Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 84 (25.10.1897)
- Date
- 1897-10-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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i im i.ügy^y ik •■ - MXVm. Jahrgang. Beilage ju M 84 -es „Israelit". Zeitungsnachrichten und Correspondettze«. Deutschland. Berlin, 21. Oktober. In den Großstädten gibt es viele Schwindler, die sich als Schächter oder als Koscherfleischlieferanten ausgeben. Vor diesen Lumpen muß man auf der Hut sein. Man kaufe nur Koscherfleisch von gewissenhaften Schlächtern, die man als bewährt kennt. Langjährigen Betrügereien beim Ein- und Verkauf von angeblich geschächtetem Fleisch ist man auf dem hiesigen Viehhof auf die Spur gekommen. Schon längere Zeit war es offenes Geheimniß, daß große Posten Fleisch, sowohl in der Markthalle am Alexanderplatz, wie auch von außerhalb hier eingesührt werden, welche, als angeblich von geschachteten Thieren herrührend, in den Markthallen an kleinere Fleischwaarenhändler, die angeblich geschachtetes Koscher-Fleisch führen, verkauft und dann an jüdische Haushaltungen billiger abgegeben werden, als man Fleisch in den größeren jüdischen Fleischhandlungen erhält. Den reellen Geschäften lag nun sehr daran, die Quelle zu ermitteln, woher das Fleisch bezogen wird, und auch die Fleischverkäufer sestzuftellen, die im Einzelverkauf ihre Kunden damit betrügen. Beides ist dem gerichtlichen Sachverständigen für das Fleischergewerbe. Herrn Großschlächtermeister C. F. Hoffmann, gelungen. Die Betrügereien sind schon seit Jahren betrieben worden. ** Berlin, 2l. Okt. (Polizei und Wissenschaft.) Von einem Berliner Arzt wird folgende bureaukratische Prachtleistung mitgetheilt, die auf der Internationalen Lepra-Konferenz erzählt wurde: Ein Arzt aus Rostow am Don hatte zum Internationalen Aerztekongreß in Moskau drei aussätzige Kosaken aus einem Dorfe mühsam zusammengesacht, um sie in Moskau den Aerzten vorzuführen. Als er in Moskau ankam, ließ ihn der Sladthauptmann zunächst nicht in die Sta« t mit seinen drei Patienten unter der Motivirung: „Juden dürfen nicht nach Moskau hinein." Die Patienten waren aber echte Donsche Kosaken! Dann wurde acht Tage lang an alle mögliche Behörden telegraphirt, bis der Kongreß in Moskau glücklich zu Ende war und der Herr Doktor sich seine drei Kranken wieder mit in sein Dorf nehmen konnte! ** Neu-Stettin, 21. Oct. In unserem Kreise, der vorzugsweise ein ländlicher ist, wirft die bevorstehende Reichstagswahl auch schon ihre Schatten voraus. Verschiedene Anzeichen sprechen dafür, daß auch hier ein heftiger Wahlkampf entbrennen wird, der aber doch nicht wieder solche Formen aufnehmen dürfte wie bei der Haupt-, Stich- und Ersatzwahl im Jahre 1893. Ahlwardt, Förster und Stöcker haben auf dem Lande so ziemlich abgewirthschaftet; und doch scheinen die Antisemiten diesen Kreis als ihre Domaine zu betrachten und nicht gewillt zu sein, ihn gutwillig fahren zu lasten. Er wird sogar einen Zankapfel bilden zwischen dem „wild" gewordenen Förster und der antisemitischen Fraktion. Wenigstens hat der erstere, als er vor einiger Zeit im Kreise anwesend war, geäußert, er hoffe bestimmt, wieder gewählt zu werden. Sollte seine Siegeszuversicht nicht etwa erschüttert worden sein durch den Verlauf der letzten, mit großem Geschrei angekündigten Versammmlung in der Kreishauptstadt Neu-Stettin, zu der sich nur sechzig bis siebzig seiner Getreuen eingefunden hatten? Einerlei — Förster wird kandidiren! Kürzlich ist aber auch Liebermann von Sonnenberg im Kreiseherumgereift und man wird nicht sehlgreifen mit der Vermuthung, daß er einem Kandidaten der deutsch-sozialen Reformpartei die Wege ebnen wollte. Die Konservativen sind sich noch nicht recht einig, ob sie wieder mit ihrem damaligen Kandidaten, Herrn Nttlmeister a. D. von Hertzberg-Lottin, der sich in letzter Zeit durch Vereins- und Genossenschaftsgründungen bei den Bauern beliebt zu machen versucht hat, kommsn sollen, oder mit einem bürgerlichen Großgrundbesitzer, der sich mit Haut und Haaren dem „Bunde der Lanowirthe" verschrieben hat, und dem sie ähnlich wie im Wahlkreise Schlawe-Bütow-Rummelsburg eine größere Anziehungskraft zutrauen, als dem junkerlichen Kandidaten. In diesen antisemitisch-konservatio-reaklionären Wirrwarr fährt nun mit einem Male aus heiterem Himmel ein Blitzstrahl von einer Seite, von der uian sich am wenigsten etwas vermuthete. Eine Anzahl Bauern, die im Laufe der letzten Jahre die konservativ-antiseinitische Politik durchschaut haben, thaten sich kürzlich in aller Stille zusammen zu einem liberalen bäuerlichen Wahlkomiiö für den Kreis Neu- Stettin. An der Spitze dieses Comitös stehen die Bauerhossbesitzer Friedrich Bülow I. (Alt-Valm) und Karl Kuchenbecker (Eschenriege). Als Kandidat für die nächste Reichstagswahl wurde der im Kreise sehr bekannte Bauerhofsbesitzer W. Schnlz-Lübgust proklamirt, der sich auf vorherige Anfrage bereit erklärt hatte, die Kandidatur zu übernehmen. Mit Recht ist man in bäuerlichen Reihen der Ansicht, daß eine Gesundung der partei-politischen Verhältnisse in unserem Wahlkrelse nur vom Lande ausgehen kann, das ja bei der Wahl den Ausschlag zu geben hat.