Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 47 (14.6.1897)
- Date
- 1897-06-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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915 geküßt? Sie nahm ihre messingene Brille und setzte sie auf, aber eigenthümlich, sie sah das nämliche. Sie traute der Brille nicht und wandte sich an Stephauoff, der den Vorfall eben so wenig begriff, wie Kaschka und mit offenem Munde dastand. „Wie heißt der Zauberers Was sagten Seine Ereellenz - Weißt Du es V fragte sie leise. Aber dieses Mal schien Stephanoff wenig Aufmerksamleit für seine Matuschka zu haben; denn er kraute sich hinter den Ohren und brummte: „Brr Moses! Meier! Jüdische Ramen!" . . . Unterdessen batte sich die Kranke voit ihrem Lager erhoben. Eilt eigenthnmliches Leuchten ging durch ihren Blick, als sie den Greis hatte eintreten sehen. Die frappirende Aehnlichkeit mit ihrein Gatten erfüllte sie mit dem süßen Ahnen, daß jener Bllann kein Anderer sei, als Sergeis Bruder. Sollte endlich in Erfüllung gehen, ums sie seit langen fahren so beiß, so innig ersehn! hattet Rcllv preßte die zitternde Haild auf das tvildpochende Herz, intb als sie mm die Brüder einander in die Arme sinken sah, da gnolleN Dhräncn der seligsten Freude ans ibren Augen, und eul Dankgebet rang sich aus ihrer Brust. „Ja, nun wird Alles wieder gut werden," so jubelte es in ihrem Herzen, das eben noch von rasendem Weh erfüllt war. „Preis uub Dank Dir, Allvater, über den Sternen, dessen Walt eit sich so tvundersam offenbarte!" X\l)x tbränenumflorter Blick suchte den Gatten, um ut seinen Rliettcit zu lesen, ob die Empfindungen, tvelche sie mit Allgetoalt er fitllten, in setitem Herzeit eilt Echo fanden. Sergei wie ivir ü)u weiter ileitilen wvlleit ntachte sich eben aus der Umarmung seilten Brilders frei und fab betroffen ans das ihn erstaunt an gasfende Paar Kaschka mtd Stephanoff. „Laßt ults allein," herrschte er sie an, uub winkte mit der Hand. Kaschka verließ kopsschüttelnd das Zimmer, und Stephauoff folgte Matnschka. „Dieses Mal," sprach der Rabbi mit mildem Lächeln, „hast Du nicht iiöthig gehabt, ncich in Ketten vor Dich führen zu lafsen. Ein aitgenehnrer Unfall, oder neitnen wir es lieber richtiger, eine göttliche Fügung, hat Nils znsantmengeführt. Ich wollte zu Deiner Frau und batte keitie Ahnung, daß ich Dich hier treffen werde." „Verzeihe, lieber Brilder," sprach Sergei erröthend, „es war falscher, erbärinlicher Stolz, den ich nachher schmerzlich bereute!" „Und wie senkst Du mm über meine Ermahnungen von damalsV" — fragte der Rabbi mit weicher Stimme —- „darf ich nun hoffen, daß Du die Selbsterkenntniß wieder erlangt hast, daß die Wahrheit in Deinem verirrten Sinn wieder eine Stätte finden wird, daß Du zu dem Bekenntnisse, zu dem Volke zurückkehrst, dem Du entsprossen?" Ein düsterer Schatten legte sich auf die Stirn des Grasen, und ein tiefer Seufzer rang sich aus seiner Brust. „Davon wollen wir zu einer anderen Zeit sprechen , Bruder, Dit weißt, wir leben in einem Lande, dessen Gesetze cs verbieten, nach dem Ueberrritt zum Ehristenthum zum Judenthnm zurückzukehren. Doch davon später! Jetzt aber gestatte, daß ich Dir meine Frau und Tochter vorstelle. Mein . . .!" „Ihre Tochter, Oheim!" schrie Ailgust in rasender Freude auf. Erstaunt blickte der Graf ans den jungen Mann, aber der Rabbi ließ ihm keine Feit, Aufklärung zu verlangen, ludern er von Renern begann: „Und ist dieses Land das einzige, in welchem Du leben kartnst? Er, der den Mond dem einsamen Wanderer zum Führer in der Rächt bestellt, der die Sterne am Hintmelsdome lcrrchtcn läßt, dessen Odem das ganze All durchweht, Er gab dem Menschen das Recht, allenthalben zu leben und zu athmen. Lieber in einer Wüste Gott und Seiner r)ieltgion nahen, als ln einer volkreichen Stadt ihm fern sein. Sei stark Bruder! Entsage dem Rang und den Würderr, die Dil mit dem Verrathe am Allerheiligften erkauft hast! Verlasse das Land, das Dich zwang, Deirie Rellgiorr zrr verleugnen und zu einem Glauben Dich zu bekennen, dem Drt nimmer angehört hast. Rimm Weib uub Kind und ziehe in die Fremde! Beuge Deine Knie vor Gott und bitte, daß Er die Sünde Deiircr Jugend verzeihe!" „Bruder, laß ab von Deinem Drängen," ertviederte der Graf mit ditntpfer Stimme, „bis ich einer ruhigen Ueberiegung mehr zugänglich bin. Roch stehe ich zu sebr unter dem Banne der wonnigen Empfindungen, die mir das Wiedersehen mit Dir, inein geliebter Bruder, eingcstößt. Ick will weder Dich, noch nlich belügen und keinen Entschluß fassen, der tttich gereuen und die freildige Erinnerung an diese gottgefegnete Sttlnde, die uns nach jahrzchntc langer Trennung uub Entfremdung so wundersam zusammengeführt, trüben oder vergällen könnte . . . Rein, mein Bruder, habe illachsicht!" fuhr der Graf in flehendem Tone fort, indem er mit warmem Drucke die Rechte des Rabbi ergriff. „Fordere keine vorschnelle Entscheidung, wo es sich um so große Dinge handelt! Laß' uns die Wowle dieser schönen Stunde mit ungetrübtem Entzücken genießen! Erzähle mir, wie es Dir all' die Jahre ergangen, dann will auch ich Dir mittheilen, was das Leben in buntem Wechsel mir gebracht hat, und wenn wir im Kreise derer, die uns theuer sind, tmsere Erlebnisse ausgetauscht, wenn ich die Kraft zu ruhiger lleberlegung wiedergefunden, dann werde ich in ernster Selbstprüsung die Entscheidung treffen, welche Dir und,