Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 47 (14.6.1897)
- Date
- 1897-06-14
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXX VIII. Jahrgang. Beilage zu J\» 47 ües „Israelit“. Leitender Artikel. Herein r«r Abmhr Des AntiftmMswllS. Wien, 10. Juni. Der Verein zur Abwehr des Antisemitismus hielt vor einigen Tagen in Lehninger'S Restaurant seine General - Versammlung ab. Der Vorsitzende Freiherr v. Suttner gab in seiner Eröffnungsansprache dem Bedauern Ausdruck, daß die alljährlich geäußerte Hoffnung aus eine Besserung der Verhältniffe sich nicht bewährt habe. Es laste wie ein Fluch auf den Bewohnern Oesterreichs, überall herrschen Haß, Hader und Zwietracht. Wir verdanken dies, fuhr der Redner fort, dem Antisemismus, von welchem die Parole ausgegangen ist: „Schmähe deinen Nächsten, beschimpfe, verfolge ihn, hetze ihn zu Tode!" Das Pharisäerthuin ist eine Macht geworden in unserem Vaterlande. Heute im Zeitalter des Dampfes und der Electricität sehen wir, wie die Bestie im Menschen frisch auflebt und die Wildheit in erschreckendem Maße zunimmt. Wir stehen heute der Ueberzahl machtlos gegenüber und können nichts Anderes thun, als auf unserm Posten ausharren und unfern Protest erheben. Wir wissen, wer hinter dieser Bewegung steht, wer diese zweifelhaften Existenzen subventionirt, und kennen auch den Zweck dieser Bewegung: die Niederdrückung der Freiheit, welche man in eine Zwangsjacke stecken möchte, die ant römischen Webstuhle verfertigt wurde. (Zustimmung.) Wir haben unentmuthigt das Satnenkorn der Vernunft und Menschenliebe ausgestreut, und auch für die nächste Zukunft bleibt uns keine andere Richtschnur, als auszuharren, nicht fahnenflüchtig werden und abwarten, bis die Zeit zur Offensive gekommen. (Lebhafter Beifall.) Baron Suttner gab sodann einen kurzen Ueberblick über die Thätigkeit und den Kassenstand des Vereines und konstatirte mit Befriedigung, daß dem Vereine im letzten Jahre 760 neue Mitglieder beigetreten sind. Vereinsmitglied Wolf meinte, daß die vom Vereine geführte Agitation der antisemitischeil Bewegung nur ein schwaches Gegengewicht biete. Der Redner wünscht eine intensivere Thätigkeit und häufige Abhaltung von Versammlungen, um zu beu brutalen Gewaltakten, wie sie von der Wiener Gemeindeverwaltung gegenüber den Juden begangen werden, Stellung zu nehmen. Hosrath Nothnagel erwiderte, daß die Bestrebungen des Vereines auf die eben angeregten Ziele gerichtet waren. Meine Ueberzeugung, sagte der Redner, geht dahin, daß dasjenige, was von den Staaten gilt, daß sie durch die Mittel, durch welche sie begründet wurden, auch erhalten werden und schließlich durch dieselben zu Grunde gehen, auch für politische Richtungen seine Geltung habe. Es gibt gewiß eine Menge von Beweggründen, welche die schamlose Bewegung großgezogen haben. Ich bin davon durchdrungen, daß das treibende Moment für die großen Massen in dem Gemeinen und in dem Niedrigen der Menschennatur zu suchen ist. Es ist die Sucht nach Hab' und Gut, die Sucht nach besserem Leben, die Gier nach dem, was der Andere besitzt. Der Umstand, daß die Führer der antisemitischen Bewegung es verstanden haben, diese Gedanken in die Massen zu bringen, hat ihnen dieselben gewonnen. Auf diesem Wege wird aber auch das Ende kommen, der Antisemitisruus wird durch den Antisemitismus geheilt werden. Wir sind bereits auf dem besten Wege, die Früchte des Antisemitismus in Wien am eigenen Lerbezu verspüren, wir sehen den Schaden, den die antisemitische Bewegung anrichtet. Der Fremdenzufluß ist geringer geworden, das höre ich in den verschiedensten Hotels, mehrere kleinere Hotels und Einkehrgafthäuser sind eingegangen, die besser situirten Juden aus dem Süden und Osten meiden bei ihrer Fahrt nach den böhmischen Bädern Wien wie durch ein stillschweigendes Uebereinkommen. Bis die materielle und soziale Schädigung sich fühlbar machen wird, kann eine Umkehr erwartet werden. Ich erwarte nichts von einem Appell an das sittliche Empfinden; wir haben ihn erhoben, es hat uns nichts genützt. Leute, von denen wir geglaubt haben, daß sie mit uns gehen werden, haben sich zurückgezogen. Die meisten MeZchen haben aber kein Rückgrat, sie fürchten, sich zu schaden, darum sind wir so wenige. Die Meisten sind eben gleichgiltig, sie fühlen erst, wenn es in ihrem Hause brennt. Der Redner schließt mit dem Appell an die Anwesenden, den Muth nicht sinken zu lassen. Hoffentlich werden die Verhältnisse uns unterstützen, und was wir durch unser Wirken nicht erreichen, das werden Andere vollbringen, die, wenn sie stets auch das Böse wollen, schließlich das Gute schaffen. (Lebhafter Beifall.) Nachdem noch Gemeinderath Seiler in scharfer Weise gegen den immer mehr überhandnehmenden Geschäfts-Antisemitismus gesprochen, wurde der Rechenschaftsbericht einstimmig genehmigt. In die Vereinsleitung wurden mit Acclamation gewählt: Gustav Gundocker Freiherr v. Suttner als Präsident, Professor Eduard Sueß und Dr. Karl Reichsritter v. Kießling als Vice-Präsidenten, August Beiling als Cafsier, E. V. Zenker und Balduin Groller als