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Der Israelit · 1897-11-08 · Heft 88 (8.11.1897) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 88 (8.11.1897)
Date
1897-11-08
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXTOI, Jahrgang. KeUagr jii m 88 itts «Asrarüt". Zeitungsnachrichten uud Correspondenzen. Deutschland. ** Berlin, "29. Oktober. Innere Kolonisation, das ist die Parole , die einige zielbewußte Männer in jüngster Zeit ausgegeben haben. Um weitere Kreise für den Gegenstand zu interessiren, berief die Freie israelitische Vereinigung eine Konferenz ein, die am letzten Sonntag in den Räumen der Berliner Logen 17.0. B. B. stattgefunden hat. Heber die Konferenz ift Folgendes zu berichten. Nach einer kurzen Begrüßung durch Herrn Siegmund Bergel — Berlin und nach der Eröffnunsansprache des Herrn Gustav Tuch—Hamburg wurde das Bureau konstituirt. Auf Vorschlag des zum ersten Vorsitzenden gewählten Herrn Tuch soll zunächst über den ersten Punkt der Tagesordnung berathen und beschlossen werden, die folgenden drei Punkte kombinirt und der Schluß der Berathung der „Organisation einer Bewegung für innere Kolonisation" gewidmet werden. Der erste Punkt enthält die wiffenfchaftliche Begründung, die drei folgenden befassen sich mit den Mitteln und Wegen, während der letzte Punkt als Einleitung zur That betrachtet werden kann. Es erstattete alsdann Herr Tuch ein sehr ausführliches, anderthalbstündiges Referat zu Punkt 1 der Tagesordnung: „Die Betheiligung der deutschen Juden an der heimischen Landwirthfchafi von statistischen, wirthschaftlichen, sozialen, ethischen Gesichtspunkten betrachtet." Er führte etwa folgendes aus: Die Juden erscheinen noch nicht in genügender Anzahl in unserer Landwirthschaft. Während unter den russischen Juden bei einer Gesammtzahl von fünf Millionen 95,000 Ackerbauer vorhanden waren, weist die Statistik bei uns nur eine Betheiligung von l6/io°/o auf. In sämmtlichen russischen Kolonien werden die Aecker und Felder sorgfältig bestellt und reichliche Erträge erzielt. Der physische Zustand der Kolonisten erwies sich als ein sehr guter. Der Einwand von der physischen Schwäche des Juden zum Ackerbau, der in Deutschland ebenfalls erhoben wird, wird durch die Statistik widerlegt. Von einer Förderung der Bestrebungen, wie sie in Rußland bisweilen zu Tage getreten ist, weiß allerdings die vaterländische Geschichte kaum etwas $u berichten, während sie genug Momente zur Erwerbsbeschränkung aufzuweisen vermag. Die Existenzbedingungen für die Mehrzahl der Handelstreibenden werden immer schwerer, die jüdische Wohlthätigkeit ift noch nicht imstande, dem chronischen Nothstande abzuhelfen. Rur ein kleiner Bruchtheil halte sich auf den Höhen des wirthschaftlichen Lebens, die Lage der Mittelklassen aber ist eine traurige. Es muh deßhalb an ihrer Errettung aus schwerer Bedrängniß durch Ueberführung in andere^Berufe gearbeitet werden. Hier können nur Industrie und Landwirthschaft in Betracht kommen. Die industriestaatliche Entwickelung Deutschlands ist an einem Wendepunkt angelangt, der Industrie sind bereits die Grenzen gesteckt. Also bleibt nur die Landwirthschaft übrig. Deutschland muß wieder dazu kommen und hat auch die Befähigung dazu, die Ernährung seiner Bewohner selbstständig beschaffen zu können. Zu intensiverem Betriebe ist jedoch auch eine vermehrte Verwendung von Menschen erforderlich. Die Zukunft wird dem gehören, der darauf vorbereitet ift. Auch die hygienische Seite kommt für die Ueberführung zur Landwirthschaft in Betracht. Die Arbeit auf dem Lande steht uns als oas beste Mittel zu Gebote für die Befferung der physischen Entwicklung, den gegenwärtigen und künftigen Geschlechtern thut es Roth, Muskeln, Knochen und Nerven zu stärken, die Widerstandskraft zu stählen. Dies gilt auch ganz besonders für die Frauen. Auch für die Frauen und Töchter wird eine Zeit tur Mitarbeiterschaft kommen, für die sie sich besonders eignen. Vom sozialen Standpunkte aus betrachtet ist es fraglos, daß es keine stärkeren Antriebe zur Betätigung des Antisemitismus gibt, als die Entfremdung Israels von der ländlichen Scholle. Der städtische Jude wird stets als der Ausbeuter der landbearbeitenden Bauern hingestellt.. Mit der Ueberführung der Juden zur Landwirthschaft würde somit ein Werk sittlicher Erlösung vollbracht werden. Aus dem Banne der Vorurtheile — und das ift der ethische Gesichtspunkt — wird Israel befreit werden, wenn es zu den Berufen zurückkehrt, die den Stolz der Vorfahren ausgemacht haben. Es ist nicht nur eine sittliche Erlösung im passivem Sinne, sondern auch aktiver Art. Eine vollständige ethische Regeneration würde daraus ersprießen können. Staatsbürgerliche Rechte und Pflichten, die Rücksichten auf die Zwangslage, und diejenigen auf dauernden sittlichen Fortschritt unserer Stammesgenoffen mahnen uns, für dieses große, die deutsche Judenheit betreffende Werk einzutreten. Wo ein Wille ist, wird sich auch ein Weg finden, wenn es auch ein langer und schwieriger Weg sein wird, bis Erfolge erzielt werden können. Eine Diskussion schloß sich an diesen Punkt nicht an, und so gelangte der Antrag l mit zwei stilistischen Aenderungen in folgender Form zur Annahme: „Die aus allen Theilen Deutschlands in Berlin am 24. Oktober 1897 zusammengetretene Konferenz spricht

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