Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 87 (4.11.1897)
- Date
- 1897-11-04
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2446951-2448705-2448786--44840-2493954- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1657 Hausherrn. Am Abend des zweiten Tages lieh sich ein Mann zu Vater Cohen führen, dem wir schon einmal in der Kirche begegnet sind. ES war der Gefährte jenes Iudenhassers. „Guten Abend Vater Cohen", begann er, als sie allein waren. „Ich komme im Namen des Vaterlandes, im Namen Frankreichs. Sie sind Franzose und haben also die Pflicht, alles p thun, was das Vaterland von Ihnen verlangt. Nun wohl; in Ihrem Hause befindet sich die Kriegskasie des III. Armeecorps des Feindes. Wichtiger noch als diese sind die Kriegspläne, die der General mit sich führt. Das Vaterland verlangt von Ihnen, Vater Cohen, daß Sie ihm Gelegenheit geben, Einsicht in die Pläne des Feindes zu nehmen, sich zu entschädigen für die großen Verluste, die <s erlitten. Wir müssen die Pläne und das Geld des Feindes zu erhalten suchen! Sie sollen uns dabei helfen?" „Ich", entgegnete erschrocken der Greis. „Wie käme ich dazu, und wer sind Sie, daß Sie es wagen, mir eine solche Schurkerei zuznmuthen?" „Wer ich bin, das kann Ihnen einerlei sein," entgegnete der Unbekannte, „daß ich berechtigt bin, dies Verlangen an Sie zu stellen, werden Sie aus diesem Zettel ersehen," und er zog einen schmutzigen Wisch aus der Tasche, der ihn als Spion in französischen Diensten legitimirte und alle Franzoseit aufforderte, ihm auf jede Weise für die Zwecke des Vaterlandes behilflich zu sein. Cohen starrte in das Papier und las mechanisch die Schrift. Er wußte nicht, was er gelesen hatte, als er den Wisch zurückgeben wollte. Der Spion blickte ihn fragend an und erwartete Antwort. Cohen konnte jedoch nicht sprechen; seine Kehle war wie zugeschnürt. Welch' herbe Prüfung hatte ihm der Allmächtige auserlegt! Hier die Pflicht gegen das Vaterland — dort die Pflicht der Gastfreundschaft gegen den General. Hier Untreue und Spionage — dort Verrath und Falschheit; hier der gewisse Tod — dort die Verbannung; hier die Liede zum Vaterland und die Lust, ihm zu dienen — dort die Achtung vor einem edlen Feind. Cohen zögerte eine Weile, dann sprach er: „Ich kenne Sie nicht und ich weiß nicht, ob dieser Wisch echt ist oder nicht; es ist auch einerlei. Ich kenne meine Pflicht. Was das Vaterland von mir fordert, das habe ich ihm mit Freuden gegeben. Zum Bösen jedoch, Unrecht zu thun, dazu kann es mich nicht verleiten. Wenn ich mir mein Leben reiten könnte, würde ich nicht einwilligen, daß mein Name mit irgend einer Schändlichkeit in Verbindung käme. Sagen Sie denen, die Sie schicken, der alte Cohen sei bereit, Gut und Blut für sein Vaterland zu opfern, er weigere sich jedoch etwas zu thun, was gegen Gesetz und Recht verstößt und sein graues Haupt mit Schimpf und Schande bedecken würde." „Ha, ha, ha, verd .... Jude! Ist das Dein Patriotismus? Sollte man Euch Juden nicht alle mit Schimpf und Schande aus dem Lande jagen? Wo es gilt. Euer Jnteresie zu wahren, da seid Ihr bei der Hand; gilt es aber, dem Vaterlande zu dienen, so habt Ihr stets Ausreden. Man wird Euch schon zu finden wiffen." „Ich thue, was mir die Pflicht vorschreibt und im Uebrigen möge Gott walten." „Also, Ihr weigert Euch, dem Vatcrlande zu dienen?" „Ich weigere mich, ein Spion zu sein, und weigere mich, einem solchen zu helfen." „So nehmet dieses zum Lohn?" Ehe sich der Greis versah, hatte der andere ein Pistol gezogen und einen Schuß gegen den alten Mann abgefeuerr, ohne diesen jedoch zu treffen. Cohen stürzte sich aus den Spion; da tönten auch schon Kolbenschläge gegen die Thüre. Durch den Schuß war das ganze Haus alarmiert worden, und als jetzt die Thüre den Kolbenstoßen nachgab, erschien der General, von der Wache begleitet, am Eingänge des Zimmers. Es war auch die höchste Zeit. Schon drohte die Kraft des alten Mannes zu erlahmen und er ein Opfer seiner Ehrlichkeit zu werden, da riffen die Soldaten die Kämpfenden auseinander und der General wandte sich an Cohen mit der Frage: „Was geht hier vor, Herr Cohen? Was will dieser Mensch von Ihnen? Bindet ihn fest, den Elenden", rief er, als er die Waffe in dessen Hand sah. Vater Cohen konnte kaum zu Worte kommen. Erschöpft sank er auf einen Seffel, uno es dauerte eine Weile, ehe er die Frage des Generals beantwortete. Mit düsteren, glühenden Augen blickte der Spion auf den Greis, von dessen Aussage sein Leben abhing. Wenn er die Wahrheit sprach, so war sein Tod sicher. Das wußte auch der Greis und er wollte versuchen, ihn zu retten. Da gebot der General, ihn zu durchsuchen. Wie ein wildes Thier wehrte und widecsetzte er sich, aber er wurde überwältigt, gebunden und seine Kleidung einer gründlichen Untersuchung unterworfen. Was man bei ihm fand, genügte, um ihn dem Tode zu weihen. Er wurde nun fest geknebelt und in eine Ecke gelegt, während Cohen den Vorgang, der sich im Zimmer abgespielt hatte, erzählte. Der General hörte ernst schweigend zu. Als Cohen geendet hatte, fragte der General: „Und Sie können beschwören, daß Sie in keiner Verbindung mit dem Elenden stehen?" „Ich sehe ihn heute zum ersten Male,^Excellerrz, und kann es mit gutem Gewiffen beschwören."