Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1897-10-28 · Heft 85 (28.10.1897) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 85 (28.10.1897)
Date
1897-10-28
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2448705-2448784--44796-2493908
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1617 NerrMeton. Die Stunde der Vergeltung. Von Paul Gotthelf. 12) fAlle Rechte Vorbehalten.^ Die Siegesberichte des deutschen Heeres durchflogen ununterbrochen unser Vaterland. Je größer aber die Siege der deutschen Truppen waren, um so höher waren die Anforderungen, welche man an die Mildthätigkeit des deutschen Volkes stellte. Die halbe französische Armee lag gefangen in Deutschland; die Kranken und Verwundeten derselben genossen dieselbe Pflege, wie die Söhne unseres Vaterlandes und es war keine kleine Aufgabe, die oft sehr anspruchsvollen Kranken zu befriedigen. Auch in dem Hospital, an dem Dr. Reif als Assistenzarzt wirkte, waren verwundete Franzosen untergebracht worden und dieselben hatten in ihrem Gebühren und Benehmen den ganzen Zorn des jungen Mannes herausgefordert. Keiner hörte je ein gutes Wort von ihm und wenn er in den Krankensaal trat, so zitterten sie vor seiner Stimme. Sern ganzes Wesen hätte ihn eher für den Beruf eines Veterinärarztes qualifiziert, denn er behandelte die Menschen, die ihm untergeben waren, wie Thiere. Auch heute hatte man sein Schreien und Schelten schon vernommen, lange ehe man ihn erblickt hatte, und als er nun in feiner barschen Weise die Thüre aufriß, herrschte Todtenftille im Saal. „Wo sind die Patienten, die gestern Abend angekommen sind?" fragte er die ihn begleitende Schwester. „Die sind im anderen Saale, Herr Doktor," entgegnete diese mit ihrer sanften Stimme. „So wollen wir zuerst dort Nachsehen," versetzte er, der Thüre wieder zuschreitend. Er ging über den langen Gang, an dessen anderem Ende sich der zweite große Saal befand. Hier waren die Kranken untergebracht worden, die im Laufe der Nacht angekommen waren. Dr. Reif begann sofort seine ärztliche Thätigkeit und sandte einen Diener weg, um sich Assistenzärzte holen zu lassen, da einige Operationen sofort gemacht werden mußten. Er bestimmte die Säle, in welche die Patienten gelegt werden sollten und vollzog dann mit Hilfe eines Assistenzarztes die nötigen Operationen. Nach dreistündiger Arbeit kehrte er nach Hause zurück. Dort erwartete ihn eine Botschaft, die ihn erfreute. Seine Schwester Elsa trat ihm entgegen und fragte ihn: „Hast Du auch schon das Neueste gehört? Dr. Reiß soll tätlich verwundet sein?" „Dr. Reiß? Nein, woher weißt Du das?" „Herr Lazar ist in Begleitung seiner Tochter abgereift, um die Leiche zu holen!" „Ach, das wird wieder ein Stadtklatsch sein. Ich habe nichts davon gehört. Uebrigens würde es nichts schaden, wenn ein Jude weniger auf der Welt wäre." „Gut, daß Deine Flamme Dich nicht hört! Sie würde sich entsetzt von Dir abwenden." „Meine Flamme? Wen meinst Du damit?" „Wen anders als Selma Fink?" „Selma Fink ist ein tylätxfyen, das ich aufrichtig bewundere. Nicht allein wegen ihrer Schönheit und Liebenswürdigkeit, auch wegen ihres Muthes, und ihrer unbeschreiblichen Geduld und Menschenliebe hat sie sich meine Bewunderung erworben." „Also habe ich doch recht; Deine Flamme." „Ein Mädchen, welches Dir sehr gut zum Muster dienen könnte." „Ich bedarf keines Musters, ich bin erzogen," tönte es spitz von den dünnen Lippen. „Erzogen; aber frag' mich nur nicht wie," entgegnete er boshaft. „Doch noch etwas besser als Du. Wenigstens —" Der Eintritt eines Boten schnitt die Entgegnung ab. Derselbe brachte einen Zettel, welcher den Arzt unverzüglich in das Krankenhaus beorderte. Er säumte auch nicht lange und gelangte mit dem Boten zugleich an. Dort wartete seiner eine schreckliche Scene. Kaum war er vor den Oberarzt getreten, als dieser ihn heftig anfuhr: „Herr, Sie waren heute morgen wohl betrunken, als Sie die Kranken besuchten?" Totenbleich sah der junge Arzt in das eiserne Antlitz seines Vorgesetzten. Er konnte vor Zorn kein Wort erwiedern. „Geben Sie doch Antwort!" schrie ihn der alte Herr, mit dem Fuße aufstampfend, an. „Wenn Sie mich beleidigen wollen —" „Beleidigen? Kann ich einen Ochsen beleidigen? Herr, ich möchte Sie ins Gefängniß bringen wegen Ihrer Lüderlichkeit oder Unwissenheit Wissen Sie, was Sie angerichtet haben? Zwei Blatternkranke haben Sie in den Saal Nr. 3 zu den Leichtkranken gelegt und dadurch den ganzen Saal inflcirt und 24 Menschen in Gefahr gebracht. Aber damit nicht genug! In der Baracke draußen, bei den Blatternkranken habe ich zwei Scharlachkranke gefunden, die auf Ihre Anordnung dorthin gelegt worden find. Sind Sie werth, ein Arzt genannt zu werden? Sie verderben mir mein Spital! Ich verzichte auf Ihre Hilfe. Sie haben keinen Schritt mehr in dieses Haus zu setzen!"

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.