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Der Israelit · 1897-08-30 · Heft 69 (30.8.1897) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 69 (30.8.1897)
Date
1897-08-30
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1841 sie brannte vor Neugier, von ihrem Vater zu hören, was dem heimlich Geliebten begegnet war. Vielleicht, dachte sie, hatte er Malheur im Geschäfte. — Fräulein Lina liebte es mit ihrer höheren Töchterschulbildnng durch Anwendung und Mißbrauch mancher Fremdwörter zu kokettiren — und er hat seinen Humor verloren; obschon ein Mann, wie R. Anschel immer humoristisch sein sollte. Nachdem der Gottesdienst beendet war, trat der Vorsteher zu R. Anschel und erkundigte sich theilnehmend nach der Ursache seines Kummers, „denn daß Euch was passirt ist," sagte er zu ihm, „könnt Ihr nicht leugnen." „Gewiß ist mir was passirt," entgegnete dieser, „und etwas sehr AergerlicheS." „Der Mensch darf sich am Jom tos nicht ärgern, denn es steht geschrieben: usmuolitom," fuhr der Vorsteher fort, der keine Gelegenheit unbenutzt ließ, wo er seine Belesenheit in der Thora zeigen konnte. „Saget mir es, vielleicht kann ich Euch Helsen." R. Anschel erzählte nun, daß ihm sein Esrog, für welches er gestern fünfzehn Mark nach Triest geschickt habe, abhanden gekommen sei und er deßhalb morgen wahrscheinlich nicht mit seinem eigenen Esrog Lulaf benschen und Schehechejonu machen könne. „Das soll das Schlimmste sein, was Ihnen passirt," sagte der Vorsteher. „MUn Esrog — es ist nicht so theuer, wie datz Ihrige — steht zu Ihrer Verfügung." „Ich danke Ihnen," versetzte R. Anschel; „ich hoffe das meinige noch zu finden, wenn es nicht geganneft*) ist; finde ich es aber nicht, so nehme ich Ihr Anerbieten dankend an." „Wer soll das geganneft haben," tröstete der Vorsteher. „Ein Goj ganneft so etwas nicht und ein Jehude darf über ein gegannIteS Esrog doch keine Broche machen.**)" Beide Männer verließen die Synagoge und jetzt gesellte sich die Tochter des Vorstehers zu ihnen. Sie erfuhr von ihrem Vater, R. Anschels Aerger und vereinigte ihre Bitte mit der des Vaters, R. Anschel möchte sich seines Esrogs bedienen. R. Anschel sagte zu und lud die Herrschaft ein, ihn in seiner Suckoh zu besuchen. R. Anschel kam nach Hause, und seine erste Frage galt dem Esrog. „Ich habe das ganze Haus durchsucht und nichts gefunden", sagte die Tante, als sie ihn endlich verstanden hatte. „Entweder hast Du gar keines bekommen oder Du hast gecholemt, ***) oder es ist Dir geganneft worden. Im Hause ist es nicht." Dem bündigen Urtheil dieser Autorität mußte *) Gestohlen. **) Segen sprechen. ***) Geträumt. sich R- Anschel stillschweigend fügen, und er mußte froh sein, wenn er nicht noch unangenehme Dinge zu hören bekam. Stillschweigend setzte er sich an den Tisch der Sukkoh, sprach die vorgeschriebenen Benedictionen und verzehrte sein Abendmahl ohne, wie sonst die Erzeugnisse der Kochkunst der Tante zu loben. Das nahm diese ihm übel, und als er nach der Mahlzeit einen Abschnitt Mischna aus Mas. Sukkoh gelernt hatte, fragte sie ihn, ob die Pellkartoffeln ihm geschmeckt hätten. „Pellkartoffel?" er blickte die Tante erstaunt und ängstlich an. Er hatte Suppe, blaue Karpfen und Kalbsbraten gegessen — wie kam sie zu Pellkartoffeln? Sollte sie meschuggo sein? Ihr Blick war so eigenthttmlich auf ihn gerichtet. „Was meinst Du, liebe Tante," fragte er gelassen, „wir haben doch heute keine Pellkartoffeln gehabt" „Das weißt Du also doch, obschon Du mein schönes Essen verzehrt hast, als ob es Pellkartoffeln gewesen wären." Jetzt erst verstand R. Anschel die Tante und er holte nach, was er versäumt hatte. Da flog ein Strahl der Freude über ihr gutes, altes Antlitz; aller Groll war vergessen und sie war stolz auf ihren Anschet und auf seine Sukkoh, und als er nochmals von dem Esrog anfing und nochmals das Haus durchsuchen wollte, sagte sie: „Heute Abend wirft Du doch nichts mehr finden. Morgen in aller Frühe wollen wir Beide nochmals suchen." Man legte sich, da man müde war, bald nieder. Mit dem ersten Hahnenschrei jedoch waren R. Anschel und die Tante wieder auf der Suche nach dem Esrog. Sie fanden nichts und ganz traurig trug R. Anschel sein Lulaf zur Synagoge. Er mußte sich dieses Mal ein Esrog leihen und war tief betrübt darüber. Aufmerksam betrachtete er, als man in der Synagoge Lulaf benschte, das Esrog eines jeden Einzelnen. Sie waren wohl alle koscher und schön, aber trotzdem konnte keines von ihnen zu den rirm: ge zählt werden. Der Vorsteher schenkte ihm, als er selbst fertig war, sein Esrog und mit Thränen in den Augen sprach R. Anschel die verschiedenen Segenssprüche. Aus der * Frauensynagoge blickten zwei mitleidige Mädchenaugen herab; diese sahen die Thränen und zeigten ihnen den Weg zu einem guten Mädchenherzen. Des Nachmittags kam der Vorsteher mit seiner Tochter, um R. Anschel in seiner Sukkoh zu besuchen. Das war eine große Ehre für R. Anschel, die er auch zu schätzen wußte. Man sprach wieder über das verschwundene Esrog und der Vorsteher meinte, so etwas sei nur in einer Junggesellenwirthschaft möglich. In einem Haushalte, dem eine tüchtige

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