Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1897-08-05 · Heft 62 (5.8.1897) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 62 (5.8.1897)
Date
1897-08-05
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2448705-2448764--44369-2493461
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1207 ihm ein Nebel vorgeschwebt, der sich um den heiligen Mann zusammengeballt, auch zuletzt auf ihn selbst zugewälzt, und endlich die Empfindung erreat habe, alwürde ihm die Flasche aus der Hand geschlagen. Der Wirth, der keinen Nebel bemerkt hatte, glaubte dagegen die Stimme der Engel gehört zu haben. Er wollte dies zwar nicht mit Bestimmtheit behaupten, meinte aber doch, die eine Rede sei von einer anderen Stimme, als der des Rabbi gesprochen worden. „Genug, wir haben einen bewährten, vorzüglichen Bal Schem im Hause," rief einer, „und wir wollen zu ihm hinauf gehen und seinen Segen erbitten." „Nein," rief ein anderer, „erst laßt uns in der Stadt seine Anwesenheit bekannt machen, daß ihm die gesammte Einwohnerschaft ihre Ehrfurcht bezeige, und alle Hilfsbedürftige sich an ihn wenden." Die letztere Meinung behielt den Sieg, und sämmtliche Gäste schickten sich zum Weggehen an. Der eine wollte nur eist sein Glas leeren, der andere suchte feinen Stock, ein dritter nahm seinen Ueberwurf von einem Pflock, als ein Kind, das Söhnchen des Wirthes, mit überlautem Gelächter in die Stube trat. „Vater!" rief er, fortwährend lachend, „wir werden einen kuriosen Cantor hören. Ich lauschte an der Thüre, weil ich glaubte, er würde sich einen hübschen Gesang einüben. Aber, weißt Du, wie es klingt? Ban, bau wau, wau, dau, wau, Hub, haugerade wie es unser Puoel macht. Es ist zum kranklachen." „Barmherziger!" rief der Wirth entsetzt, „wäre es möglich? Der Rabbi hat gesagt, der Cantor soll ein Hund sein. Wäre das buchstäblich in Erfüllung gegangen?" „Und warum nicht?" schrie der Schulmeister, dem sich die Haare emporfträubten. „Wollt ihr schon wieder zweifeln? Wollt ihr auch ein Hund werden?" Alle stürzten auf den Hausflur hinaus und vernahmen das fürchterliche Geheul. „Wau, huh, bau!" hallte es aus dem Zimmer des Cantors. Unter denen, die diese gräulichen Töne hörten, war keiner, der nicht am ganzen Körper zitterte- Endlich wagten es die Beherztesten, in dem sie laut Gebete zu ihrem Schutz sprachen, die Thüre des Gemachs zu öffnen, und nun erblickten Alle mit Grausen den verwandelten Cantor. Er lief auf Händen und Füßen herum, die Haare hingen ihm zerzaust um das Gesicht, und er bellte unaufhörlich. Der Anblick von Menschen machte ihn noch wilder, er sprang auf die Thüre zu, aber er schien an sein Zimmer gebannt zu sein, er vermochte nicht über die Schwelle zu dringen. Nachdem er sich zur größten Beängstigung der aufschreienden und zurückweichenden Zuschauer viele Mühe gegeben hatte, ins Freie zu gelangen, und alle Versuche fruchtlos blieben, wendete er sich mit wüthendem Gebell und durchdringendem Heulen .in das Zimmer zurück und sprang mit gewaltigen Sätzen auf die Stühle, auf den Tisch, und wieder auf den Boden. „Wunder! Wunder!" schrieen die Leute bei diesem Anblick, und mit dem Geschrei: „Wunder! Wunder!" durchjagten sie die Straßen. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht von diesem unerhörten Ereigniß durch die ganzeStadt. Also war ein Bal Schem angekommen, der seine Macht durch ein so furchtbares Beispiel bewiesen hatte, ein Bal Schem, für besten Aechtheit ein so schreckliches Strafgericht unwiderleglich Zeugniß gab. Wer so zu verderben vermochte, mußte auch helfen, retten, wirksam segnen, und in Schaaren eilten Männer, Frauen herbei, und führten ihre Kinder mit, um sich zu dem heiligen Rabbi zu drängen, und von ihm, je nachdem sie des einen oder des anderen bedurften, Trost, Rath, Besprechung, Fürbitte, Amulette, Segen zu erlangen. Aber nur den inständigsten Bitten des Wirthes gelang es, den Rabbi von seinem Entschlüsse, hier in Zurückgezogenheit bleiben, abzubringen, und ihn zu vermögen, die Zuströmenden vor sich zu lasten. Sie dursten nun in einzelnen Abheilungen vor ihm erscheinen, und Alle wurden durch seine Milde, sein liebreiches Benehmcil, seinen tröstenden Zuspruch, seine frommen Ermahnungen bezaubert. Diejenigen, die indesten unten warten mußten, hörten einstweilen das Hundegebelle, und sahen auch, wenn ein Muthiger die Thüre ein wenig öffnete, die unausgesetzten Sprünge des unglücklichen Cantors. Wenn sie nun dadurch in eine Angst versetzt wurden, daß sie nur mit Beben an den Augenblick denken konnten, wann die Reihe an ihnen sein werde, vor dein Wunderthäter zu erscheinen, so flößten ihnen die Zurückkommenden durch ihr Entzücken über die gefundene Aufnahme und ihre begeisterte Schilderung der herzgewinnenden Freundlichkeit des heiligen Mannes wieder Muth ein. Die Zahl der Herbeikommenden vermehrte sich fortwährend, es iand sich eine Familie nach der anderen ein, alle waren Zeugen der wunderbaren Verwandlung, alle wurden von der Liebenswürdigkeit des Rabbi hingeriffen, und nach Verlauf von mehreren Stunden war fast kein Mensch mehr in der Stadt, der sich nicht rühmen konnte, ein Wunder geschaut und den Segen eines Heilgen empfangen zu haben. Da ein Jeder eine bestens nach seinem Vermögen und feinen Kräften gemessene Gabe dem Rabbi als Opfer der Verehrung darbrachte, so hatte der Marschalk kaum in einem Jahr so viel eingenommen, als in die Kaste des Bal Schem in einem halben Tage floß. (Schluß folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.