Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 76-77 (23.9.1897)
- Date
- 1897-09-23
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1481 „Wie man es nimmt; ich sehe schon. Du erräthst es nicht; hier lies!" Sie gab ihrer Mutter den Brief. Dieselbe las ihn wiederholt durch und als sie jetzt Selma ansah, lag ein tiefer Ernst in ihrem Gesicht, der Selma's Heiterkeit sofort verstummen ließ. „Erzähle mir, was zwischen Dir und Elsa vorgefallen ist," sprach sie; „ich hoffe nicht, daß meine Tochter sich so benommen hat, daß dieser Brief zu rechtfertigen wäre." Selma erzählte und die Mittler hörte aufmerksam zu. Als sie geendet hatte, sprach die Mutter: „Du hast brav gehandelt, liebes Kind. Die Antwort auf diesen Brief überlasse mir. Man lernt die Menschen doch niemals vollständig kennen! Tröste Dich; an solcher Freundin verlierst Du Nichts." „Ich habe Elsa lieb und kann mir nicht denken, daß sie von diesem Brief etwas weiß." „Trotzdem wirst Du fte fortan nicht mehr kennen." „Selbstverständlich, liebe Mama; wer mir meinen Lebensretter schmäht, hat es mit mir zu thun/' Lächelnd blickte die Mutter aus ihre schöne Tochter und sprach: „Auch die Dankbarkeit kann zu weit getrieben werden, mein Schätzchen; die Welt ist stets geneigt, den reinsten und edelsten Handlungen unlautere Motive zu Grunde zu legen und kann deshalb Deine Schwärmerei für Dr. Reiß nicht anders auffaffen als —" „Als unbegrenzte Dankbarkeit, liebe Mama." Die Mutter brach das Gespräch ab. Sie kannte ihre Tochter und wußte, daß dieselbe kein Geheimniß vor ihr habe. Sie ging an ihren Schreibtisch, um sofort den Brief der Frau Reif zu beantworten. Während sie schrieb, ertönten auf der Straße die Rufe: „Extrablätter, Extrablätter." Selma ließ sofort eines der Blätter holen. Als sie einen Blick hineingeworfen hatte, rief sie aus: „Großer Gott, Mama, der Krieg ist erklärt!" Und so war es auch. Frankreich hatte Deutschland den Fehdehandschuh hingeworfen und Kaiser Wilhelm hatte ihn aufgehoben. Er war sofort von Ems, wo er sich zur Kur ausgehalten hatte, abgereist, und seine Reise nach Berlin glich einem Triumphzuge. Nord und Süd hatte die frivol herausgeforderte Gefahr fest aneinander gekittet und zum ersten Male sollte ein einiges Deutschland dem Erbfeind gegenüberstehen. Ehe acht Tage vergingen, war das deutsche Heer mobil und hatte an den Westgrenzen des Vaterlandes Aufstellung genommen, um den Krieg ins feindliche Land zu tragen und den Franzosen zu zeigen, daß der deutsche Geist sich endlich aus seiner Lethargie aufgerafft habe und bereit sei, frivolen Uebermuth zu züchtigen. III. Der Kriegsruf hallte durch ganz Deutschland. Bis in die kleinsten Dörfer hatte sich in kurzer Zeit die Nachricht verbreitet und Helle Begeisterung in allen Herzen wachgerufen. Jeder Deutsche ohne Unterschied der Partei und des Glaubens folgte dem Rufe des Landesfürsten und alle einte und beseelte ein großer Gedanke, der, das Vaterland vor den Schrecken des Krieges zu schützen. Noch ehe sie den Marschbefehl erhalten hatten, eilten die Militärpflichtigen zu ihren Regimentern, denn es galt ja, die Lieben zu schützen, das Vaterland zu vertheidigcn. In die Familie des Henoch Aberle war die Gestellungsordre wie ein Blitz aus heiterem Himmel gefahren und hatte Jammer und Klage dort hervorgerusen. Henoch war seit zwei Jahren verheirathet. Er wohnte in einem kleinen Dorfe in der Nähe der Stadt und ernährte seine Familie allständig. Reichthümer hatte er noch nicht erwerben können, aber so viel wie er, seine Frau und sein Kind bedurften, hatte er stets verdient. Er war ein Kind armer aber frommer Leute; seine Ellern waren vor einigen Jahren, als er in der Stadt seiner Militärpflicht genügte, gestorben und hatten ihm einen guten Namen, sonst jedoch keine Reichthümer hintcrlaffen. Er hatte noch einen Bruder, der, älter als er, seinen verstorbenen Ellern vielen Kummer verursacht hatte. Der Uebertritt dieses Bruders zur christlichen Religion hatte die Eltern ins Grab gebracht. Er hatte sich von diesem Bruder losgesagt und als er seine drei Jahre gedient, Heirathete er seine Frau, die er in der Stadt kennen und lieben gelernt. Wohl mochte ihm das Herz geblutet haben, als er bei seiner Trauung nur die nöthigen Zeugen und den seitherigen Prinzipal seiner Frau, den Commerzienrath Lazar sah, als er nach Beendigung des heiligen Aktes von dem letzteren zum Frjihftück ungeladen wurde und zum Schluß hundert Mark zum Hochzeirsgeschcnk erhielt — aber er besaß Gottvertrauen und den festen Willen, sich ehrlich und anständig zu ernähren. Es gelang ihm auch, und als ihm nach Jahresfrist ein Knabe geboren wurde, übernahm Herr Lazar mit Vergnügen die Gevatterschaft. Er freute sich des fleißigelt und bescheidenen Ehepaares und zollte ihnen seine Hochachtung. Nun war der Krieg ausgebrochen und Henoch sollte fort. Was sollte aus seiner Frau, was aus seinem Kinde werden? Wer würde sie während seiner Abwesenheit ernähren'? Sie war nicht die Kräftigste und mußte sich vor jeder Aufregung hüten. Diese Gedanken durchblitzten beim Anblick des verhängnißvollen Papiers sein Gehirn und er wußte keine Antwort darauf zu geben. Stumm stand er vor der Thüre seiner Wohnung; er wagte es nicht, einzutreten und seiner Frau Mittheilung davon zu machen. Da hörte er die Stimme derselben; sie sang, um den Knaben einzujchläfern, ein Wiegenlied.