Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 42 (26.5.1897)
- Date
- 1897-05-26
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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777 Feuilleton. Getreu bis in den Tod. -5) Von Maurice Ma?on Wenn ich die Blätter meines Tagebuches um-- wende und jeden Vorgang in meinem Leben prüfe, so fühle ich, wie mein Blut stockt und wie sich mir wieder die Frage aufdrängt: ist es denn wirklich mein eigenes Leben, das da niedergeschrieben worden ist? Cholikoff war mein Familiennamen, jetzt beiße ich Löwenstein; Rußland war mein Vaterland, jetzt bin ich heimathlos! Heimathlos! Ach wie schrecklich klingt das einzige Wort, wie erstarrt das Blut bei seinem schaurigen Klang! Ja, ich bin heimathlos! Nichts ist mir von der Heimath geblieben, als der Schmerz verflossener Zeiten. Einsam schreite ich zwischen den Menschen dahin, die mir fremd sind und fremd entgegentreten. . . Doch ich will den Faden meiner Erzählung wieder aufnehmen und versuchen, die Erinnerungen an die grauenhaften Erlebnisse zu Papier zu bringen. Endlich hatte mir der Arzt gestattet, das Zimmer zu verlassen. Mein Herz pochte laut, als ich ihr Zimmer betrat, aber mit einem Schreckensruf prallte ich entsetzt zurück, und ich wäre umgefallen, wenn mich nicht der Diener, der mit dem Säubern des Zimmers beschäftigt war, in seinen Armen aufgefangen hätte, lieber dem Schreibtisch meiner Cousin, hing das Bild des Stifters der christlichen Religion, darunter nach griechisch-katholischer Sitte eine Ampel. Der Diener leitete mich zu einem Sessel, in welchen ich kraftlos niedersank. In demselben Augenblicke trat 'Nelly ins Zimmer. Leichenhafte Blässe überzog ihr Gesicht, als sie meinen: Blicke folgte, der stier auf das Bild gerichtet war. „Laßt uns allein!" herrschte sie den Diener an. Dieser machte ein bestürztes Gesicht und verließ mit einer tiefen Verbeugung das Zimmer. „Nun Vetter l" begann sie mit herausfordernder Miene. „Was verschafft mir die Ehre Deines Besuches? Eigentlich trifft es sich gut, daß Du zu mir gekommen tzist, ich würde Dich sonst selbst ausgesucht haben." „Relly!" brach es bebend über meine Lippen, „was soll das?" Ich wies mit der Hand nach dem Bilde. „Das sollst Du erfahren, sobald Du etwas ruhiger geworden," sagte sie mit dumpfer Stimme, während eine jähe Röthe in ihr Gesicht stieg. „Ich will . . ." „Nein, nein Nelly!" schrie ich verzweiflungsvoll. „Du sollst mir nichts sagen, bevor Du mich angehört hast. Nelly, ich kenne den Jrrthum Deines Herzens, war ja die grauenhafte Erkenntniß die Ursache der schweren Krankheit, die wochenlang mein Leben bedrohte. Und doch wünschte ich mir lieber einen zehnfachen qualvollen Tod, als diesen Anblick! Ach, mein Gott, mein Gott, wäre damals die Krankheit nicht so jäh über mich gekommen. Du hättest es schon früher vernommen, was ich Dir jetzt mittheilen will, und vielleicht wäre es damals noch nicht zu spät gewesen. . . . Sieh', Nelly, schon als Kind habe ich Dich geliebt mit der ganzen Gluth, der ein junges, unverdorbenes Herz fähig ist. Ich wußte, daß meine Liebe hoffnungslos war und erzwang mir die Kraft der Beherrschung. Da wurdest Du mir plötzlich durch das Wort Deiner sterbenden Mutter zu eigen gegeben. Aber diese Gabe, die mich früher zum Glücklichsten aller Sterblichen gemacht hätte, sie wurde in demselben Augenblick, wo sie mir offenbart wurde, der Fluch meines Lebens. Denn die Lippen der Sterbenden, die mir das höchste Glück verkündeten, gaben diesem zugleich den Tod, indem sie mir den Jrrthum Deines Herzens offenbarten. Der letzte Hoffnungsschimmer, an den ich mich geklammert, mit der verzehrenden Gluth meiner Liebe geklammert, erlosch, ich wußte, daß ich Dich niemals besitzen darf. Aber ich hatte der sterbenden Mutter gelobt, über Dich zu wachen und gegen jene Verirrung, welcher Du verfallen warst, anzukämpfen. Ich hatte gelobt, das Höchste, das Du besitzt, Dein Gewissen zu schützen, und wenn es nothwendig ist, dasselbe mit meinem Leben zu vertheidigen. So höre denn, Nelly. Ich entbinde Dich von dem Zwang, den der letzte Wunsch Deiner Mutter Dir auferlegt hat; ich gebe Dich frei, weil mein Anblick Dir verhaßt ist, und gerade weil ich gelobt habe, über Dein Glück zu wachen. Du sollst keine verhaßte Fessel tragen, sondern frei und ungehindert Deinen Weg gehen. Aber ich versprach der Tante auch, über Dein geistiges Wohl zu wachen. So erkläre ich Dir Nelly — und es ist mir mit dem, was ich spreche, heiliger Ernst — daß ich Dich nur dann des letzten Wunsches Deiner Mutter ledig erkläre, wenn Du Deine unsinnige Leidenschaft für den Grafen Leontjew aufgiebst und Deiner Religion treu bleibst. Trifft Deine Wahl einen Glaubensgenossen, so werde ich Eueren Bund segnen, sonst. ..." „Spare Deine Worte, Vetter," unterbrach mich Nelly, „meine Liebe gehört dem Grafen, und in wenigen Stunden bin ich sein Weib. Heute soll unsere Vermählung ftattfinden, nachdem zuvor meine Taufe. ... Um Gotteswillen, was ist Dir, Vetter?" Ich taumelte zurück, dann brach ich in ein lautes wahnsinniges Lachen aus. . „Deine Taufe, Nelly? So wenig gilt Dir Vater, Mutter, Volk und Glauben, daß Du wie ein Spiel-