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Der Israelit · 1897-10-28 · Heft 85 (28.10.1897) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 85 (28.10.1897)
Date
1897-10-28
Page
– (sequence 9)
Language
German
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mm Jahrgang. Erste Srilayk;u M 85 -es Israelit". Leitender Artikel. Wilhelm non HlimbM uni) die Iudeusrugr. (Fortsetzung und Schluß aus Nr. 65.) Dem Einwande, daß eine völlige und plötzliche Gleichstellung ein Sprung von einem Extrem in das entgegengesetzte hinein sein und daraus eine große Gefahr für den Staat erwachsen würde, begegnet Humboldt mit der Widerlegung, daß die Umwandlung eines widernatürlichen Zustandes in einen naturgemäßen kein Sprung, zum mindesten kein bedenklicher sei. Ein solcher sei der Uebergang von einem widernatürlichen mit Ueberspringung des natürlichen in einen anderen widernatürlichen Zustand. „Wer vom Knecht zum Herrn wird, macht einen Sprung; aber wem man bloß die Hände losbindet, die erst gefesselt waren, oer kommt nur dahin, wo alle Menschen von selbst sind." Eine Gefahr befürchtet man, weil man sich auf einmal alle Juden im wirklichen Besitze der Vorzüge denkt, die sie freilich erwerben können, aber doch nur einzeln und nach und nach, wie die Christen wirklich erwerben würden. Außerdem vermindert sich die Gefahr dadurch, daß der Staat eine genaue und strenge Polizeiaufsicht übt und die nun gleichberechtigten Juden wie die Christen zum Gehorsam gegen die Gesetze zwingt. Zudem bestimmt der Staat genau, wo die Beschaffenheit der Sache es erlaubt und erfordert, unter welchen Bedingungen und innerhalb welcher Grenzen jedes Gewerbe betrieben werden soll. „Jude und Christ wird gleich gebunden sein, und kein Gewerbe wird, was doch der einzige Zweck ist, leiden. Tritt selbst der Fall ein, daß der Jude ein Gewerbe zweckwidrig betreibt, z. B. aus Ackerwirthschaft Handelswirthschast macht, so wird ihn fein eigener Vortheil bald eines Besseren belehren, und geschieht dies nicht, so gehört das zu den einzelnen Fällen, die eine nicht furchtsame und kleinliche Gesetzgebung übersieht. Zu Staatsämtern kann ohnedies nicht jeder Berechtigte gelangen, sondern es bedarf einer eigenen Berufung des Staates, und dieser hat also die Sache beständig in Händen." Die allgemeine Gefahr, daß die Juden die Christen verdrängen würden, hält er demnach für völlig unbegründet und meint, sie werde nur durch einen Zirkel im Denken zu einer Gefahr, indem man erst gern den Unterschied zwischen Juden und Christen politisch aufhebcn möchte und dann wieder annimmt, daß es politisch denn doch nicht gleichgültig sei, ob ein Gewerbe von einem Juden oder Christen betrieben werde. Und wäre selbst die Gefahr bedeutend,^,, so ist doch die noch bedeutender, welche jetzt aus dem Drucke und der dadurch bei mehreren Juden beförderten Unstttlichkeit entsteht. Außerdem muß man bedenken, daß die etwaige Gefahr mit jedem Tage geringer werde, da eine sofortige Gleichstellung den Unterschied zwischen Juden und Christen sehr bald unmerklich machen werde. Ueber das Wesen der jüdischen Religion schlecht unterrichtet, gibt er der Hoffnung Ausdruck, daß eine natürliche und billige Toleranz den Juden die Augen öffnen und sie zu der Erkenntniß führen werde, daß sie nur ein Zeremonialgesetz und eigentlich keine Religion hätten, woraus sie, getrieben von dem angeborenen menschlichen Bedürsniffe nach einem höheren Glauben, sich von selbst zu dem Christertthum bekehren würden. Ihr Uebertritt, der jetzt, wo sie ihre unterdrückten Mitbrüder verlassen und die bis dahin mitgetragene Last auf sie abwerfen, um unter den vollberechtigten Christen mit dem Namen getaufte Juden belegt zu werden, nur unter besonderen Umständen zu entschuldigen ist, wird dann wünschenswerth, erfreulich und wohlthätig sein. „Wie man gegen die plötzliche Gleichstellung zu furchtsam ist," schließt er seine Ausführungen, „so scheint man mir bei der allmäligen, welche die doppelte Gefahr des alten und neuen Zustandes zugleich bestehen läßt, indem man sie sich beide zu vermindern einbildet, in der That zu kühn." Er wendet sich alsdann einer eingehenden Kritik des Schrötter'schen Entwurfes zu und gesteht, wenn auch seine Ansicht von deffen Geist sehr abweiche, daß er innerhalb des Systems, auf das er sich gründe, einige Ausnahmen abgerechnet, den Juden endlich einen hohen, und in mancher Hinsicht befriedigenden Grad der Freiheit ertheile und, wenn sie von der moralischen Nichtachtung abznseben im Stande seien, ihr physisches Wohlsein beträchtlich erhöhe. Doch findet er in einigen Paragraphen die moralische Herabwürdigung auf eine beinahe empörende Weise ausgesprochen und er verlangt energisch die Beseitigung des Paragraphen, welcher bestimmt, daß die Juden als Zeugen nicht die volle Glaubwürdigkeit der Christen haben. „Weder in städtischen Versammlungen, noch in Schulen, noch im täglichen Leben können, ohne Veränderung aller Begriffe von Moralität, Menschen mit einander irgend menschlichen und über die bloße bürgerliche Hantirung htnausgehenden Verkehr haben, von denen die einen wegen ihrer Abstammung Mißtrauen in die erste moralische Eigenschaft, die Wahrheitsliebe, gesetzlich dulden^müffen,

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