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Der Israelit · 1897-10-28 · Heft 85 (28.10.1897) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 85 (28.10.1897)
Date
1897-10-28
Page
– (sequence 11)
Language
German
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162 wissen besonderen Interesse. Mein Sohn ist gegenwärtig dort, er ist als Vertreter der Moskauer Universität hingefahren. Mein Sohn ist Docent der Psychiatrie und wird wahrscheinlich auch in Berlin auf dem medicinischen Congreß einen Vortrag halten. Sie können auch deutsch mit mir reden, wenn Ihnen das bequemer ist — und ohne meine Antwort abzuwarten, setzte sie ihre Unterhaltung in deutscher Sprache fort. Ich saß etwa zehn Minuten mit ihr auf der Veranda, das übliche Glas Thee stand bereits vor mir, und ich sprach ihm auch zu, denn es ist nicht höflich, ein angebotenes Glas Thee zurückzuweisen, als Herr Minor in der Thür erschien. Er pflegte um diese Zeit sein Mittagsschläfchen zu halten und hatte aus Zuvorkommenheit für einen weit hergereisten Gast seine Ruhe abgekürzt; ein hochgewachsener, alter Herr mit etwas wirrem, grauen Bart, mit einem klugen Auge, mit gutem Wissen und klarem Denken. Ich trug ihm meinen Wunsch vor. „O gewiß, man hat Ihnen die Wahrheit gesagt. Vor fünf oder sechs Jahren, ich kann es Ihnen nicht mehr genau sagen, kam Graf Tolstoi zu mir. Er bat, ich möchte ihm Jemanden empfehlen, der ihm hebräischen Unterricht gebe. Der Gedanke, hebräisch zu lernen, war ihm theils durch seine Bibelstudien, theils durch einen äußeren Anlaß gekommen. Der Schriftsteller Ssorkin, ein getaufter Jude, hatte sich unmittelbar nach den großen Judenverfolgungen (1881) an hervorragende russische Schriftsteller gewandt, sie sollten in der Noth ihre Stimme zu Gunsten der Juden erheben. Turgenjew und Tolstoi waren die gewichtigsten, die damals in Rußland sprechen konnten. Turgenjew sagte zu. Es widerstrebte seinem Wesen aber, in einer Abhandlung die Judenfrage zu beleuchten, er wollte durch eine Erzählung wirken. Er kam nicht mehr dazu, sein Versprechen einzulösen. Tolstoi hielt mit seiner Antwort zurück; er wollte die Judenfrage, wie er sagte, „aus den Quellen" ftudiren. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, fügte Minor hinzu, wie irrig diese ganze Anschauung ist. Die heutige Judenfrage hat nichts mit dem Studium der Sprache der Bibel zu thun. Kaum, daß man das Wesen der heutigen Juden in irgend einen Zusammenhang mit dem Volke von Palästina bringen kann. Aber Tolstoi blieb dabei, und er ging mit großem Fleiß an die Arbeit. Ich mochte ihm nicht den ersten besten nennen und unternahm es selbst, sein Lehrer zu sein. Ich unterrichtete ihn nach der Methode der östlichen Juden. Er liest also nicht spanisch, sondern wie wir russischen Juden." (Ich will zur Erklärung hier einfügen, daß die Juden in Europa in zwei große Gruppen zerfallen, in die sog. spanischen und die sog. polnischen Juden. Die spanischen lesen das Hebräische wie die christlichen Gelehrten, die es von ihnen übernommen haben, die polnischen, zu denen auch dielGesammtheit der deutschen Juden gehört, haben eine andere Aussprache.) Tolstoi begriff außerordentlich schnell. Er las aber nur, was auf seinem Wege lag. Was ihn nicht interesiirte, übersprang er. Wir begannen beim ersten Wort der Bibel und fuhren in dieser sprunghaften Weise bis zu Jesaias fort. Hier brach der Unterricht ab. Die Vorhersagung des Messias in den bekannten Stellen des Propheten genügte ihm. Mit der Grammatik der Sprache beschäftigte er sich nur insoweit, als sie ihm unentbehrlich schien. Er habe Griechisch ebenso und in kürzester Zeit gelernt und sei vollkommen im Stande, das Neue Testament in der Ursprache zu lesen. Er kennt auch den Talmud. In seinem stürmischen Wahrheitsdrange befragte er mich in jeder Stunde fast über die Sittlichkeitsanschauungen deS Talmud, über die Auslegung der biblischen Legenden durch die Talmudiften und schließlich schöpfte er aus dem russisch geschriebenen Buch „Die Weltanschauung der Talmudiften" (mirosorrronitz talmudistow), davon der Petersburger „Gesellschaft zur Hebung der Bildung unter den Juden" herausgegeben ist. Wir arbeiteten etwa eine halbe Stunde, wie Lehrer und Schüler. Einmal in der Woche fuhr ich zu dem Grafen, einmal kam er zu mir. War die halbe Stunde um, so war der Unterricht mehr eine Unterhaltung. Ich antwortete ihm auf alle Fragen, die ihn beschäftigten. Eines Tages kamen wir auch auf seine Auffassung von der Erhaltung der Welt durch die Siebe. Davon, meinte er, stehe nicht ein Wort in der Bibel. Ich verwies ihn auf die Psalmstelle 89, 3, „olam chessed jiboneh", die ich ihm „die Welt besteht durch die Liebe" übersetzte. Er war sehr erstaunt über diese Auffassung der bekannten Stelle. Minor stimmt, was wohl kaum gesagt zu werden braucht, mit den Anschauungen Tolstoi's in keinem Punkt überein. Aber er ist ein Bewunderer des Dichters und erkennt den ernsten Wahrheitsdrang seines großen Schülers freudig an. Pöstysn 20. Oktober. Am ersten Tage arm jwb ist unser allverehrter, in den weitesten Kreisen bekannter Rabbiner bi uraix nro p*wr pan a*n nach zwei Wochen langem Leiden im 43. Lebensjahre verschieden. Am Mittag ist die Sonne, die ihre Strahlen auch außerhalb unserer Gemeinde ausstrahlte, untergegangen, noch jung an Jahren, doch schon in den weitesten Kreisen als p«: und iw pnx anerkannt. Aus Preßburg gebürtig, besuchte er die N2'e" von Halas und Preßburg, lernte dort 10 volle Jahre ununterbrochen und wurde ein Hviv poS, einer der besten onra jener Zeit. Ein großer *pn bjo und p*rpn bvz, hat er auch mehrere «npn pvb ®ebi#te verfaßt, auch richtete er in seinem 19. Lebensjahre

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