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Der Israelit · 1897-10-08 · Heft 80-81 (8.10.1897) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 80-81 (8.10.1897)
Date
1897-10-08
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1549 NeuMeton. Die Stunde der Vergeltung. Von Paul Gatthelf. 9) (Alle Rechte Vorbehalten.^ „Ja, das will ich," rief Selma, „und Mama wird mir dabei Helsen." „Dann möchte ich einer von denen sein," versetzte Philipp innig, „dem Sie Ihre Pflege widmen." Selma blickte den jungen Mann erstaunt an; dann senkte sie erröthend ihren Blick und schwieg. Auch Philipp wurde stiller, und als er sich von den Freunden verabschiedete, hielt er die Hand Selmas länger als gewöhnlich in der seinen und Selma entzog sie ihm nicht. Sie erwiederte den Druck seiner Hand, und als er schon sort war, rief sie ihm durch das offene Fenster nach: „Auf frohes Wiedersehen!" Gab' es eine Höhe, auf welcher man das ganze Deutschland übersehen könnte, welch' einen Anblick hätte man erlebt in der ersten Augustwoche des Jahres 1870! Ein Fahnenschwingen vom Nordrand am deutschen und baltischen Meere bis zu den Alpen, ein Händeheben und Jubelrufen vom Memelflüßchen bis zum Moselstrome und rings um unser kamps- und siegesstolzes Vaterland den bald lauten und ehrlichen, bald verschämten, noch scheu versteckten, bald gezwungenen und bald verbiffenen Neutralitätsbeifall unserer Nachbarn. Wie blutig auch dieEhren von Weißenburg, Wörth und Forbach errungen werden mußten, die Opfer dafür waren nicht zu groß, denn nicht zu theuer bezahlt war die ganze friedliche Volksarbeit daheim mit neuem, belebendem Vertrauen erfüllende Zuversicht auf die Erfolge der deutschen Waffen. Am 6. August waren von den acht Armeecorps Napoleons fünf bereits erlegen und die Festung Metz mußte sich zur Belagerung rüsten, Straßburg wurde eingeschloffen. Das Regiment, bei welchem Dr. Reiß stand, hatte sich an dem Gefechte bei Mars la Tour, am 16. August betheiligt. Die Ambulanzen halten ihr Centrum in Thiaucourt. Das Gefecht war heiß gewesen. und die Verwundeten durch Wunden, Blutverlust und Hunger so ermattet, daß sie nur in ganz unzusammenhängenden Sätzen die Wirkung des mörderischen Feuers der Franzosen schildern konnten. Es gab viel zu thun, denn die Verwundungen waren zum größten Theile schwer und die Nacht war hereingebrochen. Dr. Reiß hatte von dem General-Arzt den Auf- ^WgrfierMten,. 'La.'jeder verfüg-äreME.'Megt'war, für ein neues Unterkommen für die zahlreich eintreffenden Verwundeten zu sorgen. Zu diesem Zwecke begab er sich auf die Mairie. Es war dieses ein altes, großes, finsteres Gebäude mit Arcaden, davor ein großer Brunnen und um diesen ein dichter Menschenhaufe. Beim Nähertreten hörte man deutsche Laute und bald verstand man die Worte: „Der Brunnen ist vergiftet; werft ihn hinein!" Dazwischen tönten klägliche französische Laute. Da trat der Arzt vor und fragte: „Was geht hier vor? Wer soll hineingewvrsen werden? „Der Kerl da, Herr Dr., er hat den Brunnen vergiftet; wir haben es selbst gesehen, wie er das Gift hineingestreut hat." „Wer ist der Mann?" „Ein Franzose, Herr Doktor." „Wo ist er? ' „Hier." Der Schern der einzigen Laterne, die das Stadthaus erhellte, fiel auf das tödtlich geängstigte Gesicht eines noch ziemlich jungen Mannes, der beim Erscheinen des Arztes die Hände flehend zu diesem emporhob mit den Worten: „Um Gottes willen retten Sie mich, ich weiß nicht, was sie wollen; seien Sie mein Beschützer!" „Wer sind Sie, mein Herr?" „Ich bin der Maire dieser Stadt." „Sie werden beschuldigt, diesen Brunnen vergiftet zu haben!" „Ich, o das ist ein großer Jrrihum, ich sein nicht ein Giftmischer," und ehe man sichversah, war er dabei, den Eimer aufzuziehen, und als dieser oben war, trank er und trank, bis er nicht mehr trinken konnte. Erschöpft vor Schrecken und Aufregung wankte der nach der Meinung der Soldaten vergiftete Maire nach Hause, nachdem er den Befehl gegeben, die Mairie zur Unterbringung der Verwundeten herzurichten. Kaum war dieses geschehen, da kamen auch schon die Transporte von Verwundeten. Dr. Reiß mußte überall sein; da hatte er eine Anordnung zu treffen, dort die Frage eines dem Tode nahen Soldaten zu beantworten, hier einen Verband anzulegen, dort eine Wunde zuzunähen. Endlich kam auch ihm Hülfe. Die Lazarethabtheilung brachte ihm einige Collegen und Instrumente und Verbandzeug, so daß jetzt an eine geordnete Hülfe gedacht werden konnte. Mit kaltem Blute und ohne langes Zögern wurden binnen kurzer Zeit Operationen ausgeführt, an denen Tod und Leben ,hing.^'Der junge ' Arzt hatte eine glückliche Hand und operirte rasch. Henoch Aberle war sein treuer Assistent,'der.jmit'Liebe und Hingebung jeden Blick seines Herrü auffing und verstand. Schon $mu~ber DMM TOT Noch immer kamen neue Verwundete.

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