Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 84 (25.10.1897)
- Date
- 1897-10-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XX.X.VIII. Jahrgang. JK«84. Der Israelit. Ein Gentrat-Hrgan für das orthodoxe Iudenthum Begründet von Dr ITeljmanu in ZMatnz Msrrtag, de« 25. Oktober 5658 (1887). Leitender Artikel. Zur JJcrftoatütiJiinB des Mdelllhum. Es giebt Ideen, die in der Luft liegen, die aber deshalb noch nicht gut zu sein brauchen; so spukt es jetzt allenthalben von der Verstaatlichung des Judenthums. Der „Israelit" reproduzirte erst in vergangener Nummer eine diesbezügliche, einer Berliner jüdischen Zeitschrift entnommene Notiz, die von derartigen Absichten in Preußen zu berichten weiß. Im österreichischen Judenthum ist man, so scheint es, ebenfalls eifersüchtig auf die Organisation des isr. Cultus, wie solcher in Frankreich eingeführt ist, und einige Glaubensgenossen in Oesterreich haben die Absicht, Propaganda für die Einführung einer ähnlichen consistoriellen Hierachie zu machen. Die „Oester. Wochenschrift" nämlich veröffentlicht ein vollständiges Memorandum über diese Frage, welches Herr Dr. Placzek nach der Eingebung des verstorbenen Baron v. Königswarter geschrieben hat. Es mag daher ein Urtheil über die Organisation des isr. Cultus in Frankreich, das der Chefredaeteur der Pariser „Arcliives isra&ites“, Herr H. Prague, in seiner Zeitschrift abgiebt, auch hier eine Stelle finden. Wenn unsere öfter. Glaubensgenoffen, so meint der genannte Herr, den Ursprung der Gesetzgebung des isr. Cultus in Frankreich kennen und sich Rechenschaft geben würden über die nichts weniger als wohlthätigen Wirkungen, die diese Organisation auf religiösem Gebiete bewirkt hat, dann würde ihnen die Luft, dieselbe in ihrem Lande nachzuahmen, vollständig vergehen. Was vermuthlich die Beförderer dieses Planes verführt hat, ist die weise Anordnung dieser consistoriellen Einrichtung, ihr volländiges Ebenmaß, ihre gegliederte Außenseite mit dem Central-Consiftorium an der Spitze, welches die einzelnen Consistorien in den Provinzen beherrscht, denen die Ge-! meinden unterstehen. Und weil Napoleon I. der Ur- 1 Heber dieser Einrichtung war, ist man versucht, ein Werk um so mehr zu bewundern, das einem so gewaltigen Gehirn entsprungen ist. Aber betrachtet man die Dinge in der Nähe, so muß man bedauern, daß Napoleon, der ein militärisches Genie ersten Ranges war, daran gedacht hat, sich in Dinge des Glaubens zu mischen, und daß, wie nach dem Concordat, durch das er die katholische Geistlichkeit zu bezwingen versuchte, er auch das Judenthum seinen Gesetzen unterwerfen wollte. Denn man darf nicht vergessen, daß der Hauptgedanke, der in Frankreich die Organisation des isr. Cultus bewirkt hat, der war, aus diesen Consistorien, welche man schuf, nicht wie man allgemein zu glauben schien, Stätten von dem Judenthume förderlicher Handlungen, Centren religiösen Lebens, sondern einfach Agentenstellen zu errichten, um die Israeliten auf die Treue zu ihrem Herrn, welcher damals Napoleon I. war, zu prüfen und sie in dem Gehorsam, den sie der Regierung schuldeten, zu erhalten und ihnen Achtung vor derselben einzuschärfen. Napoleon hatte sich ohne Zweifel sagen laffen, — übrigens eine vollständige Verleumdung — daß die Israeliten sehr unruhige Leute wären, von erregtem Tenrperament, zu Ausschweifungen neigend, und um sie zu demüthigen, um aus ihnen ergebene und gute Unterthanen zu machen, hatte er die consistorielle Organisation geschmiedet. Man hat sich nur an die organische Verordnung von 1606 zu erinnern, welche durch das Dekret vom 19. März 1808 ausgesührt wurde, um sich von der Wahrheit dieser Beobachtung zu überzeugen. Die Funktionen der Consistorien und der Rabbiner bestehen in der That darin, den doctrinären Beschlüssen des „großen Sanhedrins" Achtung zu verschaffen, die Israeliten in Ausübung nützlicher Professionen zu ermuthigen, denen wieder zum Ansehen zu verhelfen, die keine Existenzmittel haben, ihnen Gehorsam gegen die Gesetze zu empfehlen, sie zum Militärdienst zu ermahnen rc.