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Der Israelit · 1897-08-09 · Heft 63 (9.8.1897) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 63 (9.8.1897)
Date
1897-08-09
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1227 rasch beim Halse in ihr Kleid hinabgleiten lassen, doch Frau Lcitgcb sei aus sie losgesturzt, habe sie mit Hilse einer zweiten Frau in ihr Haus gezerrt, dort geschlagen, zu Boden gemvlfen und sie durch Fußtritte in den Unterleib mißhandelt. Das elfjährige Mädchen behaupt te, es habe Todesangst ausgestanden und geglaubt, daß die Juden sie ermorden wollten. Dem Kinde muß also schon früher die Meinung bcigebracht worden sein, daß die Mitglieder der Familie Leitgeb Inden seien, obwohl dies thatsächlich nicht der Fall ist. Frau Psa liades aber erstattete auf Grund dieser Erzählung ihrer Nichte eine gerichtliche Anzeige, und cs wurde eine Untersuchung eingeleitet. Frau Leitgeb ivurde dadurch in eine »m so größere Arijregung versetzt, als sic ans Theünahme das ganz verlassene Kind, das allein in der Billa zurückgelassen worden war, in ihr Haus genoinineu und sich auch irr sorgsamer Weise mit der Linderung eines Augenleidens, an dem die kleine Marie Karila laborirt, beschäftigt hatte. Das Bezirksgericht Mödling leitete auf die Anzeige hin VorerhebmigkN in der Richtung ein, ob etwa eine Einschränkung der persönlichen Freiheit vorliege, doch die Staatsanwaltschaft stellte die Unter suchung in der Angelegenheit ein. Frau Leitgeb fühlt sich aber drirch die Sache begreiflicherweise so schwer in ihrer Ehre gekränkt, daß sie auf einer gerichtlichen Rechtfertigung und Genug huung bestehen muß. Voraussichtlich dürste schon demnächst die kleine mit eurer so ungesunden Phantasie begabte Marie Karika ärztlich in Bezug aus ihren Geisteszustand untersucht rrnd auch den Quellen ihrer märchenhaften Erfindung nnchgr forscht werden. Feuilleton. Der verwunschene Lhasan. 6) Ern Schwans. (Schluß.» Indessen war der Nachmittag herangekommen, die Personen, die den Zittritt bei dem Rabbi gewünscht hatten, waren befriedigt nach Hause gegangen, das Gedränge hatte sich bedeutend vermindert llnd meistens warctl es mtr noch unbeaufsichtigte Kinder, lärntende Knaben, die das Winhshaus belagerten, zrrweilen keck bis an die Thüre des Cantors traterr, Utld daun, wenn sic das Bellen hörten, fttrchtsanr zurückliefen. Der Segen des Rabbi bewährte sich zunächst am Wirth, denit die Schenkstube war überfüllt, und itt den Vorräthen des mit Getränken und Speisen reich versehenen Hauses zeigten sich bereits bedeutende Lücken. Das Gespräch der schmausenden und zechenden Gäste drehte sich nur um die große Tagesbegebenheit, und je später es wurde, je mehr sing man an, den Cantor zu bedauern. Der Sabbat rückte immer näher heran, und der arme Cantor, der in der Synagoge singen sollte, hörte noch immer nicht auf, bellend umherzurascn, und erweckte allgenlein das innigste Mitleid. Endlich kamen auch die Gemeindevorsteher, une nach ihm zu sehen, und da sein beklagenswerther Zustand fortdauerte, faßten sie den Beschluß, sich beim Rabbi für seine Begnadigung zu verwenden. Sie begaben sich demnach zu dem Wuilderthäter, und stellten ihm in den ehrerbietigsten Ausdrücken vor, daß der Cantor genug gelitten habe und Erbarmen seine Pein endigen könne. „Ihr seid gute und gefühlvolle Leute," sagte der Rabbi mit feinem freundlichen Lächeln. „Vielleicht bin ich Euch hart vorgekommen. Glaubet mir aber, daß .Härte nicht in meiner Natur liegt. Ich war auch weit entfernt davon, eine Rache zu suchen, aber die Strafe, die ich dem Sünder auferlegte, war zu feinem .Heile nothweudig und diente zu seiner Rettung. Wer das Heilige durch Verleumdung entweiht ltnd schändet, stirbt, und seine Seele fährt in den Leib eines Hundes. Dieses Unheil hat meine Strafe nun von dem Manne abgewendet, und er ist durch eine kirrze Trübsal einer dauernden Pein entgangen. Aus Eure Bitte will ich nun sogar noch sein Leiden, das länger währen sollte, abkürzen. Er soll tvieder zum Menschen werden, doch soll er noch bis zum Enoe des Sabbats mit Stummheit geschlagen bleiben." „Waritm vollendet Ihr nicht das Werk der Gnade t" versetzte schüchtern und flehend der Wortführer der Vorsteher. „Erlaßt ihm doch auch die Stummheit, damit er den Gottesdienst abhalten kann. Der arme Mann ist darauf angewiesen, sich dadurch sein Brod zil erwerben, und er wird den Tag Eurer Anwesenheit durch seinen Gesang verschönern, den Ihr ja selbst gerühmt habt." „O, sein Gesang ist von einer wunderbaren Vollenditng," erwiderte der Bal Schein, „und es thut mir ungemein leid, daß Ihr um einen ausgezeichneten Genuß gebracht werdet; aber ich kann es nicht ändern. Ich darf ihm sein Vergehen nur in so weit verzeihen, als es mich persönlich betrifft, aber er hat durch seine Lästerung auch den Abglanz der Göttlichkeit beleidigt, der auf jedem Kabbalisten ruht. Diese Sünde zu vergeben, steht nicht in meiner Macht, und dafür büßt er mit dem Vertust der Sprache, die er gemißbraucht hat, bis der Sabbat endet, der die Sünde mit sich wegnimmt. Gehet nun, bedecket ihn mit diesem Gebetmantel, und er wird sich wieder in einen Menschen verwandeln." Der Gebetmantel bewirkte getreulich das verheißene Wunder: Kaum war er über das bellende Thier geworfen, als dieses in sich zusammenzuckte und wie todt am Boden liegen blieb. Man nahm voll Besorgniß schnell den Mantel ab, und sah, wie sich der Cantor ganz erschöpft auszustehen bemühte. Man kam seiner Schwäche zu Hilfe und hob ihn auf einen Lehnstuhl. Er strich sich die Haare zurück und öffnete die vertrockneten Lippen, aber ach! Er war stumm. Man reichte ihm einen Kelch voll Brant wein. Er lehrte ihn auf einen Zug, und reichte ihn zum Wiedereinschenken hin. Dieses wiederholte sich mehrere Male, und seine Kräfte kehrten sichtlich zu-

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