Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 89 (11.11.1897)
- Date
- 1897-11-11
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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schiedene Gefangene desertiert, auf deren Ergreifung eine Prämie gesetzt ist." „Nun," sagte der alte Mann, „so wünsche ich Ihnen recht viel Glück, mein Herr; ich darf wohl passieren?" Und ohne eine Antwort abzuwarten, rief er: „Allons ChHrie!" Ein Schnalzen mit der Zunge und die feurigen Thiere flogen wie ein vom Bogen geschnellter Pfeil auf der ebenen Landstraße dahin, dem Dorfe zu. Der Unterofftzier blickte dem Wagen nach; der Kutscher beschäftigte ihn noch; sein Gesicht war für das Gesicht eines Dieners zu sein und intelligent. — Doch es ließ sich nichts mehr ändern. „Besser einen Schuldigen laufen lassen, als einen Unschuldigen ins Unglück bringen," sagte der Brave für sich und „rechts um, marsch," setzte die Patrouille ihren Weg fort. Als der Wagen sich aus dem Gesichtskreis der Soldaten befand, zügelte Chsrie den Lauf der Pferde und Alphonse Cohen — dieses war der alte Mann — schickte ein Dankgebet gen Himmel, daß sein Sohn dieser Gefahr entronnen war. Er beschloß, nicht in dem nächsten Dorfe zu übernachten, sondern die Reise fortzusetzen, um in der nächsten Stadt seinen Sohn Mit der Livree eines Kutschers zu bekleiden. IX. Unverhoffte- Wiedersehen. Immer tiefer in das Herz Frankreichs trugen die deutschen Heere den Krieg. Allüberall wichen die Franzosen, unaufhaltsam wälzte sich der Strom der deutschen Soldaten gegen die französische Hauptstadt. Eisernen Ringen gleich schloß ein Theil der Truppen die am Wege liegenden Festungen ein. Metz, die große „Mausefalle", hungerte schon; vor Straßburg redete der Mund der deutschen Geschütze eine eherne Sprache und überall, überall, waren die deutschen Waffen siegreich. Aber der Sieger wurde nicht hochmüthig; edel und ritterlich war er dem tapferen besiegten Feinde gegenüber, denn nicht der Klugheit und der Kraft seines Heeres dankte er den Sieg, sondern dem, der über den Völkern thront, dem Lenker der Schlachten, dem allmächtigen Gotte, galt sein Dank. Wenn solche Gottesfurcht den Feldherrn beseelt, kann das Heer nicht gottlos sein! Und so wurde auch im Felddienst der Gottesdienst nicht vergessen. Unter freiem Himmelsdom, im herrlichen Tempel der Natur, verrichteten die Deutschen ihre Andacht, unter dem Donner der Kanonen beteten sie zum Herrn der Welt. Und als nun der für die israelitischen Soldaten so wichtige Tag des Herrn, der Versöhnungstag herannahte, da wurde manches harte Herz weich und Sehnsucht nach der friedlichen Stätte des Gotteshauses erfüllte die Brust derer, die im Kampfe gegen den Feind ihr Blut zu vergießen bereit waren. Zu Hause beeilten sich die Brüder, um im Gotteshaus in innigem Gebete sich zum Allvater zu wenden; wie gerne hätten die rauhen Krieger, die tapferen Sieger sich gebeugt vor ihrem Schöpfer und im Gebet Kraft und Trost zu finden gesucht. Wie würden sie den Tag des Friedens und der Versöhnung, des Gebetes und der frommen Betrachtung verbringen? Ach, vielleicht mußten sie, während ganz Israel zerknirscht, Verzeihung erflehend vor seinem Schöpfer kniete, das mörderische Blei in die Brust des Feindes, des Bruders senden — denn auch der Feind ist unser Bruder und auch für ihn beten wir. Da kam der Befehl, der einzig dasteht in der Geschichte der Kriege aller Völker, der Befehl, daß die israelitischen Krieger der Armee, welche die Festung Metz belagerte, den Versöhnungstag im Gebete verbringen sollten, daß dieser Tag des Gebets für Alle, auch ein Tag des Gebets für die israelitischen Vertheidiger unseres Vaterlandes sein solle. Wie blitzten die Augen der Tapferen, wie schlug ihr treues Herz dem Heldenkaiser entgegen, der in den Sorgen des Krieges, im Lärme der Schlacht ihrer, seiner israelitischen Kinder nicht vergaß! Und als nun am Kol Nidre-Abend die versammelte Schaar unter Gottes freiem Himmel, beschützt von den christlichen Kameraden, den Gottesdienst verrichtete, als in feierlichen Tönen jene uralten herrlichen Melodieen über die weite Ebene hallten und durch die Stille der Nachl, von den Bergen zurückgeworfen, als Echo wiederkehrten, da blieb kein Auge thränenleer. Da konnte man die tapferen Krieger, die bärtigen Männer weinen sehen wie kleine Kinder; und als nun in später Abendstunde das Mesim jechaje e\ berof chasdau klar zum Himmel tönte, da gedachte man derer, die mit ihrem Leben die Ehre des Vaterlandes bezahlt, deren Leib heute der kühle Rasen deckte, derer, die in fremder Erde zur Ruhe gebettet nicht mehr Aheilnehmen konnten an dem Siegeslauf, denen in der Heimath vergeblich ein treues Herz entgegenschlug, die erst dann ihre Lieben Wiedersehen sollten, wenn die Toten durch Gottes Gnade wiederbelebt,Zdie Getrennten wieder vereinigt werden. Wahrhaft rührend und ergreifendlundjden Theilnehmern ewig unvergeßlich war jener Jom Kippur vor Metz, da christliche Krieger den Gottesdienst ihrer israelitischen WaffenbrüderHmit der Waffe in der Hand schützten; da im Angesichts des Feindes der Dienst Gottes versehen wurde. Und als nun mit Eintritt der Nacht die Kriegergemeinde die Anerkennung des.Einzig-Ewigen zum Himmel jubelte.