Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 48 (16.6.1897)
- Date
- 1897-06-16
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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931 AerrMetorr. Getreu bis in den Tod. Von Mauriee Ma?orr Aber da kam die fürchterlichste Stunde feines Lebens, da er in Ketten vor den fremden General geführt wurde und in demselben seinen Bruder erkannte. Was er ihm damals gesagt, er wußte es selbst nicht mehr; nur dessen erinnerte er sich noch, daß er den Bruder mit aller Macht der Ueberreduug zur Rückkehr gemahnt hatte, daß aber seine Worte wirkungslos verhallten, als wären sie nicht gesprochen. Keine Thräne kam über seine Augen, kein Wort über seine Lippen, als er sich mit wankenden Knieen nach seinem Hause schleppte: der Schmerz war zu groß, als daß ihn Thränen erleichtern und Worte wiedergeben konnten. Kaum daß er seinem Weibe in Kürze erzählte, was vorgefallen war; in stummem Schmerze hielt er die sieben Trauertage wie um einen Tobten, und todt blieb ihm derjenige, der seinem Herzen so nahe gestanden hatte und den er noch liebte mit der ganzen Glut seiner Seele, so streng er auch seinen verbrecherischen Schritt verurtheilte. Nie und nimmer gedachte er oder einer seiner Angehörigen des Abtrünnigen; die gräßliche Thatsache war unabänderlich, wozu selbstmörderisch in blutenden Wunden wühlen?.. Und nun, nach mehr als drei Jahrzehnten hatte er ihn wiedergesehen, und sein ganzes Sinnen und Denken gipfelte in dem einen heißen, sehnsüchtigen Verlangen, daß er die schwere Schuld der Vergangenheit sühnen und zurückkehren möge zu dem Glauben, in dem er geboren wurde, daß er wieder Jude würde und bliebe aus vollem Herzen und ganzer Seele. Was Wunder, daß der Rabbi diesem Verlangen, das sein ganzes Sein erfüllte, zuerst einen Ausdruck gab, und daß sein Herz sich dann in rasendem Weh zusammenzog, als der Bruder zauderte, seinen Mahnungen Folge zu geben, und so den Verdacht weckte, daß er die Empfindungen des Wiedergefundenen nicht theilte. Als ob eine eisige Hand ihm an's Herz griff, so schauerte der Rabbi zusammen, aber trotzdem verbannte er die Worte des Unwillens, die sich ihm auf die Lippen drängten. Was in jahrzehntelanger Gewohnheit lieb und werth, zur zweiten Natur geworden, mochte nur schwer in der Entschließung des Augenblicks preisgegeben werden, zumal wenn sie den Verzicht auf die äußeren Ehren und Würden des Daseins bedeutete. Zudem fürchtete er, durch vorschnellen Tadel die milden Regungen zu ertödten, welche aus den Worten des Bruders so verheißungsvoll hervorklangen, und hierdurch die Verwirklichung seines sehnsüchtigen Verlangens zu gefährden. So bezwang er sich denn und begann mit ruhigem Tone, indem er den Händedruck des Bruders erwiderte: „Fern sei eS von mir, Moses, Dich zu einem vorschnellen Entschlüsse zu drängen. Der Allgütige über den Sternen wird Dein lange umdüftertes Gemüth erleuchten und Dich zurücksühren zum Pfade der Pflicht. . . . Nur eine Mahnung noch laste mich aussprechen, die Du beherzigen mögest, wenn Du in ernster Selbstprüfung mit Dir zu Rathe gehst. Vergiß nimmer, daß Du nicht über Dein und Deines Weibes Schicksal allein entscheidest, sondern daß Du auch für Deine Kinder die Verantwortung trägst!" „Für meine Kinder!" wiederholte der Graf, und ein ächzendes Stöhnen kam aus seiner Brust. „Ach, Bruder, unbewußt rührst Du an die schwerste Wunde, die mir das Schicksal geschlagen, die noch jetzt nach fast fünfzehn Jahren nicht vernarbt ist und nimmer vernarben wird, so lange ein Herz in meinem Busen schlägt. Nur eine Tochter, meine Edith, ist mir geblieben ... Ich hatte einen Sohn, meinen Augapfel, das Entzücken meines Lebens. . .." — Thränen erstickten die Stimme des Redenden, und nur mit dem Aufgebote seiner ganzen Kraft vermochte er fortzufahren — „und nun ermesse die Schwere meines Unglücks, er wurde mir von ruchloser Hand geraubt." „Sergei", schrie Nelly in wilder Verzweiflung auf, „unser Alfred lebt! Habe Mitleid mit Deinem namenlos unglücklichen Weibe! .. . Ich . . . ich habe ihn Dir . . . geraubt ... um ihn von meinem Vetter ... als Jude erziehen zu lassen." Eine fürchterliche Veränderung vollzog sich mit dein Grafen. Als habe ihn ein Blitzstrahl getroffen, so zuckte er zusammen, dann taumelte er rückwärts, und er wäre niedergestürzt, wenn er sich nicht an den Tisch festgeklammert hätte. Jeder Blutstropfen war aus seinem Antlitz gewichen, und mit verglasten Augen stierte er auf sein Weib, als ob der Wahnsinn aus ihr redete. Seine Brust hob sich keuchend, er rang nach Worten, aber zu jäh hatte ihn die grausige Nachricht gepackt, für Augenblicke kam kein Laut über seine Lippen. Hatte er recht gehört, oder neckte ihn ein Gebilde seiner erregten Sinne?!. . Wie hatte er demjenigen geflucht, welcher seinen heißgeliebten Alfred von dem Herzen des Vaters, der Mutter gerissen, und nun war es sein Weib, das ihm diesen fürchterlichsten Schmerz seines Daseins bereitete und es all' die langen, bangen Jahre mit ansah, wie dieser nagende Gram an seinem Marke fraß, seine Lebensfreude und Lebenskraft verzehrte und ihn früh zum Greise machte! ... Es war ihm nicht denkbar das furchtbar Gräßliche, der Wahnsinn hatte seinem Weibe die grauenhafte Anklage eingegeben! . . . . Aber nein, er träumte nicht! Sah er ja, wie sie sich wand unter dem Geständnisse, das soeben über ihre bleichen Lippen gekommen, wie alle Qualen des Entsetzens aus ihren Augen sprachen, die flehentlich auf ihn selbst gerichtet waren. . . . Seine Fäuste ballten sich, der Schweiß