Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 49 (21.6.1897)
- Date
- 1897-06-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Feuilleton. Getreu bis in den Tod. -'0) Von Maurice Ma^on. Der Rabbi hatte es gewußt, daß diese Stunde dem Bruder die Enthüllung bringen würde, ja er selbst hatte dem Gespräche die Wendung, welche es genommen, mit Absicht gegeben, um dem Vater die Freudenkunde zu bringen, daß sein Kind lebt, und durch den Hinweis auf die sichtbare Gnade Gottes ihn um so leichter zur reuigen Rückkehr zu bestimmen; aber als er nun die furchtbare Veränderung sah, die sich mit dem Bruder vollzog, diesen wilden Ausbruch ungezügelter Leidenschaft, der einem verhehrenden Bergstrome gleich dahinraste, da erfaßte auch ihn das bleiche Entsetzen und er empfand doppelt gebieterisch die Pflicht, den Rasenden zu beruhigen und der gräßlichen Scene ein schnelles Ende zu machen. Er trar an den Bruder heran und ergriff dessen Arm, aber, seiner Sinne nicht mächtig, stieß ihn dieser rauh zurück und durchmaß unausgesetzt mit großen Schritten das Zimmer. Dann machte er plötzlich an dem Krankenlager seiner Gattin Halt und, indem er seine weitaufgerissenen Augen auf ihre gebrochene Gestalt bohrte, stieß er in rauhen, abgerissenen Tönen die Worte hervor: „Ich sollte Dir verzeihend! . . . Weißt Du, unseliges Weib, wie furchtbar Gräßliches Du mir gethan?! Nein, Du weißt es nicht, denn sonst hättest Du die That nimmer begehen können, die sich auflehnt gegen die Gesetze des Himmels und der Erde, sonst müßtest Du jetzt vergehen unter dem zermalmenden Bewußtsein der grauenhaften Schuld .... Das Glück, die Wonne meines Daseins hast Du grausam gemordet, das Licht des Lebens mir ausgelöscht .... Und Du sahst es, sahst es all' die langen Jahre, Weib, wie dieses Weh an meinem Mark zehrte, und Deine Lippen mochten das Wort nicht sprechen, das mir Erlösung gebracht hätte von der lebenzerstörenden Pein; erst jetzt hast Du es gesprochen, jetzt, wo es zu spät ist, wo er uns für immer verloren ist. . . . Ach, Alfred, mein heißgeliebter Sohn, Du Leben meines Lebens! Jeder Pulsschlag meines Herzens, jeder Gedankensplitter meines Geistes, jede Fiber und Faser meines Seins gehörte Dir! Für Dich habe ich mich gemüht, habe ich gekämpft und gerungen; Du solltest Dich sonnen in dem Glanze der Ehren und Würden, die mir das Leben gebracht; Du solltest noch höher emporklimmen, als Dein Vater, und in Deinem Glücke hätte ich das meinige tausendfach gefunden . . . Und Du bist mir geraubt, von Deiner Rabenmutter geraubt, um eines aberwitzigen Phantoms willen, das der Wahnsinn eingegeben! . . . 'Nein, die gräßliche That kann keine Sühne finden, nicht bei Gott 951 und nicht bei Menschen, alle Qualen der ewigen Verdammniß wiegen nicht auf, was Du, Unselige, mir und Deinem Kinde gethan! Darum Fluch über Dich. . . ." „Halt ein, Unsinniger!" unterbrach ihn der Rabbi schnell, und seine iniponirende Gestalt hob sich zu stolzer Höhe, aus seinen Augen loderte ein heiliges Feuer, dessen Banne sich der Graf nicht entziehen konnte, so daß er betroffen innehielt. „Nicht weiter, Verblendeter, denn Du rasest! Dein Kind lebt, und ist sicher und geborgen in meinen! Hause. Und Du willst Deinem Weibe fluchen, Bruder, anstatt ihr zu danken ans voller Brüste! Wohl hat sie sich schwer vergangen, daß sie verschwieg, was Dir, dem Galten, kein Geheimnis; hätte bleiben, ja, was nur mit Deiner Einwilligung überhaupt hätte geschehen dürfen. Aber weißt Du, welches Opfer dieses heldenmüthige Weib gebracht? Das Kind, an dem sie mit gleicher Liebe hing, wie Du, hat sie von ihrem Mutterherzen gerissen, hat es hinausgegeben in die Fremde und hat die Qualen der Trennung geduldig getragen, trotzdem ihr Körper hinsiechte in glühendem Sehnen nach dem geliebten Wesen, das sie unter dem Herzen getragen, dem sie das Leben gegeben. Und weißt Du, für wen sie das Opfer gebracht, wegen dessen Du ihr jetzt fluchen willst? Für Dich hat sie es gebracht, nur für Dich! Als der Taumel der Leidenschaft verrauscht war, der sie zum Verrath an der angestammten Religion fortgerissen, da erwachte das brennende Weh, daß sie mit einer Lüge jenem Glauben sich verschworen, daß auch Du kein treuer Sohn der Kirche bist, der Du äußerlich angehörst. Alle Qualen der geift- und kvrperzerstörenden Gewissenspein erfaßten das unglückliche Weib, und alle Stimmen ihres Herzens wurden übertöm von dem einen Verlangen, an dessen Erfüllung ihre Seelenruhe, ihr ganzes Glück hing, daß Ihr vereint wieder zu dem Gotte betet, zu dem Eure Eltern gebetet und dem Ihr in Euren Herzen ja doch angehörtet. Aber Nellv wußte, daß all' ihr Bitten und Flehen und Mahnen an Deinem eisernen Willen scheitern würden, daß Du, geblendet von den Würden und Ehren, die Du opfern mußtest, den Preis zu hoch finden würdest, auch wenn Du das Lebensglück Deines Weibes dafür erkauftest. Und da rang sie sich die Entsagung ab, die unter tausend Müttern kaum eine verwinden würde: Dein Sohn sollte, wenn er herangewachsen war, das erreichen, was Deinem Weibe versagt blieb; an seiner Ueberzeugungstreue sollte die Deinige sich entzünden und die Liebe zu dem wiedergefundenen Kinde die Stimme des kühlerwägenden Verstandes übertönen. ... Es war ein gewagtes Spiel, sie hat sich schwer/sehr schwer an Dir vergangen, aber die^Schuld/ist ^gesühnt durch die jahrzehntelangen Qualen, die^sie/geduldig ertragen. . . Und Deiner-