Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 72 (9.9.1897)
- Date
- 1897-09-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1396 geistreicher Weise, aber sehr lückenhaft begründete Postulat HerzlS ist am Leichtesten zurückzuweisen. ES wird in erster Linie daran gedacht, daß die Juden Palästina erwerben sollen, um dort einen unabhängigen oder suzeränen eigenen Staat zu gründen. Dieses ist aussichtslos. Wir wollen einmal in dem Grade Optimisten sein, daß wir annehmen, die orientalische Frage spitzle sich so zu, daß entweder die Mächte aus Palästina einen neutralen Pufferstaat gründen möchten oder daß es in die Politik der Pforte paßte, uns das Land unserer Väter zu überlassen. Würden nicht die Vertreter all der Religionen, die in Jerusalem eine heilige Stätte sehen und deren größten Heiligthümer die heilige Stadt und da« heilige Land birgt, würden sie nicht einen Sturm gegen die Judaisirung Palästina'« entseffeln, dem gegenüber die einflußreichsten Politiker schleunigst die Segel streifen müßten? Man wird UNS erwiedern: Nun so sehen wir von Palästina ab und gründen unseren Staat auf einem anderen Stückchen Erde. Wo soll dieses Land liegen, wo ist es auf der aufgetheilten kulturfähigen Erde zu finden? Wir folgen den Schwärmern immer noch. Wir denken uns, man fände einen Boden für ein jüdisches Reich, wir erfüllen uns mit soviel Phantasie, daß wir uns in die Vorstellung hineinleben, unser Reich sei schon gegründet, zugegeben auf derselben staatSwirthschaftlichen Grundlage, die Herzl in seinem Büchlein entwickelt. Was dann? Wird es dieser Staat zu politischem Ansehen, zu einer auch nur bescheidenen Machtstellung bringen können? Werden wir es in Bezug auf unsere politische Stellung weiter bringen können, als Serbien, Bulgarien oder im günstigen Falle Rumänien? Wird ein solcher Staat stark genug sein, die in der Diaspora verbleibende Judenheit zu schützen? Wird er völkerrechtlich überhaupt dazu im Stande sein, für die im Ausland Wohnenden, die seine Bürger und Unterthanen nicht sind, eine erfolgreiche Aktion auch nur zu beginnen? Nein, nützen wird er den jüdischen Ausländern nichts, er kann ihnen nur schaden. Es gibt Gestaltungen der Weltpolitik, wo kein Staat, selbst ein neutraler, es vermeiden kann, für das eine oder andere Land, für eine Staatengruppe gegen eine andere Stellung zu nehmen. Nehmen wir an, der „Judenstaat" sympathisire während eines Conflicts Rußlands und Englands für letzteres. Würden das die in Rußland verbliebenen Juden nicht schwer zu empfinden haben? Denken wir nur an politische Verhältnisse, wie die heutigen es sind, und unser Staat stehe mehr auf Seiten des Dreibundes. Glaubt man nicht, daß die „Zweibundjuden" darunter zu leiden hätten, und im umgekehrten Falle die Juden, die in den Ländern des Dreibundes wohnen? Das ist alles schon zu befürchten, wenn Palästina nicht das Land ist, wo das utopische Projekt verwirklicht wird. Und nun gar, wenn es uns trotz Alledem und Alledem gelingen sollte, mit menschlichen Mitteln die Herrschaft Palästina's an uns zu bringen und wir dort, um mit Herzl zu reden, die Ehrenwache der Heiligthümer fremder Religionen bilden würden. Wird man nicht mit Argwohn zu uns hinüberblicken? Wird es zu vermeiden sein, daß nicht einmal christliche oder mohamedanische Pilger durch Fehler untergeordneter Beamten mit Recht oder Unrecht sich gekränkt fühlen? Ist dann nicht zu befürchten, daß eine solche Nachricht, vielfach übertrieben und entstellt, wie ein Lauffeuer die Länder des Christenthums oder des Islams durcheilt und von unseren Feinden in eine furchtbare und entsetzliche Waffe gegen uns verwandelt wird? Liegt es nicht nahe, daß in Folge eines solchen schwer zu vermeidenden Vorkommnisses einmal über Nacht der ganze mit soviel Mühe gegründete Judenstaat hinweggefegt wird? Wir danken für die undankbare und gefährliche Aufgabe Jahr aus Jahr ein fremde Schätze zu bewachen. Wir glauben, daß diese wenigen Worte, denen wir übrigens noch Vieles hinzufügen könnten, genügen werden, um die Unhaltbarkeit des Planes zu beweisen, auf Grund der sozialen und politischen Entwickelung der Gegenwart ein jüdisches Reich in Palästina oder rrgend einem anderen Lande zu gründen. (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Frankfurt a. M, 6. Sept. In den weiten Räumen des prächtigen Hörsaals der israelitischen Religionsgesellschast dahier, fand heute der VereinLtag der „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judenthums" statt. Vom Vorstand waren erschienen die Herren Rabbiner Dr.Dr.: Breuer—Frankfurt, Ko res—Hanau, M a rx—Darmstadt, Bond i—Mainz, Cah n—Fulda, C o h n—Basel und die Herren Seligmann M o sb a ch e r, Justizrath Dr. Nastali H i r s ch—Frankfurt. Unter ven anwesenden, zahlreich erschienenen Besuchern der Versammlung bemerkten wir u. a. die Herren Rabbiner Dr.Dr. Buttenmieser — Straßburg, Sänger — Mergentheim, Ehrinan n—Baden, K a h n—Wiesbaden, Hirsch« f e l d—Gießen u. v. A. Die Tagesordnung bestand aus folgenden Punkten: Berichterstattung. — Rechnungslegung über die Caffeverwaltung. — Beschlußfassung über eingehende Anträge. — Wahlen. Nach einer herzlichen Begrüßungsrede von Seiten des Vorsitzenden, des Herrn Rabbiners Dr. Breuer, der in Anlehnung an die dieswöchentliche Sidra in