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Der Israelit · 1897-09-30 · Heft 78 (30.9.1897) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 78 (30.9.1897)
Date
1897-09-30
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1509 Feuilleton. Die Stunde der Vergeltung. Bon Paul Gotthrlf. 7) sAÜe Rechte Vorbehalten.^ Sie waren hinter den Anderen zurückgeblieben und schritten neben einander her. Beide waren in gleichem Alter und gut befreundet. Henoch hatte schon manches Stück Geld in der Mühle verdient und man hatte dort den fleißigen und reellen Mann lieb gewonnen. Er faßte seinen Freund am Arm und sprach: „Peter, Du fragst, ob ich gerne mitgehe! Was soll aus meinem Weib werden und aus meinem Kinde? Du weißt, ich besitze nur das, was ich verdiene, und wenn ich draußen im Feld bin, — muß mein Weib — betteln gehen!" Ein Schluchzen entrang sich bei diesen Worten seiner Brust. „Hoho," rief der Freund, „noch lange nicht. Das wäre schön! Wenn Du als Soldat im Felde stehst, wird Dein Weib von der Gemeinde versorgt werden." „Du irrst; ich wohne noch nicht lange genug hier, um Anspruch darauf machen zu können. Und dann weißt Du ja, daß meine Frau von Almosen nicht leben kann." „Ja, ja, es ist eine schlimme Sache," entgegnete Peter. „Nun, was willst Du thun? Willst Du zu Hause bleiben?" „Ich sollte zu Hause bleiben, wenn das Vaterland ruft? Nein, Peter, der liebe Gott wird mich einen Ausweg finden laffen." „Der liebe Gott! Sag mal Henoch, woher kommt es, daß Ihr Inden ein so felsenfestes Gottvertrauen habt? Euch mag treffen, was es auch sei, so richtet Ihr den Blick nach oben und sprechet: Gott wird helfen, und ertraget dann das Unerträglichste? Woher kommt das?" „Woher das kommt, will ich Dir sagen. Weil wir Juden schon früh auf Gottes Hülfe angewiesen sind, weil unser tägliches Gebet eine immerwährende Aufforderung ist, an den Ernig-Einzigen zu glauben, ihm zu dienen mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele. Weil dieser Einig-Einzige unfern Voreltern, unfern Eltern und selbst uns schon tausendmal Netter unv Helfer in der schweren Zeit der Noth gewesen ist, weil er in jenen Zeiten unsere einzige Hilfe ist, auf die wir bauen können — deßhalb vertrauen wir, vertraue ich auf ihn, er wirds wohl machen." „Aus denselben Gründen könnten wir ja auch ein -solche»-Gottvertrauen haben; aber es fehlt; es ist nicht da," entgegnete Peter. „Warum sollte es bei Euch nicht auch Leute geben, die eben solches Gottvertrauen haben, wie Du es bei uns findest. Auch unter den Juden gibt es Leute, die erst in ihrer Sterbestunde sich erinnern, daß es einen Gott gibt." „Aber das sind Ausnahmen. Im Allgemeinen ist doch der Jude mit seinem Gotte enger befreundet als der Christ." Henoch antwortete ihm nicht. Das Gespräch hatte eine für ihn unangenehme Wendung genommen, und er war froh, daß ihn der Lärm der nahen Stadt einer Antwort überhob. Man sah jetzl überall Zelte in welchen die einberufenen Soldaten untergebracht werden sollten. Ein emsiges Treiben entwickelte sich in der Nähe der Zelte und zog die Aufmerksamkeit der jungen Leute auf sich. Henoch hieli sich nicht aus. Er marschirte rüstig seines Weges weiter zur Stadt hinein. Er kam an der Synagoge vorbei und traf dort den Synagogendiener, mit besten Sohn er gedient hatte. „Nun Henoch," fragte ihn der Synagogendiener, „wohin des Wegs? Müßt Ihr Euch auch stellen? Mein Gabriel ist schon gestern nach M. Das ist ein Unglück!" „Nach M.? Muß er sich denn nicht bei seinem Regiment stellen?" „Er ist abkominandirt; ist Telegraphist und —" „Ach ja, es ist ja wahr. Ich muß morgen einrücken und —" „Weißt Du, ich will Dir was sagen; Dr. Reiß ist Euer Regimentsarzt geworden; er muß doch einen Burschen haben, das wäre jo ein Amt für Dich." „Ich gehe dahin, wohin mich mein Hauptmann schickt und thue nichts, was anssehen könnte, als ob ich Furcht hätte in der Linie zu kämpfen." entgegnete Henoch. Darauf bot er dem alten Manne die Hand und ging in eine Seitenstraße. Bei dem Commerzienrath Lazar ging es auch lebhaft zu. Dr. Reiß mar vor zwei Tagen angekommen und hatte seine Gestellnngsordre vorgefunden. Er war zum Assistenten des Regimentsarztes des 10. Regiments ernannt worden und hatte in Folge dessen, da der Regimentsarzt krank war, die einberufenen Mannschaften zu untersuchen. Heute Mittag hatte er freie Zeit und war zu seinem Pflegevater geeilt, um mit ihm seine Angelegenheiten zu ordnen und zu besprechen. Herr Lazar hatte ihn in seine Familie eingeführt und seine Pflegemutter hatte ihm tausenderlei Dinge zu sagen, aus die er merken, die er nicht vergessen sollte. Alice, die Tochter des Hauses, saß stille dabei und arbeitete an einer kleinen Tasche. Sie war ein hübsches Mädchen von achtzehn Jahren, still und sittsam, wie es einem wohlerzogenen Mädchen ansteht. Es war ihr nicht gegeben, mit den Gaben, womit die Natur sie verschwenderisch ausgestattet hatte, zu

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