Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 65 (16.8.1897)
- Date
- 1897-08-16
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2446951-2448705-2448767--44428-2493523- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1263 Stelle so gefunden. Er war ein Mann in der edelsten Bedeutung des Wortes, und ich —" „Wer seine Fehler einsieht, der ist auf dem Wege der Besserung," erwiderte warm der alte Mann. „Nehmen Sie sich Ihren seligen Vater zum Muster und beginnen Sie ein neues Leben. Ich weiß ja nicht, welche Schuld Sie drückt und Sie zur Verzweiflung getrieben hat. Aber was es auch sei, das Sie gethan haben, unser Gott verzeiht dem reuigen und bußfertigen Sünder viel, sehr viel." „Mich drückt keine Schuld in dem Sinne, wie Sie es vermuthen; ich bin kein Verbrecher im gewöhnlichen Sinne ves Wortes. Ich bin ein Verbrecher an mir selbst und diese Verbrechen straft kein irdischer Richter." Der alte Mann blickte erstaunt sein Gegenüber an. Ihm schwebte eine Frage aus den Lippen, aber er unterdrückte sie. Plötzlich fuhr der junge Mann fort: „Sie sind Jude, nicht wahr?" „Ja," entgegnete der Greis, „ich bin Jude. Mein Name ist Aron Nothensies aus M. Ich bin Thoraschreiber und bin eben auf dem Wege, meine Arbeiten an die Glaubensgenoffen auf dem Lande zu verkaufen." „Sie sind Thoraschreiber?" fragte gespannt der junge Mann, „o, so hat Gott Sie mir gesandt zu meiner Rettung." Und der junge Mann begann zu erzählen, und der alte Thoraschreiber hörte mit Interesse zu und sie merkten nicht, wie die Zeit entschwand, wie die Sonne hinter den Bergen versank und der Mond auf seiner stillen Bahn dahinwandelte, unbekümmert um das Thun und Treiben der Menschen. Und als die Mitternacht schon vorüber war, da erhoben sich beide und reichten sich die Hände und setzten zusammen den Weg fort nach der Heimath des Alten. Der junge Mann blieb in seiner Heimath verschollen; erst nach einigen Monaten erhielt sein Rechtsanwalt die Nachricht, daß er für einige Jahre außer Landes gegangen sei und er ihn bitte, bis zu seiner Rückkehr sein Vermögen zu verwalten und seine Jntereffen wahrzunehmen. -it * Der Monat Ellul ging zu Ende. Ganz Israel bereitete sich darauf vor, den Anfang eines neuen Jahres würdig zu begehen, den Jom hasikoraun festlich zu feiern. Die Selichostage versammelten alltäglich in der frühesten Morgenstunde die Frommen des Gottesvolkes im Hause des Herrn, um im inbrünstigen Gebete und in tiefer Zerknirschung den Allvater um Vergebung der Sünden anzuflehen und sich vorzubereiten für die Feier des höchsten Festtags, des Sabbats der Sabbate, des Versöhnungstages. Die Selichos- und die zehn Bußtage bringen einen heiligen Ernst in jedes jüdische Haus und erfaßen jedes jüdische Herz mit mächtiger Sehnsucht nach der Nähe besten, der einst am flammenden Sinai zu unseren Vätern gesprochen. Die ernste Zeit schickt ihre Boten voraus und überall, wo das echte und unverfälschte Judenthum noch wohnt, versteht man diese Boten und empfängt sie mit heiligem Ernste. Im Hause des Thoraschreibers David Wessely hatte ein Brief, den am heutigen Morgen der Postbote gebracht hatte, große Erregung verursacht, so daß der sonst so stille und ruhige Gang der Zeit sich ins Gegentheil verkehrte. Anstatt fleißig an seiner Arbeit zu schreiben, stand David mit dem Briefe in der Hand vor seiner Tochter Esther und sprach eifrig in dieselbe hinein. Esther jedoch schüttelte den Kopf und sagte: „Es ist Unrecht vom Onkel, uns einen so sonderbaren Menschen ins Haus zu schicken." „Was gehen uns seine Sonderlichkeiten an", entgegnete der Vater; „er ist ein sehr zuverlässiger und geschickter Sofer?) die rechte Hand meines Bruders Aron. Mit seiner Hilfe, hoffe ich, so Gott will, die beiden Sifrei Toro2) zur rechten Zeit fertig zu bringen, und mit dem Gelbe die letzte Rate meiner Schuld an Joel abtragen zu können. Thu alle», was der Onkel will, denn es ist eine große Gefälligkeit, die er mir erweist, indem er mir den ersten seiner Sofrim überläßt. Esther schüttelte ihr schönes Haupt und nahm nochmals den Brief des Onkels aus der Hand des Vaters und las: „Mein lieber David! Zufällig kann ich Dir Deinen Wunsch erfüllen. Mein erster Gehilfe, der nun schon feit vier Jahren bei mir und meine rechte Hand geworden ist, geht aus Kewer owaus^) nach Eurer Gegend. Auf meine Bitte hin, will er Dir vier Wochen helfen und ich bitte Dich, seine Eigenthümlichkeiten, die alle wohl begründet sind, mit Pietät anzusehen und ihn weder nach seiner Herkunft, noch nach seiner Mischpoche H zu fragen. Laß ihn ruhig seines Weges gehen und biete ihm auch keine Vergütung für seine Arbeit an, denn er hat dieses zur alleinigen Bedingung gemacht, wenn er für Dich arbeiten soll. Zun: Schluß noch Kesiwo towo für Dich und die Deinen wünscht Dein treuer Bruder Aron Rothensies. I'.Z. Besondere Grüße an Esther hamalko!" Esther schüttelte, nachdem sie den Brief noch einmal gelesen hatte, ihren schönen Kopf und sagte dann zum Vater: „Warten wir es ab. Man kann die Wünsche 1) Thoraschreiber. 2) Thorarollen. 3) Grab der Eltern. 4) Familie.