Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 46 (10.6.1897)
- Date
- 1897-06-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2448705-2448748--44022-2493098- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
891 T^* „Hm, hm!" machte August, indem er Alfred untersuchte. „Es ist eine Nervenkrankheit im Anzug. Was mag den Jungen nur so erregt habend" Unterdessen hatte der Rabbiner das Tagebuch, das aus dem Bette des Kranken lag, ergriffen und that einen Blick hinein, nicht um seine Neugierde zu befriedigen, denn eine solche Schwäche war dem Rabbi fremd, sondern weil er sofort erkannte, daß die Veränderung in dem Befinden des Jünglings, den die Vorsehung in so eigenthümlicher Weise in sein Haus geführt, mit diesem Schriftstücke in Verbindung stand. Aber kaum hatte er zu lesen begonnen, als sich seine Augen erweiterten, und ein fieberhafter Glanz sein Antlitz übergoß. Er vergaß den Kranken, an deffen Lager er saß, und den Doktor Frankenheim, der eine eingehende Untersuchung vornahm und verschiedene neue Verordnungen traf. Der Greis schien sein ganzes Denken auf das Schriftstück zu coneentriren. „Run, Großpapa, wollen wir nicht aufbrechen?" fragte August, der mit Erstaunen die Veränderung in den Mienen des Großvaters wahrnahm. „Hörst Du nicht, Wie die gräfliche Kammerkatze im Empfangzimmcr schimpft?" „Das ist mir aber niemals vorgekommen!" ließ sich jetzt in der That Kaschka im Nebenzimmer vernehmen. „Die Gräfin Leontjew eines aufgefundenen Knabens wegen warten zu lassen! Aber, das sag ich Dir, Zauberer, wenn Du nicht gleich mitgehst, dann lasse ich Dich in Stricken gebunden zu meiner Herrin bringen!" „Sonderbar, sehr sonderbar. Ach wie erhaben find Deine Werke, o Ewiger!" rief der Rabbi erschüttert aus, als er die letzten Seiten des Tagebuches zu Ende gelesen hatte. „Wovon sprichst Du, Großpapa s" fragte August ganz erstaunt. „Ist es nicht sonderbar," gab der Rabbi zur Antwort, „daß wir von dem Krankenlager dieses Jünglings zu seiner kranken Mutter uns begebend" „Die Gräfin Leontjew? „Ist die Frau meines Bruders." „Die Frau Deines Bruders?" „Ja, imd die Mutter dieses Kindes. Aber komm nun und laß uns gehen, August. Den weiteren Zusammenhang sollst Du unterwegs erfahren. . . . Armes, armes Kind!" fuhr er zu dem Knaben gewendet fort und küßte dessen sieberglühende Stirn. „Kaschka, Kaschka! . . O Nepomuk, Mörder!" schrie Alfred in seinen Phantasien und wollte wie ein Rasender aus dem Bett springen. „Hat man mich nicht gerufen, Stephanoff? Hat man nicht Nepomuk geschrien?" fragte Kaschka aufhorchend im Nebenzimmer. „Man hat Matuschka und Nepomuk gerufen," bestätigte der Gefragte. „Jetzt stehe ich zur Verfügung!" sagte August, der in diesem Augenblicke aus dem Krankenzimmer trat. „Wollen wir nicht aufbrechen?" „Sie können meinetwegen zu Hause bleiben!" brummte Kaschka ärgerlich. „Wenn nur der Alte, der Zauberer mit uns geht." „Er geht mit, Kaschka," beruhigte der Rabbi die Redselige, und ein Lächeln umspielte seine Lippen. „Komm, laß uns eilen!" „Sie nlußtcn doch mit, luhowno <iaspodina! Kaschka litt nicht, daß der Alte zu Hause blieb, während der junge Doktor Frankenheim Ew. Gtladen mit seinen Mischungen und Giften quälte! Da ist der große Zauberer! Seinem Schwure wird der böse Geist schon weichen." Jetzt erst gewahrte Kaschka zu ihrem nicht geringen Schrecken den Grasen an dem Lager seiner Gemahlin, und sie wäre vor Schreck fast zu Boden gesunken, wenn sie sich nicht an der Stuhlkante festgeklammert hätte. In ihrer Verwirrung machte sie einen tiefen Knir vor Stephanofs, der in ihrer Nähe stand und murmelte.' „Ew. Excellenz halten zur Gnaden, . . tief ergebenste Dienerin!" Editb brach in ein schallendes Gelächter aus; aber plötzlich hielt sie inne, und eine flammende Röthe stieg in ihr Antlitz, sie hatte an der Thüre Dr. Frankenheim erblickt, dessen Augen in stummer Huldigung auf ihr ruhten. Sie fürchtete, daß der Vater die vcrrätherische Röthe bemerkt, ihr süßes Geheimuiß entdeckt hätte, und suchte ängstlich in seinen Mienen zu lesen. Aber wie erstaunte sie über die Veränderung, welche mit denselben vorging. Der Graf stand wie gebanick auf dem nämlichen Platze und starrte den Rabbi an. Jeder Blutstropfen war aus seinem Antlitz gewichen. Die feinen 'Nasenflügel bebten in nervöser Erregung, und die Brust hob sich keuchend. Träumte oder wachte er? Geisterstimmen waren cs, Stinnnen der Vergangenheit, die an sein Ohr drangen und sein ganzem Sinnen und Fühlen gefangen nahmett. Ach, wie ihn diese Stimmen quälen, denen er in heiliger Einsamkeit so oft gelauscht, und wie sie doch in nie gekannter Wonne sein Herz erschauern machen! Ist es nicht das Bild seines Bruders, das ihm dort wie mit einem Glorienschein umflossen entgegenstrahlt? Ist es nicht die nämliche Gestalt, die in seinen Erinnerungen fortlebte, die ihm in seiner Kindheit Trost, in den späteren Jahren Oual und Pein war? Sind es nicht die nämlichen Lippen, von welchen in der letzten Stunde, da man ihn aus dem Kreise der Seinigen riß, die Worte flössen: