Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 67 (23.8.1897)
- Date
- 1897-08-23
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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■ Lj. t i^iivw,,, u j.. W, jii HMMHjW 1305 und dasselbe Wohlwollen zuwenden, das ihr großes Herz für alle Menschen empfindet. Ich hatte gar oft Anliegen bei dem verewigten Polizeichef anzubringen. Aber immer empfing er mich mit derselben ausgesuchten Liebenswürdigkeit und Zuvorkommenheit, und wenn er nur irgend konnte, schlug er mir nie eine Bitte ab. Großes Mitleid erfüllte sein weiches Herz mit dem traurigen Schicksal der russischen Juden und fast bei jedem Besuche brachte er das Gespräch auf dieses Thema und beklagte den Schaden, welchen das System der Zurücksetzung für die Unterdrückten und für die Gesammtheit habe. Einmal kam er gerade aus der Thüre seines Hauses, um nach dem Polizeiamt zu gehen, als ich mit einem Anliegen bei ihm eintreten wollte. „Nun, was haben Sie denn?" redete er mich an. „Ich werde morgen wiederkommen, oder, wenn Sie gestatten, in der Sitzung erscheinen und meine Sache Vorbringen", erwiderte ich. Er lud mich ein, ihn zu begleiten und ihm unterwegs die Angelegenheit vorzubringen. Ich aber glaubte, daß sich das nicht schicke, wiederholte, daß ich nach dem Polizeiamt kommen würde und wollte mich entfernen. „Warum wollen Sie nicht mit mir gehen," versetzte er in fast ärgerlichem Tone, „sind Sie nicht dasselbe, was ich, ist Ihre Zeit nicht so kostbar wie die meinige?" Sonst bin ich noch nicht viel mit Senatoren über die Straße gegangen. Fast zur selben Zeit, als ich in der Synagoge von dem „Tröste" sprach, den wir aus dem Auftreten solch edler Männer, wie es der verstorbene Senator gewesen, für unsre immer noch nicht abgeschlofiene Leidensbahn schöpfen können, entrollte in der Domkirche der evangel. Geistliche ein wahrhaft ergreifendes Bild von dem Leben und Charakter des Entschlafenen, der zu allen Vorzügen auch ein tief religiöses Gemüth besessen habe. In dem großen Leichengefolge war auch unsre Gemeinde durch zwei Vorsteher und das Medizinalcollegium durch sein jüdisches Mitglied, Herrn Dr. Adler, vertreten. Nach meiner Predigt erhielt ich von vielen Seiten Zustimmungsäußerungen. Am meisten aber rührte mich die Mittheilung einer armen Frau, welche mir erzählte, daß sie seit Jahren nicht nur die abgelegte Garderobe des Senators umsonst erhalten habe, sondern auch von ihm jederzeit kleine Darlehen empfangen hätte, ohne welche sie ihren Handel oft nicht hätte weiterführen können. Zwei Tage vor seiner Hochzeit brachte sie ihm M. 30, welche sie ihm noch schuldig war, zurück und äußerte, daß sie jetzt wohl nicht mehr kommen dürfe, wenn er erst verheirathet sei. „Sie waren immer ehrlich", sprach Rittscher, „kommen Sie nach wie vor, ich helfe Ihnen jederzeit gerne." Leider konnte er sein Wort nicht halten. Ob das die einzige jüdische Frau war, die von Rittscher Gutes hatte, weiß ich nicht. Aber, daß sie nicht die einzige Arme war, die er unterstützt hat, das weiß ich. Nicht umsonst strömten Tausende, auch aus den untersten Kreisen, nach der Domkirche, um die dort ausgebahrte Leiche noch einmal zu sehen! Dr. Carlebach, Rabbiner. Egelsbach. Die hiesige Gemeinde feierte vergangenen ioru rat? ein Fest, wie ein solches seit 32 Jahren noch nicht ftattgefunden hat. Es war eine Thora-Einweihung. Vor ca. drei Jahren gründete der jetzt in Bischossheim bei Mainz stehende Lehrer Agulnick einen „Thora-Verein", welchem nur 12 Gemeinde-Mitglieder beitraten, trotzdem eine Thora noch sehr nöthig gebraucht wurde; da blos zwei solcher vorhanden find. (Das dritte Seser ist bwv.) Durch monatliche Beiträge und durch freiwillige Gaben einiger Auswärtigen kam der Verein in die glückliche Lage ein ivv schreiben zu laffen und die Weihe am vergangenen rav feierlichst zu begehen. Freitag Nachmittag hielt Sr. Ehrwürden Herr Gr. Landesrabbiner Dr. Marx n, nachdem die rrnn ivv angefertigt war, eine ergreifende Ansprache, worin namentlich der Schlußbuchstabe „b" und der Anfangsbuchstabe „2" von der nur, iss die Hauptrolle spielte. Vom herrlichsten Wetter begünstigt, stellte sich der Festzug, nachdem um. 6 Uhr Morgens das nw Gebet verrichtet wurde, um 9 Uhr in schöner Reihenfolge auf. Weißgekleidete Mädchen eröffneten den Zug. Nach der neuen nun nvv, welche unter einem Baldachin abwechselnd von den älteren Mitgliedern des Thora-Vereins getragen wurde, ging Herr Rabbiner Dr. Marx und der Ortsgeistliche Herr Pfarrer Wehsarg, dann die Ortsobrigkeit. Die übrigen Gemeindemilglieder, Vereine rc. beschlossen den herrlichen Festzug, welcher sich um die Mitte des Ortes zur Synagoge bewegte. Als man in der Synagoge, welche leider die Menge der Festgenossen nicht alle fassen konnte, angekommen, wurde vom hiesigen Lehrer Heilmann -21« nv und einige Psalmen gesungen. Hierauf hielt Herr Rabbiner Dr. Marx n eine solch prächtige Rede, daß, obwohl sie beinahe 1 V2 Stunde währte, dennoch zu schnell beendet schien. Mit Recht gebührt daher dem Herrn Rabbiner Dr. Marx, welcher das Fest durch diese Rede so sehr verherrlichte „die Palme des Tages." Die rege Antheilnahme des ganzen Ortes, sowie der Flaggenschmuck der Häuser waren das schönste Zeichen für die Einigkeit die am hiesigen Platze zwischen Juden und Christen herrscht. Abends 9 Uhr versammelte sich die Jugend zu einem Bankett, welches auch von der Umgegend stark besucht wurde. Mögen solche Feste noch recht oft gefeiert werden, zu Ehren Gottes im Hause Israel und in allen Landen. rivn.