Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1897-09-02 · Heft 70 (2.9.1897) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 70 (2.9.1897)
Date
1897-09-02
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2448705-2448772--44523-2493623
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

XXXYIH. Jahrgang. Erste Mage M M 70 des JlsrntUt“. SeiicnPer Artikel. «Zionisten Songreß*) Original-Bericht für den „Israelit." Basel, 80. August. S »o c 11 c r Sihungstag, Vormittags 9 UI) r. Die Sitzung crössnetc Herr Dr. Herzt mit Verlesung des großen Einlaufs. Er theilic mit, daß er nur annährend einen Uederblick geben könne, da fortwährend neue Depeschen und Zuschriften einlansen Eine flüchtige Statistik ergebe, über 8.70 Telegraminc mit «>000 Unterschriften, darunter viele von orthodoxen Rabbinen und Staatsrabbincn in Rußland. Biele Zustimmungstundgebungen seien von Versammlungen, Vereinen, Kultusgemeulden mit weit über .70,000 Unterschriften, die später publizirt werden sollen. Redner verlas eine Petition galizischcr Huden, wozu die ltnterschristen von 2847 Familien gesammelt worden seien, und theiltc dann noch einige Zahlen von Unterschriften aus galizischen, deutschen, rumäniichcn (9>>00), russischen, österreichischen, von Sofia, Jerusalem :e. mit. Hierauf wurde unter lebhaftem Beifall ein langes, in hebräischer Sprache abgesaßtes Zustimmungs-Schreiben des Rabbiners Mohilewer aus Bialuslol in Rußland verlesen, worin er alle Glaubensgenossen aus religiösen und anderen Gründen aussordcrt, die zionistischen Bestrebungen zu unterstützen. Aus Antrag des Herrn Dr. Herz! wurde Rabbi Mo hilcwer, sowie dem Rabbiner Dr. Rüls telegraphisch der Dank des Kongresses ansgespwchen. Herr Dr H erzl ver las ferner ein französisches schreiben des Großrabbiners Zadok Kahn, worin dieser den Kongreß seines lebhaften Interesses versichert. Herr Dr. Rordan legte bierans den unter großem Arbeitsaufwand der siebengliedrigen Kommission (Dr. N o r d a u, Pros. S ch ap i r o, Heidelberg, fünf Juristen) festgestelltcn Entwurf des Kongreß-Programms vor: Der Zionismus erstrebt für das jüdische B o l k S ch a f f u n g einer r c cti t l i ch g e s i ch c r r c n H e i in statte in Palästina. Zur Erreichung dieses Ziels nimmt er folgende Mittel in Aussicht. >. Zweckdienliche Beförderung der Besiedlung Palästinas mir jüdischen Ackerbauern, Handwerkern. Gewerbetreibenden. 2. Gliederung und Zusammenfassung der gesammten Judenschaft durch geeignete örtliche und allgemeine Veranstaltungen nach Maßgabe der Landesgesetze. 8. Stärkung des jüdischen «Leldstgesühls und Volksbewußtleins. 4. Vorbereitende Schritte zur Erlangung der Regierungs Zustimmungen, die nöthig sind, um das Ziel des Zionismus zu erreichen. Trotz der allgemeinen Akklamation mir der dies Programm ausgenommen wurde und den empfehlenden Worten des Herrn Dr iU ordau erhob sich von mehreren Seiten heftiger Protest gegen das Wort „rechtlich" im ersten Satze, indem einige Redner unter Beifallsrufen und Lärmen erklärten, das Wort rechtlich bedeute für sie ein anologer *) Schluß aus der Montagsnummer. Dttldungsznstand, wie in Deutschand und Oesterreich; sie wollten dafür das Wort völkerrechtlich eingesetzt haben Nach sehr lebhafter Debatte darüber wurde, um die Verhandlungen abzukürzen, beschlossen die Sache nach kurzer Pause einem Pro- und Eontraredner zu übertragen. Herr Dr. Motzkin sprach als Contraredner gegen die Fassung der Kommission, indem er die Ansicht äußerte, es möchte die ganze Sache, wie früher die Kolonisationsbestrebungen, die auch nur einige Tausend retten konnten, verwässert werden. Jurist Dr. Mintz vertheidigte in scharfsinnigen Auseinandersetzungen die Fassung der Kommission unter Beifall. Dr. Blumcnthal verlangte namentliche Abstimmung, zog das Verlangen jedoch bald zurück. Herr Tr. Herzl schlägt die Fassung „öffentlich rechtlich" vor, worüber sich wieder eine wirre Debatte entspinnt, schließlich wird bestimmt, daß sich die Kommission nochmals zurückziehen und den strittigen Punkt nochmals berathen soll. Dies geschieht. Rach fünfminutenlanger. von lebhafter Diskussion bewegter Pause erklärt Herr Dr. 'Norbau im Namen der Kommission, daß, wie fchon Herr Dr. Herzl erklärt hatte sich die Kominissioiisfassurlg cigcnllich mit der andern decke und nur eine andere weitere Fassung derselben sei; trotzdem sei die Kommissicn geneigt, rechtlich in öffentlich abzuändern, ilm Meinungsverschiedenweiten an einem so großen Tage nicht zum Verderben der Sache aufkommcn zu lassen. Es wurde hierauf das obige Programm des Kongresses und des Zionismus mit der gemeldeten Abänderung einstimmig und begeistert von der Versammlung angenommen, also völkerrechtlich statt rechtlich. Nachdem sich der Sturm über die Abstimmung etwas gelegt, ergriff, schon gegen den Schluß der Sitzung, Herr Rechtsanwalt Dr. B o d e n heim er , Köln, das Wort zu dem, eigentlich auf Sonntag Nachmittag angesetzten Referate über die „Zionistische Organisation". Zuerst wies der Referent, wie schon so viele Vorredner, ans die Ausbreitung des Zionismus hin. Dieser zwinge feine Anhänger zur Organisation gegen die Feinde. Wahrend rin jedes Lebewesen dir nvthwendigrn Organe mit zur Welt bringe und sie nur auszubilden brauche, müffe sich eine politische oder soziale Körperschaft dieselbe erst schaffen und werde erst dann zu einem wirklichen Staate, einer Nation. Das Elend der Juden sei eben, daß sie in vielen Völkern in kleinen Minderheiten zerstreut, in zahllose kleine Gemeinden zersplittert, eine Organisation nicht besitze. Die Verbindungen .,AlIianoe israelite und B'neh b'rith“ in Amerika könnten nicht als nationale Organe gelten. Die Organisation, die nun die Zionisten forderten, solle nicht eine rein zionistische sein, sondern sie müffe das ganze Judenthum zur Grundlage haben. Wenn die Gegner, Mißbrauch mit dem Worte Patriotismus treibend, den Zionisten vorwerfen, sie hätten kein Mandat vom Volke, so erklärten diese, daß daS einzige Mandat, das sie brauchten, die Ueberzeugung von einer befreienden That sei. Dann ging Redner näher auf die Organisation ein. Was die Zentralisation der zionistischen Thatigkeit betrifft, so erklärt der Referent, daß nur ein solcher Programm in Betracht kommen kann, das für die Zionisten aller Länder annehmbar sei. Sie hätten die Aufgabe, eine völkerrechtliche Heimstätte mit den nöthigen Mitteln dem Judenthum zu geben, ohne dabei andere Staaten oder Konfessionen anzugreisen. Die Türkei werde die Juden wohl aufnehmen; denn sie wird dabei nicht betrogen; dem Sultan werden die Juden für seine Toleranz immer dankbar sein. Das

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.