Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 84 (25.10.1897)
- Date
- 1897-10-25
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1601 So herrschte ein brüderliches Verhältniß zwischen denen» die sich im Felde auf Tod und Leben einander gegenüberstanden. Der zweite September war herangekommen unb Alldeutschland jubelte bei der Nachricht, daß der, welcher im frevlen Uebermuthe das Schwert gezogen, seinen Degen dem greisen Heldcnkaifer überliefern und in oie Gefangenschaft wandern mußte. Man hatte gehofft, daß der Krieg jetzt zu Ende sei, aber man hatte sich getäuscht. Frankreich wollte den Krieg bis auf's Messer. Es bildeten sich irreguläre Banden, welche jede offene Schlacht vermieden, aus dem Hinterhalte die deutschen Truppen belästigten und manchen braven Krieger meuchlings ermordeten. Wurde eine solche Bande eingefangen, so gab es keinen Pardon und alle muhten mit ihrem Leben den verübten Mord büßen. Dr. Reiß hatte unter Leons Führung die deutschen Truppen bald erreicht. Er fand neue Arbeit vor, denn es mangelte an Krankenträgern und gar viele die des Arztes bedurften, lagen noch auf dem Schlachtfelde. Er machte sich sofort daran, das Leichenseld abzusuchen und Denjenigen, denen noch Hülse gebracht werden konnte, solche angedeihen zu lassen. Henvch und ein paar Soldaten begleiteten ihn. Der Gang über die Wahlftatt war das Schrecklichste, was man sich denken komtte, und es ist nicht unsere Absicht, eine Schilderung davon zu entwerfen. Der Anblick so vieler Leichen und Verwundeten betrübte Reiß; tva$ ihn aber empörte, das war das Werk, welches die Leichenräuber, die Hyänen des Schlachtfeldes, verrichtet hatten. Ueberall hatteil sie ihre grausamen Spuren zurückgelassen. So marschierte die kleine schweigende Colonne quer über die Felder. Plötzlich tönte ein Stöhnen über die stille Flur und momentan horchten alle, woher der Laut kam. Da sah Dr. Reiß an einem Raine einen Menschen liegen, der sich zu bewegen schien. Er eilte hin und fand einen verwundeten französischen Reiterosstzier. Eine Granate hatte dem Aermsten beide Beine zerschmettert, so daß er todteuähulich liegen geblieben war. Jetzt streckte er dom Arzte, seine von den Leichenräubern verstümmelten Hände entgegen und flehte ihn an, er möge ihn doch tödten. Dr. Reiß ließ ihn sofort aufnehmen, legte einen Rothverband an, und befahl dann den Trägern, ihn in das nächste Lazareth zu bringen. Er selbst ging mit Henoch und noch zwei Soldaten weiter. Da ertönte plötzlich ein Schuß und Dr. Reiß stürzte mit einem Weheruf zu Boden. Während Henoch seinem Herrn zu Hülfe eilte, liefen die beiden Soldaten nach der Richtung, woher der Schuß gekommen. Sie suchten alles durch, konnten jedoch Niernand finden. Schon wollten sie zurückkehren, da fiel einem von ihnen ein einzelstehender Kohlkopf aus. Er näherte sich demselben — da krachte wiederum ein Schuß. Die Kugel flog dicht am Kopfe des Soldaten vorbei, während der Koblkopf verschwunden war. Sie untersuchten die Stelle, wo derselbe gestanden halle und fanden dort in einer Grube einen französischen Marodeur, der soeben wieder seinen Revolver lud. Ein wohlgezielter Kolbenschlag zerschmetterte dem Elenden den Schädel. Nachdem sie so Vergeltung geübt hatten, eilten sie zu Henoch, der sich mit feinem Herrn beschäftigt hatte. Derselbe vermochte nicht, sich zu erheben, und so trugen ihn die Soldaten in das nächste Lazareth zilrück. Dort erregte der Fall Aufsehen und eine ganze Compagnie wurde beordert, die Gegend abzusuchen. Man fand noch drei solcher Mordgesellen, die alle ihren wohlverdienten Lohn erhielten. Dr. Reiß lag im Lazareth. Um ihn standen seine Kollegen und hielten ein Coneitium ab, wie die Wunde, welche er aus solch' hiuterliftige Weise erhalten, zu behandeln sei. Wenn die Kugel auch keine Knochen und keine edleren Theile verletzt hatte, so war die Verwundung doch eine so eomplizierte, daß ein Rücktransport des Verwulldetelt am gerathensten erschien. Dr. Reiß willigte ein und alsbald bewegte sich ein Zug von Krankenträgern, welche durch eine Patrouille geschützt wurde, dem gestern erst verlassenen Dorfe zu. Henoch ging betrübt zur L>eite und fragte von Zeit zu Zeit seinen Herrn, ob er; etwas wünsche. Endlich hatte man das Krankenhaus erreicht. Der Verwundete wurde sofort in den Operationsfaal gebracht und dort untersuchte der Generalarzt selbst die Wunde. Nachdem er den Verband angelegt hatte, fragte Dr. Reiß, ob er meine, daß er bald wieder eintreten könne. Wie erschrack er, als der Generalarzt ihnk lächelnd sagte: „Für's erste kehren Sie nach Deutschland zurück. Bis Sie wieder dienstfähig sind, hoffen wir, alle wieder in der Heimalb zu sein." Vierzehn Tage sollte Dr. Reiß ruhig im Krankenbause weilen, ehe an seinen Transport nach Deittschland gedacht werden konnte. Henoch benachrichtigte am folgenden Tage den Commerzienrath, und am vierten Tage stand dieser mit Alice vor dem Bette des Verwundeten. Das war ein Wiedersehen! Alice konnte vor ThrÜnen nicht sprechen und der Commerzienrath, sagte, als er sah, daß Karl sonst ganz wohl war, und hörte, daß die Heilung einen ganz normalen, wenn auch langweiligen Verlauf nehme: ..Garn su letowo; auch das sei zum Guten!