Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 66 (19.8.1897)
- Date
- 1897-08-19
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1281 das nahende Röschhaschonohfest vermochte kaum ihren Gedanken eine andere Richtung zu geben. Sie war ärgerlich über sich selbst und doch ertappte sie sich immer wieder bei denselben Gedanken. „Sie sind jetzt säst acht Tage in meinem Hause", sagte kurz vor dem Feste Wessely zu dem jungen Manne, „und noch weiß ich nicht, wie Sie heißen, mit welchem Namen ich Sie rufen soll. Wollen Sie für uns ein Namenloser sein, so ist Ihr Wunsch mir heilig und es ist das erste und letzte Mal, daß ich Sie mit einer Frage belästige, aber es würde für mich ein großes Zeichen Ihres Vertrauens sein, wenn Sie meine Bitte erfüllen würden, damit ich weiß, wem ich zu so großen Danke verpflichtet bin." Eine feilte Röthe überzog das Gesicht des jungen Mannes; er zögerte einige Sekunden, dann sagte er: „Nennen Sie mich, wie ich auch im Hause Ihres Bruders genannt werde, Pinchas." „Pinchas also, ein Namensvetter jenes großen Mannes, der einst unsere Vorfahren aus großer Gefahr gerettet hat." Bei Wessely war es Gebrauch, daß jedes Mitglied der Familie zum Feste ein kleines Geschenk erhielt. Die Kinder beschenkten den Vater mit selbstverfertigten Kleinigkeiten und jedes Kind erhielt von dem Vater eine Münze, für deren Betrag es sich nach Gutdünken etwas kaufen konnte. Gewöhnlich jedoch wanderten diese Münzen in die Sparbüchsen, welche Esther in Verwahrung hatte. Auch jetzt geschah dieses wieder, und als vor Beginn des Festes die Kinder dem Vater ihre Geschenke darbrachten und von demselben das Gegengeschenk erhielten, trat auch Pinchas heran und sagte: „Ich habe eine Kleinigkeit für Sie, Herr Wessely, die Sie von meiner Hand annehmen wollen. Sie möge ein Andenken sein an den heutigen Tag, der mir so heilig ist, wie kein anderer. Diesen Becher, den ich Kos jeschuos, den Becher des Heils nenne, mögen Sie von mir nehmen und er mag Sie erinnern, daß — " Pinchas konnte nicht weiter reden. Thränen erstickten seine Stimme und er sagte kaum verständlich: „Benschen*) Sie mich." Auch in Wesselys Augen traten Thränen, als er jetzt die Hände segnend aus das Haupt des jungen Mannes legte und den Segen Gottes auf ihn herabflehte. „Möge das kommende Jahr ein Jahr des Friedens und des Heils für Sie und für uns alle werden! Amen", so schloß er und sah bewegt in das bleiche Antlitz Pinchas. Esther hatte, von beiden ungesehen, diese Scene beobachtet und als jetzt der Vater, zur Synagoge bereit, ihr den Mund zum Kusse bot, da flel sie um seinen Hals und weinte und küßte ihn. Wessely ging *) Segnen. rasch fort, denn auch um seine Festigkeit war es geschehen und erst auf dem Wege nach dem Gotteshause erlangte er seine Fassung wieder. Leschonoh towo tikosewu! Mit diesen Worten trat Pinchas nach Beendigung des Gottesdienstes in das Haus Wesselys. Esther trat an ihn heran und reichte ihm ihre weiße schlanke Hand, die er sanft drückte. „Möge auch Ihnen das kommende Jahr zu einem Jahr des Glückes werden!" sagte er, „und möge Gott all Ihre Wünsche zum Guten erfüllen!" „Ich danke Ihnen," erwlederte Esther, „wenn Gott mich und die Meinen gesund erhält und uns unser gutes, ehrliches Auskommen giebt, so bin ich zufrieden. Was die Menschen so im Allgemeinen Glück nennen, danach verlange ich nicht, denn wo viel Sonne ist, da ist auch viel Schatten. Das fällt mir ein, so oft ich Sie ansehe." „Mich, so oft Sie mich ansehen? Wieso?" „Sie haben eine täuschende Aehnlichkeit mit einem jungen Manne, der früher hier lebte, dem das Glück von der Geburt an lächelte und dem es zum Fallstrick wurde." „Erzählen Sie mir, bitte, die Geschichte meines Doppelgängers." „Jetzt möchte die Zeit dazu zu kurz sein, da ich schon die Stimme des Vaters höre. Aber nach dem Abendmahl bin ich bereit, Ihnen die Geschichte eines unglücklichen Glücklichen zu erzählen, so viel mir davon bekannt ist." Man ging zu Tische. Es herrschte eine heiligfeierliche Stimmung, welche durch die Unterhaltung, die man pflegte, noch gehoben wurde. Esther und ihr Vater waren außerordentlich freundlich gegen Pinchas, und ein Lächeln, das hie und da über sein traurig ernstes Antlitz flog, lohnte ihre Mühe, ihn aufheitern zu wollen. Die Mahlzeit war zu Ende, die kleineren Geschwister waren zu Bette gebracht und Esther saß, gemüthlich plaudernd am Tische, Pinchas gegenüber. Aus ihrem Munde hörte er die Geschichte seiner verlorenen Jugend. Wenn Esther ihn auch verurtheilte, seine moralische Schwäche tadelte, so wußte sie doch auch Momente herauszufinden, welche den verführten Jüngling entschuldigen und sein verwerfliches Leben, das er geführt hatte, in milderem Lichte erscheinen ließen. Pinchas war ihr im Herzen dafür dankbar und als sie geendet hatte, fragte er: „Was ist aus dem jungen Manne geworden? Wo ist er jetzt und was treibt er?" „Das kann ich Ihnen nicht sagen. Als ich Sie zuerst sah und Ihre Stimme hörte, hätte ich darauf schwören mögen, Sie seien es, so ähnlich sind Sie ihm, aber eher könnte mein Vater ein