Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 79 (5.10.1897)
- Date
- 1897-10-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1533 Ferrilletott. Die Stunde der Vergeltung. Von Paul Gotthelf. 8) Me Rechte Vorbehalten.^ „Herr Doktor? Was habe ich Ihnen gethan, daß Sie mich nicht mehr Karl nennen, wie Sie es früher thaten?" „Früher waren wir Kinder, und jetzt verbietet es schon der Respekt." „Ach was, Respect; für Sie bin und bleibe ich Karl Reiß; nicht wahr. Sie nennen mich wieder Karl wie früher?" „Wenn Sie es wünschen, gerne." Wieder trat eine Pause ein. Alice hatte die Hände in den Schooß gelegt und betrachtete die an der Decke des Zimmers gemalten Blumen; der Doktor ging im Zimmer auf und ab. Plötzlich blieb er vor Alice stehen, faßte ihre Hand und sprach: „Alice, darf ich so verwegen sein, zu hoffen, daß Ihre Wünsche für mich einem tieferen Gefühl entspringen als dem der allgemeinen Menschenliebe? Darf ich hoffen, daß Sie oft und gerne meiner gedenken und mich, wenn ich im Felde bin, in Ihr Gebet einschließen?" Erröthend, verwirrt, neigte sie das schöne Haupt und kaum vernehmbar flüsterten ihre Lippen ein leises „Ja." „Und wenn ich zurückkehre, und Gott gibt mir Glück in meinen Unternehmungen, darf ich dann, mit einer ersten Frage vor Sie hintreten und hoffen, daß die Antwort in meinem Sinne ausfalle?" Alice erhob das Haupt und sah ihn mit einem Blick an, so innig und liebevoll, daß er keiner weiteren Antwort bedurfte. Er zog sie an sich heran und hauchte einen Kuß auf ihre edle Stirne. Da hörten sie Schritte im Nebenzimmer. Rasch saßen sie einander gegenüber, und als nun der Commerzienrath eintrat, schien es, als ob sie sich von ganz gleichgiltigen Dingen unterhalten hätten. „Höre einmal, Karl," begann der Commerzienrath, „willst Du mir einen Gefallen thun?" „Wie Sie fragen, Papa, als ob ich nicht alles thun würde, um Ihre Wünsche zu erfüllen!" „Also höre. Erinnerst Du Dich noch des Henoch Aberle?" Der junge Mann sann einen Augenblick nach. „Gewiß," sprach er dann, „hat er nicht eine Dame aus Deinem Geschäft geheirathet?" „Ganz recht, ich sehe, Du erinnerst Dich seiner. Die Leute sind sehr arm und fromm. Sie haben ein Kind, einen Knaben von einem Jahr und leben von dem, was der Mann mit schwerer Mühe erwirbt. Heute wurde der Mann einberufen; seine Frau weiß noch nichts davon. Er ist unten in meinem Comptoir und ganz verzweifelt. Kannst Du etwas, für ihn thun?" „Er leidet daffelbe, was mit ihm Tausende erdulden müffen; ich kann ihm, wenn er gesund und tauglich ist, nicht helfen." „Du mißverstehest mich. Er würde um keinen Preis sich von seiner Pflicht gegen das Vaterland losmachen; nein, er will wie jeder Andere dem Rufe seines Kriegsherrn Folge leisten. Für seine Frau und für sein Kind habe ich zu sorgen versprochen. Ich meine nur, ob Du ihm den schweren Dienst vielleicht erleichtern kannst." „Wie meinen Sie das, Papa?" „Nun, man braucht so viele OfftzierSburschen; vielleicht —" „Daran habe ich wahrlich nicht gedacht. Ist er ein anstelliger Mensch, so kann ich ihn ja als Bursche —" „Siehst Du, das wäre schön! Du wirst keinen anstelligeren und zuverläffigeren Menschen finden," entgegnete lebhaft der Commerzienrath. „Soll ich Dir ihn einmal Heraufrufen?" „Wenn es Dir keine Mühe macht!" Ein Druck an die elektrische Schelle, und ein Diener erschien. Er erhielt den Auftrag, die im Privatcomptoir Weilenden zu bitten, heraufzukommen. Frau Lazar und Henoch traten kurze Zeit darauf ein. Herr Lazar theilte dem jungen Manne mit, was er soeben für ihn erwirkt hatte. In strammer soldatischer Haltung stand Henoch vor dem Arzte, während dicke Thränen über seine blassen Wangen rollten. „So," sagte nun Herr Lazar, nachdem Henoch seine Freude und seinen Dank unter Schluchzen ausgesprochen hatte, „jetzt gehen Sie nach Hause und theilen Ihrer Frau alles mit und stellen sich morgen bei Ihrem Regiment. Ihr werdet beide gut mit einander fertig werden, und — hüte mir einer den andern." „Dank, nochmals Dank," schluchzte Henoch, darauf küßte er allen die Hand und entfernte sich. Alice begleitete ihn zur Treppe. Dort drückte sie ihm ein Goldstück in die Hand und sprach: „Bringt Eurer Frau und Eurem Knaben etwas mit, grüßt sie von mir, und ich erwarte sie bald." „Gott möge Ihnen und Ihren Eltern vergelten, was Sie an uns thun," versetzte Henoch und eilte raschen Schrittes fort, um nach Hause zu kommen. Auch der junge Arzt mußte sich empfehlen. Der Dienst rief; er versprach aber seinen Pflegeeltern, jede freie Minute bei ihnen zu verbringen. Ach, er wußte nicht, daß ihm keine Zeit mehr blieb, sich nochmals zu verabschieden, denn am anderen Tage, nachdem die Untersuchungen beendet und die Einberufenen eingekleidet waren, erhielt das Regiment