Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 59 (26.7.1897)
- Date
- 1897-07-26
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448705-2448761--44304-2493393- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1151 zu sorgen. Denn die Menge strömte zu dem einmal anerkannten Bal Schem, man erbat für die Kinder seinen Segen, für die Kranken seine Berührung, man ließ sich von ihm in Verlegenheit rathen, die Zukunft deuten, Amulete schreiben, und gab ihm dafür die reichsten Geschenke, indem man den Heiligen, den Freund Gottes nie genug ehren und zu belohnen meinte. Indessen geschah das Alles nur, wenn der Ruf schon für den Mann als einen Bal Schem entschieden hatte, und um so vertrauensvoller und leichtgläubiger sich dann das Volk zeigte, um so argwöhnischer war es, wenn ein Unbekannter als Wunderthäter auftreten wollte, wie es Baruchs Absicht war. Beide Marschälke wußten auch recht gut, daß ihr Unternehmen mißlingen mußte, wenn sie nicht ein Mittel ersannen?, den fehlenden Ruf zu ersetzen, und besonders dem angeblichen Cantor, auch ohne daß er den Gottesdienst versah, zu einer Einnahme zu verhelfen. Denn, wenn auch der neue Bal Schem alle Kenntniffe besaß, um seine Rolle mit Ehren durchzuführen, so war doch der Cantor verloren, sobald er nur den Mund zum Singen öffnen mußte. Alles halten aber die Schälke wohl bedacht und demnach ihren Plan entworfen. In einer polnischen kleinen Stadt, die aber eine zahlreiche und wohlhabende jüdische Gemeinde in sich faßte, fuhr an einem Freitage in einer sehr frühen Morgenstunde ein ärmlicher Wagen ein und hielt vor dem einzigen Gasthause des Ortes. Der Wirth, wie damals fast überall in Polen, ein Jude, sprang herbei und half einen: anständig gekleideten Manne aussteigen, der ihn sogleich fragte, ob er hier über Sabbat Herberge erhalten könne. Aus die bejahende Antwort erkundigte er sich nach den Namen und Wohnungen der Gemeindevorsteher. „Ich wünsche nämlich hier den Gottesdienst des Sabbats abzuhallen," fügte er hinzu, „und habe mich daher beeilt, frühzeitig hier einzutreffen, um die Vorsteher besuchen und ihre Erlaubniß einholen zu können." „Wen habe ich denn die Ehre bei mir zu sehen?" fragte der Wirth mit gespannter Neugier. „Ich bin der Cantor David aus Czarnikow." erwiderte der Fremde. „Ihr werdet schon von mir gehört haben. Nicht? Das sollte mich wundern. Nun freilich, Czarnikow ist weit von hier, und Ihr macht wohl nicht Reisen in so große Ferne. Jndeffen, das schadet nichts. Ihr werdet mich nun kennen lernen, Ihr werdet mich hören, und dann wollen wir uns sprechen. Was soll ich auch jetzt sagen? Wir haben die Regel: laß dich von Anderen rühmen, nicht von deinen: eigenen Mund. Zwar mich wird mein Mund rühmen, aber nicht durch leere Worte, nein, durch meinen Gesang. Jedoch zur Sache. Wo wohnen die Vorsteher?" Er erhielt den gewünschten Bescheid, und nachdem er sich in dem ihm angewiesenen Gastzimmer, das zu ebener Erde der Schenkstube gegenüber lag, nur flüchtig vom Reisestaube gereinigt hatte, entfernte er sich. Der Wirth aber eilte in die Schenkstube, wo schon einige Gäste ihr Morgengläschen tranken, um die große 'Neuigkeit mitzutheilen, daß sich ein fremder Cantor hören lasten würde. Da nun der Nanre des Sängers Allen unbekannt war, so wurde die Nachricht theils mit Gleichgiltigkeit, theils mit Unmuth ausgenommen. Man sei schon oft dtlrch solches fremdes Volk getäuscht worden, äußerten einige, man habe an: Orte einen wackeren Cantor, der besser sänge, als so viele Fremde, die nur daraus ausgingen, den Leuten Geld abzulocken. Es sei dies nur eine feinere Manier zu betteln unb eine Belästigung der Gemeinde, wozu die Vorsteher nicht die Genehmigung ertheilen sollten. Dagegen bemerkten Andere, daß man von jeher in allen Gemeinden den reisenden Cantoren zu singen erlaubt habe, es sei Unrecht, sich gegen den herkömmlichen Gebrauch aufzulehnen, die Gemeindekasse werde durch eine geringe Ausgabe nicht erschöpft, den einzelnen Mitgliedern aber stehe es ja frei, viel oder wenig zu spenden. Gesielc der Cantor, so würde ihn: Jeder mit Vergnügen ein ansehnliches Geschenk geben, mißsiele er, so würde es eben auch kein Unglück sein, einem armen Manne ein Almosen zu verabreichen. Allmählich stellten sich noch viele andere Gäste ein, die sämmtlich schon bei ihrem Eintritt die Ankunft des Cantors erfuhren, und indem sie an dem Streite über die Zulassung eines solchen Fremden zum Gottesdienste Antheil nahmen, den Lärn: vermehrten. Indessen fuhr abermals ein Wagen vor, und der Wirth stürzte hinaus, um einen stattlich aussehendcn Fremden in Empfang zu nehmen, der ebenfalls den Wunsch äußerte, hier über Sabbat zu wohnen, und vom Wirth eine Treppe hinaus in ein Zimmer geführt wurde, in welches er sogleich sein leichtes Gepäck bringen ließ. Auf einem kleinen Koffer war eine Inschrift angebracht, die dem scharfen Blicke des Hausherrn nicht entging. Sie nannte den Besitzer des Koffers Rabbi Barnch Bal Schem aus Jassy. Die Bestürzung des Wirths nach Lesung dieser Inschrift wurde von dem Fremden bald bemerkt. „Aha!" ries er mit seinem Lächeln aus, „mein Koffer hat mich verratheu. Run, es liegt weiter nichts daran, wenn Ihr nun auch wißt, wer ich bin." „Wollte denn der Rabbi seinen heiligen Stand verschwiegen hatten?" fragte der Wirth mit scheuer Ehrfurcht. „Das darf wohl kein Bal Schem," erwiderte jener; „er versündigt sich dann leicht an den Gaben, die ihm Gott, gelobt sei er, verliehen hat."