Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 70 (2.9.1897)
- Date
- 1897-09-02
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
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1378 Herr Prof. Schapira unternahm es nun, seinen Vorschlag noch einmal zu begründen. Sein Antrag sei der Kommission zur Bcrathung überlassen, wegen Mangels an Zeit zum Debattiren; den Vorwurf der lltopi e, den man ihm gemacht habe, weil er ja für feinen Plan keine Schule voraussctzen könne, weise er zurück. Er nehme eben unsere heutigen Anstalten gar nicht zum Muster, und verwerfe die kanonische Eintheilung in Gymnasium und Universität. Die Anstalt solle, wie schon vor Jahren in den Statuten des Heidelberger Zionistenvereins vorgesehen, eine Centralstelle für alle Wissenschaften in allen Theilen Palästinas sein. Zur Schaffung derselben gehörten aber kolossale Vorarbeiten, wie die Herstellung von Lehrbüchern in hebräischer Sprache. Das sei einstweilen die Hauptaufgabe der Kommission. Nachdem d-cse Erziehungsangelegenheitcn erledigt waren, trat Herr Bahar auf, um in seinem und Alexander Weils Namen darzulcgen, daß sie in dem Kolonisationsprogranrm der Zionisten keine endgültige Lösung sähen, indem dadurch die Leiden nicht auf immer beseitigt würden, sondern mit der Zeit die alte Zersplitterung wieder eintrcten werde. Weiter kam der Ncdner nicht, da ihm wegen vorgerückter Zeit vom Präsidiunr das Wort entzogen werden mußte, was er unr des Friedens willen annahm. Andere betonten noch einnral die Nothwendigkeit einer nationalen Erziehung; dann wurde — 8 Uhr — eine einstündigc Pause eingesetzt. Um 91/* Uhr wurde bei vollaedrängtem Saale die Schlußsitzung des Kongresses eröffnet. War schon in den vorhergehenden Sitzungen der Beifall sehr häufig und laut, so stieg jetzt die Begeisterung auf den Höhepunkt und machte sich bei jeder Gelegenheit in gewaltigen Beifallsstürmen Luft. Die erste Ovation galt dem Herrn Dr. Herzl, der jetzt den Vorsitz wieder einnahm. Ein noch rasenderer Beifall brach los, als hieraus Herr Dr. Cohn, Rabbiner aus Basel die Tribüne bestieg und folgende Ansprache hielt: „Sie haben mich mit einem Beifallssturm begrüßt, den ich nicht verdient habe und nicht verdiene. Ich bin, offen und ehrlich, kein Freund der Zionisten gewesen und bis zur Stunde noch nicht vollständig für die Sache begeistert. Ich danke Ihnen, daß Sie mich zu Ihrem Kongresse als Gast eingeladen haben. Sie haben mir unvergeßliche Stunden bereitet. Wenn ich an die Rede des Herrn Dr. N o r d a u denke, schwillt auch mir das Herz vor Begeisterung. Nordau's geschichtliche Darlegungen könnte jeder orthodoxe Jude unterschreiben Satz für Satz, Wort für Wort. Sie sind mir nicht nur als eine Erinnerung für das Leben theuer, es ist nicht nur eine Rede, die ein Erlebnis für mich war, sondern ich bin überhaupt froh, daß der Kongreß in Basel stattgefunden hat (Beifall). Ich bin dabei über so manches aufgeklärt worden, über die Noth unserer Brüder im Osten und ich habe den Zionismus kennen gelernt und habe gesehen, daß er eine Bewegung ist, die wir a l l e - sammt unterschätzt haben (Anhaltender Applaus). Ich muß noch einmal den Beifall ablehncn. Ich bin kein Nationaljude, sondern ein religiöser Jude, hoffe aber, daß das Nationaljudenthum nur der Ucbergang zum religiösen Judenthum ist (Allseltiger Beifall.) Es wird Ihnen nicht entgangen sein, daß die Bewegung bis jetzt in Deutschland wenig Fortschritte gemacht hat. Speziell die orthodoxen Rabbiner stehen dem Zionismus gegenüber kühl bis ans Herz hinan. Wir orthodoxen Juden haben eben in diesem Jahrhundert schon so viele bittere Erfahrungen gemacht, wir sind durch die Majorität der Ncologen schon so oft vergewaltigt worden, daß wir Furcht haben, daß die Leitung der Partei die Orthodoxen im Lande vergewaltigen könnte; — ick persönlich glaube das nicht. — Das ist aber die Erklärung dafür, weshalb sich die orthodoxen Rabbiner bisher ferngehalten haben, um mich klar und deutlich auszudrücken. Besonders fürchten diese Rabbiner, so sehr sie Sympathien für die Kolonisation des heiligen Landes hegen, daß dabei die Kolonisten gezwungen werden könnten, die Heiligkeit der Sabbate und Feiertage und die spezifisch jüdischen Landgesetze zu übertreten, daß bei der religiösen Richtung der Majorität diese bevorzugt werden könnte. Wenn über diesen Punkt eine ausdrückliche Erklärung Beruhigung schaffe, so würden viele Bedenken aufhören. Wir würden versuchen im Kreise unserer Gesittttungsgenossen dafür thätig zu sein, daß sie sich mit ganzem Herzen der Sache zuwendeten, um so mehr als die Colonisation Palästina's nach unserer Anschauung eine Mizwo ist. Ich bitte daher die Leitung um eine Aeußerung darüber." Und nun noch die Schlußworte des Herrn Dr. Herzl: „Ich danke dem Herrn Dr. Cohn für die Offenheit seiner Anfrage. Wir haben hier religiöse Debatten nicht zu führen. Ich kann Sie aber aus vollster Ueberzeugung versichern, daß der Zionismus nichts beabsichtigt.was die religiösenUeberzeugungen irgend einer Richtung innerhalb des Judenthums verletzen könnte. t Minuterlanger Beifall). Jetzt sind wir am vorläufigen Schluffe unserer Arbeit, wir müffen zunächst unfern Dank dieser gastlichenStadtauSsprechen.dreunsmltWohlwoüenempfangen hat, der Regierung für ihre Sympathien durch Erleichterung der Vorarbeiten und Anwesenheit des Regierungspräsidenten. Wir müffen ferner den christlichen Zionisten, die wir als unsere Freunde ansehen, ebenfalls danken, Monsieur Dunant, den Urheber des rothen Kreuzes, Baron Manteuffel und andere. Jetzt, meine Herren, bin ich vorläufig zu Ende." Run noch eine persönliche Bemerkung: „Ich habe mich in der Leitung vielleicht manchmal etwas zu stark oder zu schwach gezeigt. Doch der Wille war gut. Ich glaube, wir haben etwas zu Stande gebracht. Der Zionismus braucht sich seines ersten Congreffes nicht zu schämen. Er war maßvoll, doch entschieden. Wie die Zukunft sich gestalten wird, läßt sich ja nicht sagen. Aber wenn wir den Aermsten den Pflug in die Hand drücken, ist eS eine Frage, ob sie die Arbeit der Ehrlosigkeit und dem Elend vorziehen? An dem Tage, wo wieder der Pflug in der Hand des Juden sein wird, wahrlich da wird die Judenfrage gelöst sein!' Unter frenetischem Jubelgeschrei der Versammlung sprach hierauf Herr Dr. Mandelstamm dem Herrn Dr. N o r d a u für seine packende Rede und dem Leiter des Congreffes Herrn Dr. Herzl für seine außerordentlichen Bemühungen und Verdienste den tiefgesühllen Dank der anwesenden Zionisten aus. Schluß 10'/, Uhr. Der Verlauf des Zionisten-Congresses hat einen Ueberblick über den Stand und die Verbreitung des Zionismus gelehrt, er hat gezeigt, daß diese Bewegung weit größere Kreise ergriffen, weit mehr Anhänger gewonnen, als gewöhnlich angenommen. Der Verlauf des Congreffes war ein angemessener, die Debatten oft erregt aber immer sachlich, jede Polemik vermieden, Fragen der Religion und des Cultus blieben unberührt; das Präsidium in den Händen des Herrn Dr. Herzl war ein objektiv sicheres und energisches. Wie man auch immer über den Zionismus denken mag, seine Ziele und seine Bestrebungen, mit Fceude muß man begrüßen, daß der kalte Jndifferentismus aufgehört, daß Männer, die nicht die schlechtesten unseres Stammes, sich als Juden fühlen, sich und ihr Können in den Dienst ihrer armen Brüder stellten. Am Montag Abend fand ein Commers in der Burgvogteihalle statt, der einen schönen Verlauf nahm und die Zionisten bis tief in die Nacht hinein zusammenhielt. Verantwortliche Redaction: Oscar Lehmann in Mainz. — Expedition des „Israelit", Schottstraße Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der J o h. Wirt ü'schen Hofbuchdruckcrei-Actien-Gesellschast in Mainz.