach §. '/I des Gesetzes vom 23. Juli 1847 dürfen ausländische Juden als „Rabbiner oder Synagogenbeamten" ohne Genehmigung des Ministers des Innern nicht angenommen werden. Auf Grund des §. 71 wurde gegen den Vorsteher der Synagogengemeinde zu Zitke, der einen russischen Unterthan aushülfsweise für etwa vier Wochen als Schächter angenommen hatte, dar Strafverfahren eingeleitet. Das Landgericht zu Meseritz erkannte in der Berufungsinstanz auf Freisprechung. Der Strafsenat des Kammergerichts hob