Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 88 (8.11.1897)
- Date
- 1897-11-08
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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1677 Blick zeigt mir, daß Du meine Liebe erwiederst. Laß' die künstliche Scheidewand zwischen uns fallen. Werde mein Weib, wenn ich wieder genesen bin. Zum Kameraden tauge ich nichts, aber als Dein Mann will ich Dich auf den Händen tragen, Dir mein Leben weihen; willst Du, kannst Du ja sagen, so machst Du mich zum Glücklichsten auf der Welt —" Da klopfte es an der Thüre, und ehe Aliee antworten konnte, trat die Pflegerin ein. Dr. Reiß, dem diese Störung sehr zur Unrechten Zeit kam, runzelte die Stirne und hatte schon ein hartes Wort auf den Lippen. Da blickte er zu Alice auf und las in ihren Augen die stumme Bitte, ruhig zu sein. Er ließ das harte Wort unausgesprochen und hatte sogar ein freundliches Lächeln für die Schwester. Diese, welche die Aufregung, in der sich der Patient befand, wohl merkte, drohte mit dem Finger und sprach: „Aufregende Lektüre und Unterhaltung sollten Sie meiden, Herr Doktor." „Unsere Unterhaltung," entgegnete er, „war ein Missionsgespräch, Fräulein Alice will mich bekehren." „Ein lobenswerthes Beginnen, aber jetzt nicht an der Zeit;" versetzte die Schwester. „Sie halten mich doch nicht für so unvorsichtig, Schwester Clara," fragte Alice vorwurfsvoll; „der Herr Doktor hat selbst davon angefangen." „Und Sie sind mir noch die Antwort auf meine letzte Frage schuldig," drängte der Arzt. „Diese Frage bedarf keiner Antwort," sagte sie schelmisch: „werden Sie erst gesund, das Andere wird sich schon finden. Doch ich muß jetzt zu Mama. Adieu! Auf Wiedersehen." Alice war kaum fort, als es wiederum an der Thüre klopfte und auf das „Herein" des Patienten traten zwei Damen in das Zimmer. „Guten Tag, Herr Doktor," begann die Aeltere; wie geht es Ihnen?" „Danke, so leidlich," entgegnete dieser. „Doch mit wem —" „Kennen Sie uns nicht?" Bei diesen Worten schlugen die Damen die Schleier, welche ihre Gesichter verbargen, zurück, und zwei bildhübsche Gesichter, augenscheinlich Mutter und Tochter angehörend, blickten ihn an. „Ei, ei," rief er erfreut und streckte den Damen beide Hände entgegen, „Frau und Fräulein Fink. Sie bereiten mir eine große Freude!" Wie mit Purpur übergossen stand Selma an dem Bette des Arztes. Ihr Herz klopfte hörbar. So elend sah der Held ihrer Träume aus! Das war fast ein Skelett, was hier im Bette lag und sie mit seinen großen dunklen Augen ansah. Wie war es möglich, daß ein Mensch in so kurzer Zeit sich so verändern konnte! Selma stiegen die Thränen in die Augen und sie konnte kein Wort reden. Die Mutter führte die Unterhaltung und nach kurzer Zeit verabschiedeten sich die Damen. Im Vorbeigehen machten sie den beim Commerzicnrath untergebrachten Kranken einen Besuch, fanden aber dort alles in großer Bestürzung. Seit zwei Tagen fehlte der Franzose. Entweder war ihm ein Unglück zugestoßen, oder er hatte sich der Gefangenschaft durch die Flucht entzogen. Man hatte heute Morgen der Militärbehörde die Anzeige davon gemacht und die Untersuchung war in vollem Gange. Niemand hatte den Gefangenen gesehen, und da des Mittags seine Kleider in der Nähe des Flusses gefunden wurden, nahm man an, daß er sich ertränkt habe. Der Commerzienrath halte einige unangenehme Verhöre zu bestehen, und damit war die Sache erledigt. Niemand kümmerte sich weiter um den Verschwundenen. Ein Steckbrief, der hinter ihm her erlassen wurde, hatte ebenfalls keinen Erfolg, und so schien es, als ob ein Unglücksfall dem Leben des Gefangenen ein Ende gemacht hätte. Unterdessen hatte der Gefangene die erlangte Freiheit zu benutzen gewußt. Niemand hätte in dein rüstig dahinschreitenden Handwerksburschen einen gefangenen französischen Soldaten vermuthet, der seine Schritte heimwärts lenkte. Die größeren Städte und Flecken vermied er; nur in kleinen Dörfern suchte und fand er 'Nachtquartier und manche schmucke Maid blickte ihm wohlgefällig nach. So war er glücklich fast bis zur Grenze gelangt. Er wollte nach Hause, seinem Vater, den wir ja auch schon kennen gelernt haben, Mittheilung machen von seinem Entschluß, sich in Belgien niederznlassen, wenn möglich, auch seinen Vater veranlassen, auszuwandern, bis dieser unselige Krieg zu Ende war. Er wußte, welches Schicksal ihn erwarte, wenn er ergriffen würde, und dieses Bewußtsein machte ihn doppelt vorsichtig. Er war so glücklich gewesen, die verlorene Freiheit wieder zu gewinnen, und wollte die neu errungene auch behalten. Immer näher kam er der Grenze. Schon hörte er hie und da neben dem deutschen Idiom französische Laute und seine Brust weitete sich, sein Muth wuchs, sein Auge blitzte, je näher er den Grenzen des Vaterlandes kam. Noch zwei Tagesmärsche trennten ihn von der Heimath, und wenn ihm das Glück auch ferner hold war, war er bald aus aller Gefahr. Frohgemuth schritt er auf der Landstraße dahin. Mit Heller Stimme sang er eines jener französischen Lieder, die man in Deutschland so selten hört und welche, ohne tiefen Inhalt, so recht eigentlich die