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Der Israelit · 1897-11-02 · Heft 86 (2.11.1897) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 86 (2.11.1897)
Date
1897-11-02
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXVIII. Jahrgang. Leilage M M 80 Des JlstneUt“. ^cuiUeiott. Ein Strcifjug durch Holland. Das Judenviertel. — Amsterdams Rumpelkammer. — Dia ma ntsch lei fe reien. Unser Weg führt uns ostwärts ins „Judenviertel". Die grausamen Schranken des alten Ghetto sind gefallen, aber noch heute tragen die „Juden-Breiteftraße" und die „Judengartenstraße" den alten Ghettocharakter an sich. Warum das? Die israelitische Bevölkerung hat in den Niederlanden nach schwerer Verfolgung eine gastliche Zufluchtsstätte gesunden, sie hat Reichthum und Wohlstand erworben und hat den Statthaltern mit eigenen Opfern an Geld und Gut treu gedient, ist also „königstreu" und „loyal" im modernen Sinne gewesen. Die Regierung hat das anerkannt, und die Israeliten haben bis in die Neuzeit in den Niederlanden eine solche Freiheit genossen, daß ihre Glaubensgenosten im fernen Osten von Amsterdam als von einem „zweiten Jerusalem" redeten. Auch in geistiger Hinsicht steht das Amsterdamer Judenviertel hoch: Rembrandt hat 16 Jahre in der „Juden-Breitestraße" Nr. 4 gewohnt, Spinoza hat unweit davon das Licht der Welt erblickt. Heute beherrschen die reichen jüdischen Kaufleute die Amsterdamer Börse, und dennoch besteht das Ghetto genau wie einst. Was aber heute dort die jüdische Bevölkerung zusammenhält, ist nicht der politische Zwang, sondern die wirthschaftliche Nothlage. Hier ist die Rumpel- und Lumpenkammer von Amsterdam. Es ist unglaublich, was für Dinge hier als Handelsgegenstände verwerthet werden. Gebrauchte Stahlfedern und Papierreste sind noch Luxusartikel. In den dunkeln Kellern, den engen Höfen und düstern Straßenläden lagert alles Mögliche. Man muß seine Geruchsnerven bemeistern können, wenn man diese Gegend durchwandert. Dazu herrscht auf der Straße ein Gewühl, daß man kaum vorwärts kommt. Zum Ueberfluß werden noch in den Frühftunden Teppiche ausgeklopft, und alle Augenblick fliegt irgend ein Gegenstand, eine faule Birne, ein Kohlstrunk, ein werthloser Hut, dessen sich der Besitzer in dieser einfachen Weise entledigt, unter die Menge und wird auf der Straße zertreten. Nur eines erleichtert uns den Weg: Der Fremde wird wenig belästigt, selbst bei dem wichtigsten Schachergeschäft treten die Parteien auseinander, um den Durchgang frei zu machen. Und in dem Gewirr tummeln sich unzählige Kinder in harmloser Fröhlichkeit, darunter halbwüchsige Mädchen mit so schönen Gesichtern, daß man an das hohe Lied Salomonis denkt. Aber die Grundstimmung bleibt doch eine gewisse Beängstigung und man athmet auf, wenn man den freien Waterlooplatz glücklich erreicht hat. Was mich besonders in dieses Stadtviertel führte, war der Wunsch, eine Diamantschleiferei zu sehen. Diese Industrie ist seit etwa 300 Jahren in Amsterdam durch portugiesische Juden eingeführt worden und noch jetzt eine Besonderheit dieser Stadt. Noch jetzt wird sie ausschließlich in der Nähe des Judenviertels betrieben, und die in ihr beschäftigten Arbeiter, es sind etwa 10,000, sind mit geringen Ausnahmen jüdischen Stammes. Eine der ältesten Schleifereien ist die von Coster, wo der Fremde bereitwillig die erwünschte Auskunft erhält. Da der Diamant nur mit Diamanten zu bearbeiten ist, muß mit allem kostbaren Material gespart werden, und der Arbeiter sammelt so zu sagen jedes Stäubchen. Eine besonders wichtige Aufgabe hat der erste Arbeiter, welcher den rohen Edelstein zu „spalten" hat, d. h. von vornherein unbrauchbare Theile abzusprengen hat. Es gehören sehr scharfe Augen dazu, um zu erkennen, welche Form dem Stein seiner Structur gemäß zu geben ist. Die beim Spalten losgesprengten Theile gehen durch ein Sieb und liefern den zum Schleifen nöthigen Diamantstaub. Der gespaltene Stein kommt nun zur „Modellschleiferei"; hier werden die Flächen roh vorgearbeitet, die der Stein später aufweisen soll. Bei einem Brillanten sind dies 64. Diese Vorarbeit besorgen meist Frauen; sie fassen den Edelstein mit einer Pincette und drücken ihn in eine Schellacklösung, die beim Erkalten fest wird und so den Stein in der gewünschten Lage erhält. Die schwerste Arbeit fällt nun demjenigen zu, der den Stein zum Schleifen fertig macht, denn es muß genau die vorgearbeitete kleine Fläche so liegen, daß sie allein geschliffen wird. Zu diesem Zweck wird der Stein in einen Bleikolben gepreßt, und der Arbeiter streicht mit der Hand das heiße Blei in die richtige Lage. Die Haut der Hand wird ihm dabei arg verbrannt, und man muß bewundern, wie die Leute das aushalten. Das Schleifen geht dann auf einer Metallscheibe vor sich, deren Oberfläche Diamantstaub mit Oel vermischt aufweist und die sich in der Minute etwa 2000 Mal dreht. Ist eine Fläche geschliffen, so wird der Bleikolben geschmolzen und eine andere Seite des Steins hervorgekehrt. Geschliffen werden die besseren und größeren Steine zu Brillanten, die kleineren zu flachen Rosetten. (Bert. Lok.-Anz.)

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