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Der Israelit · 1897-08-02 · Heft 61 (2.8.1897) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 61 (2.8.1897)
Date
1897-08-02
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1187 wesenden, noch bei ihnen zu verweilen, entschuldigte er sich mit der Nothwendigkeit, sich aus den Vortrag der Gebete durch Auswahl der Melodien und Einübung schwieriger Passagen vorzubereiten, und nahm freundlich Abschied. Aber schon auf der Schwelle stehend, wendete er sich um. „Apropos!" sagte er zum Wirth; „da sehe ich ja einen zweiten Wagen vor der Thüre. Sind noch andere Reisende hier eingekehrt?" „Nur einer", antwortete der Wirth, „Rabbi Baruch Bal Schem aus Jassy." „Was?" schrie der Cantor, völlig wieder in's Zimmer tretend; „dieser Lump! Dieser Landstreicher, dieser Betrüger!" Alle sahen einander betroffen au. „Ihr kennt also den Bal Schem?" fragte der Wirth verlegen. „Ob ich ihn kenne!" rief der Cantor heftig. „Aber nennet ihn doch nicht Bal Schem, das ist er so wenig als ich ein Seiltänzer bin. Ein Betrüger ist er, der sich für einen Kabbalisten ausgiebt, um Ignoranten, die sich durch seine scheinheiligen Mienen täuschen taffen, Geld abzulocken. Ich habe ihn aus meinen Reisen schon oft getroffen. An manchen Orten hat ihm auch seine List Frucht getragen, denn er hat den Kopf voll von den ausgesuchtesten Ränken; an vielen Orten aber ist es ihm dennoch mißlungen. Man hat seine Spitzbübereien entdeckt und ihn mit Schimpf und Schande fortgejagt." „Ihr gebet dem Manne ein übles Zeugniß," sagte der Wirth verstimmt, „ein übleres, als er um Euch verdient, denn als ich ihm Euren Namen nannte, hat er Euch höchlich gerühmt." „Er soll dafür bedankt sein!" spottete der Cantor. „Das ist waT Rechtes. Ich bedarf wohl seines Lobes? Nein, Gottlob! Wenn ich singe, so weiß Jeder, woran er mit mir ist. Ein Cantor kann, selbst wenn er wollte, Niemanden hintergehen, der gesunde Ohren hat, und es ist nicht erst nöthig, daß ein Landläufer herkömmt, um Euch meinen Gesang anzupreisen. Aber wer sich kabbalistischer Kenntnisse und Kräfte rühmt, ist freilich sicher, nicht sobald Jemanden zu finden, der ihn prüfen kann. Das weiß auch jener Spitzbube recht gut und darauf gründet er seine unverschämte Frechheit. Liebe Freunde! Höret auf meine Warnung! Laßt Euch mit diesem Schuft nicht ein." Mit diesen Worten entfernte sich der Cantor und ließ die Gesellschaft in ziemlicher Aufregung zurück. Besonders machte sich der Schulmeister durch heftiges Schimpfen auf den Fremden breit. „Ich lasse mich nicht so leicht hinter das Licht führen," schrie er, höhnisch den Greis anblickend, der ihm vorhin sein Benehmen verwiesen hatte. „Habe ich nicht gleich erklärt, daß der Mensch ein Betrüger ist?" „Wozu der Lärm?" rief der Wirth mißmuthig. „Mich überzeugt Ihr nun einmal nicht. Wer weiß denn, ob die Aussage des Cantors Vertrauen verdient. Seine Warnung wenigstens war ganz überflüssig, denn der Fremde will hier nicht als Wunderthäter wirken, nur still für sich den Sabbat zubringen. Auf kejnen Fall also hat er die Absicht, uns zu täuschen, und was anderswo vorgegangen sein soll, und doch noch gar nicht erwiesen ist, kümmert uns nich." „Ei, wenn Ihr es so nehmet, kann ich Euch nicht Unrecht geben," sagte der Lehrer. „Will der Mann sich hier ruhig verhalten, so habe ich nichts gegen ihn und mag ihm auch nicht Eure gute Meinung rauben. Aber Ihr könntet mir einen Gefallen erweisen. Laßt mich unter irgend einem Vorwände mit Euch zu ihm gehen. Ich bin neugierig gemacht, ich möchte wohl wissen, wie sich so ein Mann gebehrdet." „Ihr wollt ihn verspotten," versetzte der Wirth mißtrauisch. „Sicherlich nicht," entgegnete jener, „ich will ihn nur sehen, und mit ihm sprechen." „Gebet das zu," rief ein Gast; „der Schulmeister ist ein pfiffiger Beobachter. Er wird uns einen besseren Bericht über den Fremden geben, als Ihr zu liefern im Stande seid, und wir haben dann etwas zu beschwatzen." „Meinetwegen denn," sagte der Wirth. „So nehmet den großen Methkrug und die Branntweinflasche, und kommet mit. Ich will Teller und Gläser hinauftragen, und dem Rabbi einen Imbiß anbieten." Sie fanden den Bal Schem in einen weiten Gebetmantel gehüllt, der ihm über den Kops weg ging und die Augen bedeckte. Er stand mit ausgebreiteten Armen und den ganzen Körper heftig bewegend. Ueber seine Lippen flohen einzelne Ausrufungen, abgerissene Sätze, daun schwieg er wieder und schien auf eine Antwort zu horchen, auf die er neuerdings unverständliche Worte entgegnete. Der heilige Mann war offenbar in einer Verzückung, die es ihm unmöglich machte, den Eintritt der beiden Männer wahrzunehmen, die ihrerseits bei feinem Anblicke wie erstarrt an der Thüre stehen blieben und mit einer Beklommenheit, deren sich auch der Schulmeister nicht erwehren konnte, auf die wunderlichen Reden des Begeisterten hinhorchten, die allmählich einen gewissen Zusammenhang gewannen und schließlich genau die Worte wiederholten, die der Cantor über ihn zu dem Wirthc und den Gästen gesagt hatte: „Ein Betrüger ist er, der sich für einen Kabbalisten ausgiebt, um Ignoranten, die sich durch seine scheinheiligen Mienen täuschen lassen, Geld abzulocken. An manchen Orlen hat chm auch seine List Frucht getragen, denn er hat den Kops voll von den ausge-

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