Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 86 (2.11.1897)
- Date
- 1897-11-02
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1641 Barbarei und des finsteren Mittelalters dictiren Dir Deine Worte. Die Civilisation, an deren Spitze Frankreich und das französische Volk einherschreitet, die Civilisation, die schon 1789 eine Anerkennung der Rechte aller Menschen triumphirend verzeichnen konnte, muß heute, nach fast einhundert Jahren, ihr Angesicht aus Scham verbergen! Armes Frankreich; Deine treuesten Kinder verleumdet man ihres Glaubens halber! Wo sind jette Zeiten, da in unserem Vaterlande alle Franzosen Brüder waren, einerlei, auf welche Weise sie ihre religiösen Bedürfnisse befriedigten? Geht erst ein Riß durch das Bruderland, dann ist Frankreich schlimm daran. Gott wird mich abrufen, ehe dieses geschieht, das ist mein einziges Gebet." Eine mächtige Bewegung erfaßte die versammelten Männer, als der Greis mit von Dhranen erstickter Stimme geendet hatte. Alle drängten sich an ihn, um durch einen Händedruck dem alten Manne die Versicherung zu geben, daß jene Bande, welche den Religionshaß predigt und verbreitet, unter ihnen keinen Anhänger gefunden habe. Der alte Mann war erfreut über diese« Beweis der Achtung und dankte gerührten Herzens. Da erhob sich die Stimme von vorhin wieder und rief: „Glaubt ihm nicht, dem Juden; jagt ihn fort, zum Dorfe hinaus!" Kaum war der Ruf erschallt, so hatten feste Hände den Rufer gepackt und derbe Fäuste sattsten auf seinen Rücken herab, während andere ihn in die Mitte des Platzes zerrten. „Schlagt ihn todt, den Hund," riesen die erzürnten Dorfbewohner, „er hat es gewagt, Vater Cohen zu beleidigen." Utid abermals sausten Hiebe auf den Rücket! des Elenden. Da trat Vater Cohen zu ihnl heran, und alle wichen ehrfurchtsvoll vor ihni zurück. „Du hast mnthwillig unsere Versammlung gestört," wandte er sich an den Störenfried, „und es darf Dich nicht wundern, wenn wir Dich von derselben ausschlreßen. Gehe nach Hause und erwarte dort, was wir hier beschließen." „Wer gicbt Euch, dem Inden, das Recht mich fortzuweisen?" „Wir alle!" tönte es von den Lippen der Männer dem Frager entgegnen. Der Kreis um fyn öffnete fiä), und ehe man sich dessen versah, war der Aufwiegler verschwunden. Vor der Kirche stand er stille, ballte seine Fäuste drohend nach der Versammlung hin und rief mit heiserer Stimme: „Das sollt Ihr mir entgelten! Ihr Schurken! Memmen seid Ihr alle!" Darauf trat er, sich bekreuzigend, in die Kirche. Dort hatte man ihn schon erwartet, denn kaum war er eingetreten, da löste sich ein Schatten von einem Pfeiler neben dem Altar und eine Gestalt trat auf ihn zu und sprach: „Schon zurück, Urbain? Was hat man beschlossen?" „Nichts; fortgejagt har man mich!" knirschte der also Angeredete. „Der alie Jude hat sie im Sack; er kann mit ihnen machen, was er will." „Das ist schlimm," entgegncte der Andere. „Mit dem ist nichts anzufangen; der alte Narr ist gar kein Jude mit seiner verfluchten Redlichkeit. Jeder andere wäre eher für unseren Plan zu gewinnen als er." „So versuchen wir es aus eigene Faust!" „Das ist zu gefährlich; wenn man uns erwischt —" „Hast Du Angst, so bleibe davon. Die Preußen zahlen mir meinet: Lohn sicher und ich habe nicht nöthig mit Dir zu theilen." „Wer garantirt mir, daß Du das überhaupt thust?" „Mein Wort und mein Eid an heiliger Stätte!" Ein boshaftes Lachen war die Antwort, und die beiden Kumpane entfernten sich aus der Kirche. Unterdessen hatten die Dorfbewohner ans den Ratb von Vater Cohen beschlossen, den Einzug der deutschen Truppen abznwartcn und dieselben freundlich zu empfangen. Man ging anseinander, beruhigte die ängstlichen Hausgenossen und erwartete stündlich die Ankunft der Preußen. Die Nacht verging jedoch ungestört. Nur einzelne Schüße schallten durch die Stille und schreckten die Furchtsamen. Ein heller Morgen stieg am Horizont empor und die freundlichen Strahlen der Sonne vergoldeten die Spitzen der mit Reben beflanzten Hügelketten. Pater Cohen stand in seinem Arbeitszimmer, die Gebetriemen um Hand und Stirne gebunden, in Andacht seine Blicke nach Osten gewandt. Er hatte die ganze Nacht im Gebet verbracht und die Strahlen der Sonne hatten nicht nöthig gehabt, ihn zu wecken. Cr war einer von denen, die den Morgen erwarten, um Gott altzubeten. Wort für "Wort, wie es die Schrift erheischt, tönte das Schma von seinen Lippen, und als er sein Gebet beendet hatte, da strahlte ein göttlicher Friede von seinem Greisenantlitz. Run nahm er einen Band des Talmud aus einem Bücherschränke und vertiefte sich in dessen Studium. So mochte eine halbe Stunde verstoßen sein, als eine alte Magd das Frühstück, bestehend aus einem Glase Milch und einem Stückchen Brod ihm brachte. Vater Cohen berührte jedoch nichts. Ihm ahnten böse Dinge und er wollte durch Gebet und Fasten den Allmächtigen bitten, nichts Böses über ihn und das Dorf, in welchem er wohnte, zu bringen. Er nahm den Psalter aus dem Schranke und in der Lektüre der herrlichen Psalmen, jener, tief aus