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Der Israelit · 1897-05-31 · Heft 43 (31.5.1897) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 43 (31.5.1897)
Date
1897-05-31
Page
– (sequence 7)
Language
German
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797 losen auf das Ruhebett zu legen. Während ich Belebungsversuche anstellte, hieß ich den Diener zum Hausarzt zu eilen, von dem ich annahm, daß er besser die Natur des Oheims kenne, denn meine Prognose lautete auf Herzschlag, und die Befürchtung wurde durch den Arzt bestätigt. Zwei Stunden später starb der Oheim, ohne die Besinnung wieder erlangt zu haben. Tief erschüttert eilte ich in das Zimmer Nelly's, aber ich fand sie nicht. Das Kammermädchen sagte mir, daß das gnädige Fräulein mit Seiner Exellenz, ihrem Bräutigam zur St. Peterskirche gefahren sei. Ich fürchtete den Verstand zu verlieren, so dumpf hämmerte es in meinen Schläfen, so stürmisch rollte mir das Blut durch die Adern. Mit keuchender Brust und geballten Fäusten stürmte ich aus dem Hause, warf mich in eine Droschke und befahl dem Kutscher, mich eilends nach der St. Peterskirche zu fahren. Wie ein Rasender sprang ich aus dem Wagen und drang so stürmisch in die Kirche, daß alle Anwesenden überrascht und verstört aufschauten. Weihrauchwölkchen stiegen von dem Altäre empor und erfüllten den Raum mit betäubendem Duft. Schwellende Orgeltöne durchzitterten die Luft. Am Altäre stand der Geistliche in seinem goldgestickten Ornate und streckte eben die Hand zum Segen über ein Paar, das auf den Stufen des Altars vor ihm kniete. Es waren Nelly und ihr Bräutigam, sie hatte soeben ihren angeborenen Glauben als einen „Jrrthum" abgeschworen und die Vermählungsfeier sollte beginnen. Ich war meiner Sinne nicht mehr mächtig Wahnsinn packte mich, und ich brach in ein lautes, weithin schallendes Hohngelächter aus. „Ehrlose, fluchbeladene Tochter!" schrie ich mit lauter Stimme, sprang die Stufen des Altars empor und stellte mich neben den Geistlichen, in dessen Gesicht sich Entsetzen malte. „Dein Vater liegt im Sterben ... Du hast ihm das Herz gebrochen . . . sein letztes Wort war ein Fluch für Dich. Der Gott Israels, den Du verleugnet hast, möge seine Blitze senden und Dich vernichten. . . . Keine Kirche, keine Religion vermag Deine Schuld zu sühnen, denn unermeßliches Elend hast Du über das Haus Deines Vaters gebracht! Drum sei verflucht in Ewigkeit." Drückende Stille herrschte in der Kirche, Nichts regte sich. Bleiches Entsetzen erfüllte die Anwesendett, eine solche Sprache war in diesen Räumen noch nicht vernommen worden. Endlich ermannte sich der Geistliche, auf seinen Wink näherte sich mir der anwesende Polizeimeister, legte seine Hand auf meine Schulter und sprach mit lauter Stimme: „Im Namen des Kaisers verhafte ich Dich wegen Gotteslästerung und Tempelschändung!" Mein Schicksal war besiegelt, ich wußte es. Solche Verbrechen werden in Rußland mit lebenslänglicher Zwangsarbeit in den Bergwerken Sibiriens bestraft. Ich wurde in das Gefängniß abgeführt. Noch jetzt durchschüttelt Fieberfrost meinen Leib, wenn ich der drei Monate gedenke, die ich an jenem Orte des Schreckens, im Gefängniffe zugebracht. Schon der Anblick jenes Ortes genügt, um den Menschen mit Todesgrauen zu erfüllen. Denke Dir einen Raum, in welchen niemals ein Sonnenstrahl gedrungen, durch welchen niemals der erfrischende Lufthauch strich; von den Wänden rieseln Fäulniß und Feuchtigkeit; Moder- und Verwesungsgerüche verpesten die Luft, und mit dem Unglücklichen hausen daselbst Mäuse und Ratten, die von seinem kargen Brote fresien und aus demselben Gesäße trinken, die unzertrennlichen Genossen des Gefangenen sind, die ihm aus Freundschaft seine Kleider vom Leibe nagen. In einem solchen Raume wurde ich eingeschloffen. Zuerst überfiel mich eine solche Angst, daß ich wie ein Wahnsinniger an meinen Ketten rüttelte und aufschrie. Da fielen mir aber die Worte des königlichen Sängers ein: „Auch wenn ich im Thal des TodeSgraucnS wandte, fürchte ich mich nicht, denn Du Ewiger bist bei mir, Deine Zuchtruthc und Dein Schutz richten mich auf." Ich wurde ruhiger. Aber mein Zustand wurde immer unerträglicher, an Händen und Füßen gefesselt, schleppte ich mich — so weit meine Ketten cs gestatteten — durch den schauerlichen Raum. Meine Kräfte schwanden zusehends, und mit der körperlichen Müdigkeit wuchs auch meine Theilnahmlosigkeit, bis ich zuletzt in ein dumpfes, gedankenloses Hinbrüten verfiel und weder sah, noch empfand, was mit mir vorging. Wochen, ja Monate vergingen, meine Kleider hingen nur noch in Fetzen an meinem Körper. Jeden Tag wurde ich eine Stunde vor den Untersuchungsrichter geführt, der mir meine Verbrechen vorhiclt und mir dann eine Tracht Prügel zudiktirte. Mit blutigem zerschundenem Körper wurde ich dann in meine Zelle geschleppt. Jedes Gefühl schien in mir erstorben, ich wußte überhaupt nicht mehr, was Leben ist. Mechanisch verrichtete ich dreimal täglich mein Gebet, ohne zu wissen, ob es Abend oder Morgen, ein Werktag oder ein Sabbat sei. Endlich, als ich wieder einmal an einem Abend in der Meinung, daß eben der Tag beginne, mein Morgengebet verrichtete, wurde der Schlüssel knarrend im Schlosse gedreht, und die Thüre ächzte in ihren Angeln. Der Gefängnißwärter trat in ineine Zelle, ihm folgte eine tiefverschleierte Dame. „Ach, mein Gott!" stöhnte diese und schlug die Hände zusammen. „Wie schauerlich sieht es hier aus! Und nur um meinetwillen mußte der Arme solch gräßliches Leid erfahren!"

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