Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 41 (24.5.1897)
- Date
- 1897-05-24
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448705-2448744--43938-2493010- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
761 — 21. Mai. Die seil 2 Tagen hier veranstalteten Kundgebungen gegen die Juden haben zu 19 Verhaftungen geführt. Die Garnison ist konsignirt. Nachdem der gestrige Tag verhältnißmäßig ruhig gewesen war, steigerte sich gegen Abend die Aufregung wieder. Ein Mann Namens Mardochai feuerte aus seinem Hause auf die Menge und verwundete einen Menschen tödtlich. Mardochai wurde verhaftet. Mehrere andere Personen wurden leicht durch Revolverschüsse verletzt. Auch in dem Dorse Cassaigne sind gegen die Juden gerichtete Unruhen ausgebrochen. Die Araber plünderten dort die Läden der Juden. — 22 Mai. Zahlreiche arabischeBanden sind in den Dörfern der Umgebung erschienen. Um Plünderungen zu verhüten, werden große militärische Maßnahmen getroffen. Palästina. <[ Rehobolh In diesem Jahre wurde zuerst aus einigen Kantar hiesiger Sernillontrauben ein süßer Weißwein gekeltert. Die Preise, die sonst für hiesige Trauben im Keller von Rischon l'Zion bezahlt werden, waren für den Kantar in diesem Jahre die folgenden: Französische Trauben 25 Francs, Alicante 30 „ Cabernaas Sevignon 70 „ Malbec 50 Weiße indische Trauben 40 „ Im Jahre vorher hat man im Keller für Malbec noch 70 Francs gezahlt, dagegen für Alicante nur 25 Francs. Doch geht der Vortheil bei letzterem für die Kolonisten dadurch wieder verloren, daß die Alicantentrauben jetzt einige Tage länger am Stock bleiben sollen, wodurch das Gewicht vermindert wird. Feuilleton. Getreu bis in den Tod. 24) Von Maurice Ma?on „Brauche ich es Dir zu wiederholen, lieber, einziger Sergei, daß ich Dich, nur Dich allein liebe r Ach, und mit welcher heißen, verzehrenden Gluth?! Was ist mir dagegen Leben, Reichthum, Religion! Aber der Schatten des Todes steht zwischen uns. Haben sich nicht die Lippen der sterbenden Mutter mit einem Wunsche geschlossen, der mich zwar zu der Unglücklichsten aller Sterbenden macht, der mir aber heilig sein muß. Darf ich ohne Weiteres dem Willen einer Todten trotzen? Sieh, Liebster, die Religion, den Vater würde ich, wenn auch schweren Herzens hingeben für Deine Liebe, da ich hoffe, daß der Gott der Liebe ein Vergehen um einer großen Liebe verzeihen, und daß der Vater seinem einzigen Kinde nicht ewig grollen wird. Aber die Todte, wie vermag ich sie zu besänftigen? O dieser Vetter, dieser verhaßte Vetter. Schon sein erster Eintritt in unsere Familie hat Streit und Zwist gesät! Er hat meine arme Mutter fanatisirt, verstand es, im letzten Augenblicke ihres Lebens mein Unglück von ihr zu erpressen! Aber war es nicht der letzte Laut der geliebten Stimme, der diesen Wunsch aussprach? Ich muß die verhaßte Feffel tragen, muß dem Machtgebote der Pflicht mich beugen, und wenn ich darüber zu Grunde gehe: Drum laß ab von mir, Sergei, und erschwere mir nicht den harten Kampf zwischen meiner Liebe und der grausen Pflicht. Ach, mein Gott! Soll ich ein Glück erkaufen mit dem Fluche der todten Mutter und der Verstoßung durch den greisen Vater?" Ein lautes Schluchzen entrang sich ihrer Brust. „Aber Nelly, inniggeliebte, angebetete Nelly," erklang nun eine weiche, volltönende Männerstimme. „Willst Du dem Wahnwitz einer Sterbenden, die, wie Du selbst sagst, ein Fremder dazu gedrängt, Dein Lebensglück opfern? Willst Du Dein Leben zu einer Lüge herabwürdigen, indem Du mit einem Herzen voll glühender Liebe für mich, Deine Hand einem Fremden reichst? Ist das nicht sündhaft? Und weißt Du nicht, daß Du damit auch mich namenlos elend machst? Ich kann nicht leben ohne Dich, Du Wonne meines Daseins! Und glaubst Du, ein Recht zu haben, unter den Trümmern Deines Glücks auch das meinige zu begraben? Nelly, meines Lebens Leben, schau dort die Himmelskugel, die eben ihre letzten Strahlen zur Erde sendet. Ihr Licht durchmißt die endlosen Welträume; soll eine Liebe, welche heller leuchtet, heißer wärmt, als die rollende Feuerkugel am Horizont, ihr Flammenmeer hemmen, weil menschlicher Aberwitz ihr Halt gebieten will? Nein, Nelly, nein! Tausendmal nein!" „O mein Gott, mein Gott," schluchzte Nelly. „Nennst Du das Pflichterfüllung?" fuhr dieselbe Stimme, an der ich längst den Grafen Leontjew erkannt hatte, mit Eifer fort. „Und glaubst Du, ich würde mich der unsinnigen Verordnung Deiner Mutter fügen? Nein, Geliebte, nie und nimmer; sie wird für mich ebensowenig bestimmend sein, wie die Absage, die ich soeben durch Deinen Vater empfangen habe!" „Ach, Sergei, wie gerne möchte ich Dir für das ganze Leben augehören! Aber habe Mitleid mit mir! Mein Herz ist so beklommen, mein Kopf so wüst, daß ich jetzt keines gesunden Urtheils fähig bin. Erlasse mir daher vorläufig noch den entscheidenden Entschluß. Ich will mit meinem Vetter sprechen, will ihm ein offenes Geständniß ablegen,