Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 69 (30.8.1897)
- Date
- 1897-08-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXXVIII. Jahrgang. M 69 Der Israelit. Ein Gentrak-Hrgan für das orthodoxe Iudenthum Begründet von Dr ITefnttfum in Wlsinz Montag, de« 30. August 5657 (1897). s-r Eine Winvh abonnirt man bet allen Postanstalten für den Monat D September D auf den Dieser Preis tritt aber nur ein bei Abonnements, welche rechtzeitig am Post-ZeitungSfchalter der Wohnortes des Bestellers oder bet dem betreffenden Land, briefträger aufgegeben werdet!. Die Erpeöilion des „Israelit". Leitende Artikel. Symptome. in. „Hebung des religiösen Sinnes und Lebens in der Judenheit," so lautet neuerdings die Parole. Wer wäre damit nicht einverstanden! Auch der orthodoxeste Jude, ja gerade erst recht, muß dem zustimmen, denn niemand mehr hat das Sinken des religiösen Sinnes und Lebens beklagt, als der gesetzestreue Jude und — ist so oft deßhalb des Zelot!smus, der den neuen frisch — frei — fröhlichen Geist der Zeit nicht verstände, geziehen worden. Wenn er heute aber nicht voll Feuereifer sich begeistert für diese „Hebung des religiösen Sinnes und Lebens," wenn er gegen solche, gewiß ganz schöne — Worte etwas mißtrauisch und vorsichtig ist, so mag man ihm das nicht verdenken. Sind ja alle die großen Neuerungen, Reformen und Verbesterungen im Judenthume eingeführt worden mit der Begründung, die „Andacht" zu heben, den „religiösen Sinn" zu beleben, hat man ja mit diesem Stichwort die echt-jüdische Andacht und Herzensinnigkeit aus der Synagoge verbannt, das Gebet zu einer kalten Formalität gestempelt, zu einer Nebensache herabgedrückt, so daß schließlich das „Haus der Andacht" von Andächtigen leer steht. Und das jüdische Leben! Suchet in den modernen Gemeinden danach, aber nur nicht in den jüdischen Häusern, denn da werdet ihr keine Spur davon finden! Und ist das Mißirauen gegen den Ernst des an die Spitze gestellten Satzes nicht gerechtfertigt, wenn derselbe Mann, der diesen Satz als einer der ersten unterschrieben, seine Ansicht über den jüdischen Religionsunterricht, — der doch als wichtigster Faktor zur „Hebung des religiösen Sinnes" jedem Schulmanne gelten muß — in einem dem Religionsunterricht gewidmeten Werke dahin kundgibt: „man darf wohl erwarten, daß der Lehrer für das Leben im allgemeinen und für feine Gemeinde im befondern offene Augen habe, und daß er da, wo er von solchen religiösen Satzungen redet, welche im Drange des Erwerbslebens vielfach verletzt werden, wenigstens Milde und Schonung nicht außer Acht laste" — „Pädagogisches Taktgefühl auf der einen und der religiöse Standpunkt auf der andern Seite modifiziren den Lehrstoff in mannigfacher Weise." Was will man nun aber mit jenen schönen Worten? Es muß doch ein gewichtiger Grund vorhanden sein, der zu diesem öffentlichen Auftreten, dem scheinbar tief gefühlten Bedürsniß nach „Hebung des religiösen Sinnes und Lebens" und dem Erkennen einer Gefahr und des religiösen Verfalles des Juventhums, Veranlastung gibt! Und warum treten jene Männer nicht energisch auf gegen diesen modernen, alle jüdische Religion zerstörenden Geist? Man müßte sicherlich die Augen schließen, wenn man nicht sehen wollte, wie ganz besonders in den großen und größten Städten bei allen sonstigen schönen und wohlthätigen Einrichtungen, dennoch die Religion und das jüdische Leben von Tag zu Tag mehr zerfällt, die Gleichgiltigkeit gegen alles Jüdische kaum größere Dimensionen annehmen kann, so daß