Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1897-09-13 · Heft 73 (13.9.1897) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 73 (13.9.1897)
Date
1897-09-13
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2448705-2448775--44594-2493697
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

* ’a^wrof?' y>r.7j»V- , ••; XlXVin, Jahrgang. Beilage;u M 73 ües JJstBritt“. Leitender Artikel. Line ernste Gefahr- Still und langsam hat sich auf religiösem Gebiete eine Gefahr entwickelt, bis sie zum offenen Ausbruch gelangt ist. Seit länger als einem halben Jahrhundert haben sich christliche wie jüdische Gelehrte bemüht, den Glauben an den göttlichen Ursprung der heiligen Schrift zu erschüttern, indem sie sogar Theile des Pentateuchs als ein aus späteren Zeiten und von verschiedenen Händen herstammendes Schriftthum ausgaben. Was hierbei durch ihre Forschungen zu Tage gefördert wurde, so z. B. verschieden colorirte Texte, um die angeblichen Interpolationen und Correcturen zu veranschaulichen, ist den Fachgelehrten bekannt. Besonnene und hervorragende Forscher erhoben wiederholt Widerspruch gegen ein solches Zerstückeln der Schrift. Die Stürmer jedoch, Wellhausen an der Spitze, legten so lange die Sonde der Kritik an den Text der Schrift, bis nichts mehr zu analysieren war, und diese ihnen nichts weiter mehr war, als ein Menschenwerk aus späteren Zeiten, aus dem man sich beliebig das auswählen kann, was dem Geschmacke eines jeden Einzelnen beliebt. So lange nun solche kritische Streitfragen auf den engen Kreis der Fachgelehrten beschränkt waren und gleichsam iuter miiro8 ausgefochten wurde, war die Theilnahme der Außenstehenden nur eine geringe. Diese wuchs aber, je mehr die Scheinresultate der geführten Untersuchungen in weitere Kreise drangen und der neue Glaube oder Unglaube gern Anhänger fand. Durch populäre Darstellungen in anziehender Form wußte man auch gebildete Laien dafür zu interessieren, die nun in biblischen Fragen als „Gelehrte" sich benehmen konnten, um in gesellschaftlichen Unterhaltungen oder im Familienkreise von biblischen „Sagen" zu sprechen und über die Aechtheit der Traditionen zu Gerichte zu sitzen. So hat sich die Gefahr für unsere heilige Religion entwickelt, sie ist unleugbar vorhanden, und als um so größer zu betrachten, je mehr sie die studierende Jugend ergreift, welche speciell berufen ist, künftig in der Schule wie auf der Kanzel das Wort Gottes zu lehren und zu predigen. Was thun die Zuhörer, wenn auch Rabbiner — diesen Titel wagen auch Leute zu führen, die nicht allein die mündliche, sondern auch die schriftliche Lehre ihres göttlichen Charakters entkleiden wollen, — die Erzväter und Propheten schmähen. Sie mögen einmal oder das andere Mal den Kopf schütteln, daß man es wage, auf der jüvischen Kanzel zu lehren, was nach den halachischen Feststellungen unserer Tradition den Begriff eines 2'nxnb pbn ib oi->y'vx in sich involviert. Sie gewöhnen sich bald daran, dergleichen mitanzuhören, bis sie zuletzt solche Irrlehren in sich aufnehmen uud sich zu ihnen bekennen. Bald ist die Mahnung der heiligen Schrift vergessen, die gegen oen Verführer durch Irrlehren gerichtet ist, „ihm nicht willig zu sein oder auf ihn zu hören." Manche Zuhörer nehmen am Inhalte keinen Anstoß, denn die Sprache, die Form und die Gesten des Predigers sind für sie anziehend genug, um auch jeden Angriff auf die Schrift over die darin vorkommenden Gottesmänner anstandslos mithinzunehmen. Daher kein Wunder, wenn man oft hören muß, wie selbst Solche, die noch zu den Frommen gezählt werden wollen, sich zu den Predigten drängen, die anzuhören sicher zu den »irr-in '-32'X gehört. Man erzählt dann im Familienkreise von der schönen Predigt, man erhebt den Prediger und erniedrigt die Thora — die Kinder hören's und merken es sich. So werden die Alten und durch sie die Jungen vergiftet. Die Gefahr ist groß — sie wird noch größer, weil man bereits anfängt, in der Religionsschule die Resultate der negierenden Kritik für die zarten Kinder zu präparieren. Wie weit entfernt von dem einstigen Gebete p“i rvo bv nipun pob Es sind dem Schreiber dieses verschiedene Beispiele in der Neuzeit bekannt geworden, wie als o'vms» sungirende Lehrer vor ihren Kindern nicht allein vom zweiten Jesaja, sondern auch vom Hexateuch und den verschiedenen Urkunden sprechen! Horibile dictu! Die Zweiselsucht und den Unglauben in das jugendliche Gemüth hineintragen, heißt ein Mord am Judenthum begehen. Und was soll man erst von der studirenden Jugend sagen? Es sind dem Schreiber dieses mehrere Fälle bekannt, wo junge Leute, die mit der festen Absicht nach Berlin kamen, um dort für den rabbinischen Beruf sich heranzubilden, nach zwei oder drei Semestern so viel von der vernichtenden Kritik in sich ausgenommen hatten, daß sie von ihrer ursprünglichen Idee abgingen und sich anderen Studien zuwandten, um nicht einst auf der jüdischen Kanzel — zu „lügen" oder zu „heucheln". Man bedenke nur die Situation eines solchen jungen Mannes, der mit geringer Thorakenntniß sich ohne Führer und Leitung sieht, ohne Belehrung, wohin er sich zu wenden habe, um für die Schriftexegese sich befähigt zu machen. Er weiß, daß bei der Promotion, aus der er als „Doctor" hervorgehen soll,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.